Herbst

24 09 2018

…und alles atmet etwas ruhiger und leiser,

und dieser trockene, durchwärmte Duft

vom goldgebräunten, sonnensatten Laub,

vermischt mit kratzigem Parfüm und Straßenstaub,

schwebt in beruhigt müder Abendluft

und ruht sich aus nach langer Tagesreise.

 

Der Sommer war so hold, sein Griff so unauflöslich! –

Nun blättert er, gemäßigt, ab. Es ist genug.

Der Herbst, so herrlich frei von Zwang und Wirr’n,

legt seine Hände auf die fiebrige, gequälte Stirn,

löscht ruhelose Träume aus: zart, sicher, Stück für Stück:

Ohne Aussicht und Hoffnung, – und doch unendlich tröstlich.

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Der Vorhang fällt

15 09 2018

Der Vorhang fällt,

und dieses endlos Drama, –

schon elendige tausendmal gespielt,

Gedeutet tausendmal bis in den Amok

hinein,

Nach jedes neuen Bühnendirektoren Laune,

Sich seinem unausweichlich´ Ende nähert,

Mit bunt und laut die Seele nimmer quält,

Klingt langsam ab. Hallt kurz noch nach. Dann kommt die Stille…

 

Erschöpfter, überreizter Nerven stumme Lähmung.

Noch rauchen schweigsam die ermüdeten Schauspieler,

Noch wandern ruh´los auf der leeren Bühne,

Betäubt durch pure Sinnenüberschwemmung.

Entkleidet jeder Leidenschaft und Wille,

Jeder mit sich allein: ah wie privat und schräg

Ist dies zerbrechliche Intimität der stummen Welt.

 

Und keiner merkt in dieser müden Wonne,

Wenn kein Gesicht seine gewohnte Rolle trägt,

Das Spiel mag aus sein, Lampen und Kulisse weg,

Doch der Zuschauer wacht und lauscht, und schaut und zählt,

Voll Wissbegierde, ohne Scham und Hemmung.

Man will sich schützen, wegdrehen, Augen zu, verstecken,

Man sieht umher und schaudert, denn der Vorhang fehlt…

 





Kindheitsträume

16 07 2018

Makabre, bunte, unerforschte Welt

Der Kindheitsträume!

Noch nicht gezähmt durch kritischen Verstand,

Nicht gargekocht, portioniert, verdaut und ausgeschieden

Aus dieser schmerzhaft frischen Seele,

die nach noch klebrigen, heut Nacht gekeimten Blätterspitzen riecht.

Die über Welten steigt – und Risse im Asphalt verängstigt meidet.

Die abends Nachttischlampe nicht ausschaltet,

und doch zugleich so viel in ihrer bebenden Lebendigkeit verkraftet,

was jedem „großen“ Mensch das Rückgrat bräche…

Die aus den ganzen Lungen heult und jubelt,

Verschränkt und transzendent in ihrer Puppenhülle.

Lebendige, bewegte Kindheitsträume! –

Fragile Atemzüge auf dem ersten Eis,

Gouache der Sommenächte, dicht und tief:

die Schmetterlinge der bizarren Fantasien,

die unsere Erwachsenendämonen nähren,

Und doch in ihrer tiefsten, bittersten Ausprägung

So unbeschmiert sind, rein und einfach…





Nachtwache

25 06 2018

Humor und Weisheit nutzen letztlich nichts,

Wenn ich in tiefster Nacht unruhig wache,

Mit Mühe atme, sehne mich nach Licht,

Und meine alten, nie bekämpften Drachen

Sind wieder da…

Im trostlosen Zwielicht

Sie treten weich voran,

umkreisen mich,

Und ihre schattigen Gesichter lachen…





Hoffnung

14 05 2018

Die Hoffnung. Das sehnsüchtige Verlangen

Nach einem Morgen, wenn das Heut´ zusammenbricht.

Die Saat, die, niemals gänzlich aufgegangen,

Noch nicht gekeimt und doch zugleich vergangen,

Vernunft zu Trotz noch immer strebt nach Licht.

 

Aus transzendentem Schmerz, einseitig bindend,

Mit nie erlebtem Gott geschlossener Vertrag:

Man gibt sich auf, man fügt sich Tag für Tag,

Dafür, dass Er in Seinem Jenseits einem Seelenwrack

Seinen nie ruhenden, endlosen Kummer lindert.

 

Teil unsrer Entropie, die sich nicht mindert.

Sie trügt zum Heitersein im allerschlimmsten Jetzt,

Man lebt so leicht, von ihrem Widerschein verhext.

Dem Lebenden sein trotzigster Reflex:

Die Hoffnung. Unsre allerbest´ Erfindung.





Jeder ist allein

30 04 2018

Jeder ist allein… – Ewig und immer.

Trotz all den mitfühlenden Stimmen,

Die einen zu trösten suchen…

Nein!

Wie der letzte sprachlose Stein

Unter dem schweigenden Himmel,

dem so herrlich gleichmütigen,

dem so unantastbaren,

dem es so völlig gleichgültig ist,

ob du ein Mensch oder Stein warst…

 

Und wenn dir dein Herz einmal barst

Beim Erkennen deines Alleinseins:

Wisch deine Tränen weg: das war es,

Es kommt nimmer viel zu wissen,

zu denken, zu fürchten, zu sein:

Jeder auf eigene Weise:

Ob schreiend, ob lachend, ob leise,

Jeder ist immer einsam.

Jeder ist allein.





Alma

23 04 2018

Ich weinte neulich über Alma

mit ihrer stechenden, zersetzenden Bitterkeit,

mit ihrem Bewusstwerden über all die geflossene Zeit,

all die versäumten Chancen,

über die „galvanisierte Leiche“ ihrer Kunst,

ihrer jungen Saiten, die gerade dann verstummten,

wo sie erst anfingen stimmig zu klingen.

 

Mit all ihrer bösartigen, kasteienden, furiosen Erbitterung,

in der sie den Gustav – nur teilweise verdient – zu Grabe trug,

ihr offenes mädchenhaftes Gesicht einer begeisterten Künstlerin

zur strengen Maske einer abweisenden, kalten Frau erstarrt,

 

Er tötete sie wohl. Doch auch sie töte sich selbst mit!

 

Kein Mann und keine Frau sind allein dran schuld,

wenn man verstummt – verstummt nach innen!

Wenn man geplagt von Visionen seiner alten Träume,

Von eigener Unfruchtbarkeit, Unfähigkeit zu schaffen,

Unfähigkeit zu sprechen, denn es eigentlich um Sprechen geht,

die eig´ne Stimme dem Konsens und Norm aufopfert,

so gerne will man mit dabei sein!

So gerne möchte man geliebt, umarmt, verstanden werden,

während man sonst in eig´ner stummen Welt erstickt,

befreit und ungebunden, schaffend und so einsam…

 

Man gibt sich her, freiwillig, sogar jubelnd:

Jetzt endlich mal gehören!

Endlich jemandem sein Alles sein,

Endlich normal! Wie alle! – doch man ist es nicht tatsächlich,

man ist glückselig und verflucht zugleich,

ein wenig schizophren,

wusstet ihr schon, die Großen waren es doch alle –

Ein wenig schräg für mäßigen Genuss?

 

Man will es selbst – und ist sofort verschollen,

Man merkt es nur verzweifelt, wie man in die Norm entgleist,

Und schmerzt nach innen, von Normalität umkreist:

Mittäterschaft des innigsten Dazu-Gehören-Wollens

Ist wohl die schlimmste Sünde für den wachen Geist.