Lost in Translation: Zemfira´s Хочешь (If you wish) Ru > En

25 10 2018

Und schon wieder mal ein Lied von Zemfira. Diesmal handelt es sich um Хочешь? – was ich ins Englische als fragend einladendes „If you wish“ übersetzt habe. „Wenn Du möchstest?“ wäre es wahrscheinlich auf Deutsch.

Хочешь? – ist ein dieser alten Lieder Zemfiras, die recht viel Diskussion hervorriefen und zu ihrem uneindeutigen Ruf beitrugen. Ich meine, ihre Wahnsinn anmutenden Pupillen in dem Video haben wahrscheinlich auch ihres gemacht 🙂

„Wenn Du möchtest, töte ich die Nachbarn, die Dich beim Schlafen stören“ – ich erinnere mich noch an diese leicht zurückhaltende Ablehnung im Gesicht meiner Großmutter: „Aber ist es nicht zu viel, wie kann man so etwas singen, man töte die Nachbarn?“. Was ich interessanter finde, von der klassischen Strukturlogik werden Gedichte in ihrer emotionalen Ladung eher steigernd aufgebaut: vom Milderen zu dem Schwerwiegenderen. In dem Sinne ist es ziemlich spannend, dass der Text das Weggeben der eigenen Lieder/Gedichte implizit in die stärkere, schwerwiegendere Position stellt, als den Mord an störenden Nachbarn. Ah, zemfira weiß es ganz genau, wie tot es sich anfühlt, nicht kreieren zu können…

Zемфира – Хочешь? Zemfira – If you wish
Пожалуйста не умирай
Или мне придется тоже
Ты конечно сразу в рай
А я не думаю что тоже

 

Хочешь сладких апельсинов
Хочешь в слух рассказ длинный
Хочешь я взорву все звезды
Что мешают спать

Пожалуйста только живи
Ты же видишь я живу тобою
Моей огромной любви
Хватит нам двоим с головою

 

Хочешь в море с парусами
Хочешь музык новых самых
Хочешь я убью соседей
Что мешают спать

Хочешь солнце вместо лампы
Хочешь за окошком Альпы
Хочешь я отдам все песни
Про тебя отдам все песни

 

Хочешь солнце вместо лампы
Хочешь за окошком Альпы
Хочешь я отдам все песни
Про тебя отдам все песни

Please, don´t die,

otherwise I would have to – with you.

You´d go straight to heaven, of course,

And me? I don´t think I could, too.

 

If you wish  sweet oranges?

If you wish – long stories read aloud?

If you wish, I would blow up all the stars

That ruin your sleep.

 

Please, you just live on,

Can´t you see, I am living in you?

My enormous love

Would be enough for the two of us.

 

If you wish – sailing at sea?

If you wish – all the newest music,

If you wish, I would kill the neighbours

That ruin your sleep.

 

If you wish, the sun instead of a lamp,

If you wish – the Alps behind the window,

If you wish, I would give my songs away,

Would give all my songs about you away.

 

If you wish, the sun instead of a lamp,

If you wish – the Alps behind the window,

If you wish, I would give my songs away,

Would give all my songs about you away.

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Lost in Translation: Malikov´s „Чёрный дрозд и белый аист“ (Ru>En)

18 10 2018

Bei dem heutigen Lied fand ich meine deutschsprachige Übersetzung nicht überzeugend: zu schwer, unbeweglich, zu tragisch. Das Lied ist an sich eh alles andere, als lustig, auf deutsch klang es aber schon richtig suizidal. Daher folgt hier eine Übersetzung ins Englische.

Dmitry Malikov, der Sänger, ist ein interessanter Typ… Er ist eindeutig in der Poptradition beheimatet. In den 1990er Jahren präsentierte er seine prächtige Mähne in der Shampoowerbung (am Klavier sitzend, so ein intelligenter Romantiker, der gerade seine nach oben gelackten 80-er Locken kürzen ließ). Nach wie vor singt er leichtsinnige Liedchen mit Texten wie „Mama, Mama, es ist Sommer, über Probleme reden wir mal später, in September“ oder „wie viele gute Mädchen verliebten sich in mich: unzählige Menge, ich bin unverbesserlich“. Das noch in einer für meinen Geschmack eindeutig zu hohen Stimme, und, Mensch, solange er kein Nilda Fernandez ist, hat er mit solcher Stimmlage keine Chance.

Und dann gibt es bei ihm abseits dieses Pop-Mainstreams eine Reihe Kompositionen, die nicht wirklich zu seinem Hauptwerk passen. Oder sind es gerade sie, die Lieder, die sein Hauptwerk werden sollten?

In produktiver Kooperation mit der mittlerweile in Italien lebenden Autorin Lydia Vinogradova macht Malikov unerwartet tiefe, oft auch dünklere Lieder mit poetisch komplexer Metaphorik und schöner Bildhaftigkeit. Da stören nicht einmal etwas extravagante Videos, in denen sich Glam-Kitsch der Modeschaus mit Buddhismus vermischt.

Die Texte, die im scharfen Kontrast zu dieser sonstigen junggebliebenen Gestalt eines Romantikers mit blonder Mähne stehen und mir alle so sorgfältig versteckten, stumm geschalteten Saiten im Herz in die kathartische Höhe ziehen.

Seinem „Выпью до дна“ („Ich trinke es aus“) verdanke ich so unglaublich zutreffende Metapher eines erstaunten Spiegelbildes. Sein „Изумрудный город“ („Smaragdenstadt“) schenkte mir, als ich 7 war und bei weitem nicht alles an der verträumt naiver Bildlichkeit des Liedes verstand, endlose Stunden des schweigsamen, wohl-aufgehobenen und verträumten Glücks. Ich spielte das Lied im Kassettenspieler so lange, bis die Kassette nicht auf magische Weise spurlos verschwunden war. Sollte man vielleicht bei den Eltern nachfragen, was aus ihr geworden ist…

Das heutige Lied gehört zu derselben Reihe und ist für mich in vielerlei Hinsicht mehr, als bloß ein Lied. Der Typ aus der Shampoowerbung hat es in sich, unglaublich.

В продрогшем октябре китайской тушью Amidst the shivery October, painted with Chinese ink
Пронзителен на небе птичий клин. A birds´ wedge feels so sharp in the sky.
Ты по слогам читала мою душу, You read my soul, syllable after syllable,
Но я останусь зимовать один. And still I will stay alone over the winter.
Лети на юг; я – северная птица. Fly southward! – And me, I am a Northern bird,
Не тронет лёд сердечного тепла. No frost ever bites the warmth of my heart.
Как тяжело в полёте не разбиться It is so hard not to crash/break down,
От твоего до моего крыла. Flying from my wing to yours.
Я с этим умиранием сживаюсь: I learn to live with this dying:
На двух недостижимых полюсах These are two unreachable poles,
Расселись чёрный дрозд и белый аист. Where a blackbird and a white crane positioned themselves.
Мы встретимся с тобой на небесах. We´ll see each other in the sky above.
Спустя границы, души и пространства Passing the borders, soulds and spaces,
Летим на встречу столько долгих зим, We fly to each other all these winters long.
Но видит Бог и муки постоянства Yet the God sees everything, and so he sends this pain of permanence
Он посылает грешникам своим. upon his sinners
Нас тянет вопреки земным запретам We are attracted against any worldly prohibitions
Друг к другу через тысячи нельзя. To each other, against a thousand of taboos
Ты улетишь опять туда, где лето, You will leave for your summer again,
Я, как всегда, останусь ждать тебя. And I will stay waiting for you, as usually.

 





Lost in translation: Zemfiras „Ich lernte Sie zu lieben“ (Ru>De)

27 08 2018

Zemfira ist für die russischsprachige Musik etwas ganz besonderes. Von manchen wegen ihres frühen, oft ziemlich idiosynkratischen Umgangs mit Wort und Syntax, von anderen  wegen ihren späteren, eindeutig erkennbar „ihrigen“ und doch lyrischeren und klassischer klingenden Alben abgelehnt, ist sie einfach… sui generis. Bodenlose Tiefe kombiniert mit trotziger Einfachheit.

Hier kommt ihr „Я полюбила Вас“ (IPA: /ja pəlʉbilə vas/, De: /ja palübIla Wass/, „ich habe Sie lieben gelernt“):

Медленно, верно газ плыл по уставшей комнате, Langsam, aber sicher schwebte Gas quer durch mein müdes Zimmer,
Не задевая глаз тем, что вы вряд ли вспомните. Kaum die Augen mit Gestalten berührend, an die Sie sich eh kaum erinnern werden
Бился неровно пульс, мысли казались голыми, Mein Puls schlug unruhig, Gedanken schienen ganz bar,
Из пистолета грусть целилась прямо в голову. Trauer zielte ihre Pistole mir in den Kopf.
Строчки летели вниз, матом ругались дворники, Die Zeilen flogen herunter, (wo im Hof) Straßenfeger wild schimpften.
Я выбирала жизнь, стоя на подоконнике. Ich entschied mich für das Leben, auf dem Fensterbrett stehend.
В утренний сонный час, в час, когда все растаяло In der frühen Morgenstunde, als es alles verging,
Я полюбила вас, Марина Цветаева! Verliebte ich mich in sie, Marina Tswetaewa!

Die letzte Zeile ist zweierlei Verweis auf die Dichtung des russischen Silbernen Jahrhunderts (Belle Epoque).

Marina Tswetaewa war eine prominente Dichterin, die in dem letzten Jahrzehnt vor der Oktoberrevolution – und dann nach Perestroika große Berühmtheit genoss. Tswetaewa wanderte nach 1917 aus, kehrte zurück, fand keine Leserschaft und keinen Markt mehr für ihre Gedichte, wurde wegen ihrer erstmaligen Ablehnung der Bolschewiken arbeitslos, verarmte und erschoss sich schließlich aus Verzweiflung. Tswetaewas Hand gehört auch die ursprüngliche Aussage, deren Struktur Zemfira aufgreift: „In der frühen Morgenstunde, ungefähr um viertel fünf, verliebte ich mich in sie, Anna Achmatowa!“.

Anna Achmatowa ist wiederum eine zweite, ganz große russische Dichterin des Silbernen Jahrhunderts und dann weit bis in die 1940er Jahre. Achmatowa kennt wahrscheinlich jeder… Sie ist einfach großartig, und ihre Dichtung, schlicht und zugleich subtil, spannt einen schönen Bogen zwischen dem Ausklang des alten Literaturkanons der Belle Epoque über die Jahre der politischen Isolation bis zu dramatischen Gedichten über die Stalinschen Säuberungen oder aus dem eingekesselten Leningrad.

 





Unzeitgemäße Beobachtung

8 11 2017

Es gibt halt diese Menschen, die die Wände – im Falle der Uni Wien eher die Türe der öffentlichen WCs mit den Sprüchen beschmieren, die so in (pseudo-?)philosophische Richtung neigen. Wie etwa kritzelt so eine kreative Hand: „Fuck Islam und Kopftuchwahn“. Gleich darunter liest man, in einer anderen Handschrift geschrieben, eine weitere „ewige Wahrheit“: „Männer mit langen Haaren! Tragt Kopftücher, denn eure Haare machen mich zu geil!“. Noch weiter unten sieht man einen Aufkleber Refugees Welcome.

Nun, warum ich das hier anspreche. Wie man vielleicht weiß – ich verheimliche ja nichts – habe ich selber so was von einem Migrationsvorderhintergrund. Dank meiner beruflichen Tätigkeit der letzten zwei Jahre – in der Sozialbetreuung der ankommenden AsylwerberInnen – behaupte ich auch, ein etwas unmittelbareres Wissen aus der Sphäre zu haben, als so manch ein selbstberufener Philosoph, sei es einer, der sich für einen Politiker (oder Politikerin) hält, oder so einer (oder eine 😉 ), der/die nicht weiter kommt, als die Türe anzuschmieren.

Ich habe zum Beispiel kaum eine Iranerin mit Kopftuch gesehen, von Vollverschelierung ganz zu schweigen. Mir dünkt, mein revidiertes Bild einer Iranerin – einer Frau mit beneidenswert vollen dunklen Haaren und so schön charaktervollen Gesichtszügen, gekonnt unterstrichen durch Schminke, ganz leger und „westlich“ angezogen – passt nicht unbedingt in die allgemein herrschende Vorstellung, nicht wahr?

Auch im privaten Umfeld bin ich mit Menschen aus diversen Herkunftskulturen befreundet. Eine gute Freundin von mir kriegt zum Beispiel keine abschlussrelevante Stelle, da sie – eher aus familiären Gründen, als aus irgendeinem religiösen Wahn – ein Kopftuch trägt. Kein Niqab, nichts, ein schönes weißes Kopftuch, das ihre feinen Gesichtszüge ziemlich schön betont. Die junge Dame ist in Österreich aufgewachsen, hat einen BWL-Abschluss und zitiert aus dem Gedächtnis Goethe.

Ich selbst wurde äußerst weltlich aufgezogen, mein Wissen über die Religionen verdanke ich eher meiner lebenlangen Leidenschaft – Geschichte, als familiärer oder schulischer Prägung. Ein Kopftuch, das auch bei den Orthodoxen eine wichtige Rolle spielt, ist für mich eine leere Formalität. Die Diskrepanz zwischen meiner Einstellung – und der meiner guten Freundin – stört uns aber keinerlei daran, eine gegenseitige Sympathie, bzw. Respekt zu emfpinden. Ich würde mal sagen, wenn wir uns schon nicht einig sein sollten, dann eventuell nicht wegen des Glaubens, sondern eher weil ich nicht Goethe, aber eher Rilke mag.

Um die Kurve jedoch abzuschließen, zurück zu Refugees Welcome. Die allerwichtigste Frage, die ich nun in den Raum stellen möchte. Mir fiel nämlich auf, dass die weibliche Silhouette auf dem Aufkleber eine eher „westliche“ Frau darstellt: ihre schulterlangen Haare wehen im Winde, ihr Kleid ist knielang und ärmellos.

Und an der Stelle möchte ich nun fragen: heißt es etwa, nur die Flüctlinge sind willkommen, bei denen die Frauen ohne Kopftuch und westlich angezogen herumlaufen? Wie gesagt, keine Rede von Niqab. Kopftuch. Lassen wir die syrischen Frauen „dahaam“ bleiben, wenn sie kein kurzes Kleidchen anziehen wollen? Heißt es, wir nehmen nur Iranerinnen auf? Heißt es, dass ich – blonde Haare, blaße Haut, blaue Augen – „österreichischer“ und willkommener bin, als meine Freundin, mit der ich über die deutsche Dichtung von Sturm und Drang reden kann? Heißt es nicht, dass unser „Herzlich willkommen“ sehr oft so simplistisch und naiv ist, dass wir nur die Menschen akzeptieren wollen, die uns selbst gleich aussehen? In die innere Welt von ihnen schauen wir nicht einmal rein: wozu auch, denn, siehe oben: „Kopftuchwahn“?

P.S. Für diejenigen, die an Migration und Flucht als Thema tatsächlich auch tiefgreifender interessiert sind, möchte ich hier noch ein neues Buch von Philipp Ther empfehlen: „Die Außenseiter„. Es ist eine auch sprachlich, jedoch vor allem analytisch schön geschriebenes Buch, das auf einige Flucht- und Migrationsbewegungen in Europa seit dem 18. Jahrhundert eingeht und in viele elendlangen Debatten über die Integrierbarkeit eine so notwendige Maktoebene zieht. Keine Naivität, keine Hetze – durchdacht und ausgewogen. Äußerst gute Lektüre, die mir einige Augenblicke von „ah, das stimmt ja!“ oder „Wow, daran hab ich noch nicht gedacht“ schenkte.





I have a dream

28 06 2017

So to say… Vielleicht nicht heute und nicht in einem Jahr, aber eines Tages, Schritt für Schritt, möchte ich einige Sachen, die zum russischsprachigen Allgemeinwissen und Kulturgut gehören, ins Deutsche übersetzen. Das auf russisch Verfasste hat so viel mehr zu bieten, als die ewige, allen bekannte und daher fast schon fade Kombination „Tolstoj-Dostojewski-Shostakovich“. Dabei sind manche Autoren – ja ganze Wissenstraditionen im wahrgenommenen „Westen“ so gut wie unbekannt. Mit den Russischsprachigen redend, verzerre ich schmerzhaft die Miene, wenn sie ihre Belesenheit dadurch herzeigen wollen, dass sie Bulgakow gelesen haben. Um Himmels Willen! – Für Russischsprachige ist Bulgakow kein Bildungs-, sondern lediglich Alphabetisierungsmerkmal.

Als ich vor paar Jahren für die Aufnahmeprüfung Pädagogik an der Uni Wien ein äußerst unlogisch zusammengestelltes Buch lesen musste, fiel mir ein, dass die „westlich“ geprägten Autoren zwar vom pädagogischen Humanismus sprachen, sich dabei aber ausschließlich auf die USA bezogen. Wobei für mich pädagogischer Humanismus undenkbar ist ohne Wassili Suchomlinski oder Anton Makarenko. Die sind nicht lediglich Gestalten mitten im vorbeiziehenden Fluss der Zeit. Die sind der Inbegriff der humanistischen Pädagogik. Sie nicht zu kennen ist genauso unmöglich wie… nie von Viktor Frankl gehört zu haben.

Zwar waren beide Kinder ihrer Zeit: in Suchomlinskis „Briefen an den Sohn“ findet man recht viel Begeisterung für Kommunismus. Voll entzückt spricht er von dem, was ich mittlerweile als „Transformationsmoral“ abwerten würde: die Errichtung einer neuen, besseren, voll utopischen Gesellschaft, verflochten mit Pathos des Patriotismus (ich habe recht wenig gegen Patriotismus, solange es wirklich um die Liebe zum Eigenen – und nicht um die Abwertung des Anderen geht). Aber wie kann man das Suchomlinski zum Vorwurf machen? – dem Sohn der einfachen Dorfbauern aus tiefstem „nowhere“ in der Ukraine des frühen 20. Jahrhunderts, aufgestiegen dank der eigenen Begabung und kostenfreier Bildung – zu einem hochverehrten Pädagogen und Theoretiker des sowjetischen Humanismus in den Zeiten des Aufbruchs zum „sowjetischen Traum“ und wo dieser Traum ja so nah zu liegen schien – Weltallera und Tauwetter, Aufschwung der Wissenschaften und rasante Verbesserung des Alltags der Bevölkerung. Das Schwärmen nach der neuen Era, volle Überzeugung, dass der sowjetische Sozialismus eine bessere, gerechtere Gesellschaftsordnung, gehörten bei Suchomlinski zu einem Teil seines Lebensphilosophie, zu seinem Glauben.

Ob er manchmal hinwegschaut oder gewisse Sachen wirklich nicht sieht: GULAG, Holodomor und sonstige „Nebenwirkungen der Verbesserung“? Dabei spricht sich Suchomlinski in seinen Büchern immer wieder unglaublich tapfer gegen die individuelle „Taubheit“, Feigheit, Faulheit und menschenunwürdige Gleichgültigkeit der Gesellschaft aus. Er berührt insgesamt so eine breite Palette der Probleme, dass man ihn schon allein deswegen hätte lesen sollen. Und vielleicht sind manche Gedanken veraltet oder romantisch oder was sonst. Sie sind jedoch so schöne Denkanstöße…

Hier ist ein kleiner Auszug aus Suchomlinski, den ich vor 3 Jahren für diesen Blog übersetzte. Sollte doch regelmäßig gelesen werden, wenn die Abenddämmerung etwas dünkler als üblich wird.

I have a dream, wie gesagt…

 





Kipling aus der Schublade

12 06 2017

Man hört recht oft, dass die Bildung der Stereotype zwar lästig sein mag, jedoch ein wichtiges Nebenprodukt des menschlichen Denkens ist. Sobald man anfängt analytisch zu denken, sprich die unmittelbare Wirklichkeit nach diesem oder jenem Prinzip in bestimmte Kategorien zu gruppieren, sind sofort auch die Stereotype da. Sie sind ja im Endeffekt nichts anderes, als so eine Art Templates in unseren Hirncomputern, nach induktiver Logik vorgefertigte Muster und Modelle, die einiges am Erfassen, Verarbeiten und Verinnerlichen – am Verdauen unserer fluiden Modernität erleichtern. Ohne Stereotype hätte man, wie Puhl und Ritt mal im wissenschaftstheoretischen Seminar meinten, sich jeden Tag mit der grundlegenden Unsicherheit auseinandersetzen müssen, ob die Sonne auch diesmal aufgeht. Drama der Freiheit von „vorgekauten Denkmustern“ schlechthin.

Rudyard Kipling ist der heutigen Leserschaft vor allem als Autor von „Jungle Book“, also literarischer Papa von Maugli, bekannt. Außerdem wird wahrscheinlich jeder in geisteswissenschaftlicher Tradition aufgezogene Denker sich an das berüchtigt kolonialistische Gedicht „White Man´s Burden“* erinnern können. Literaturhistorisch versierter Mensch wird dazu auch „Kim“ gleich nehmen und – so wie Literaten das gerne tun – das bunte Reichtum der symbolischen Sprache des Romans eben postkolonialistisch zerlegen und sich am Ende wundern, wo nach diesem Präparieren die eigentliche Schönheit der Geschichte verloren ging…

Ich will an dieser Stelle kein Plädoyer für Kipling schreiben. Er war, und damit muss man leben können, ein britischer, spätviktorianischer weißmensch-Snob. Damals, right or wrong, konnte man so leben. Auch wenn mir als Gegengewicht für diesen schön gereimten Blödsinn von „White Man´s Burden“ immer ein anderes wunderschönes Gedicht von Kipling vor dem inneren Auge steht. „If“** mag einem paternalistisch, „stiff-upper-lipp“-ig und wie auch immer sonst vorkommen, aber ich liebe den Gedanken des ruhigen Stoizismus ohne Show, der aus dem Gedicht herausklingt.

Was ich jedoch heute zeigen möchte, hat eben mit dem oben angesprochenen Thema der Stereotypisierung zu tun. Denn ebenso von Kipling haben wir diesen elend-oft von jedem, aber wirklich jedem postkolonial-Interessierten zitierten Satz:

Oh, East is East, and West is West, and never the twain shall meet,

Till Earth and Sky stand presently at God´s Great Judgement Seat;

Böser Kipling, so meint man oft, schubladiesierte Osten und Westen (Osten eben negativ), indem er diesen zwei höchst künstlichen Gebilden den Status der natürlichen und unveränderbaren Kategorien verpasste. Böser und ganz gemeiner Kipling.

Böses und gemeines Halbwissen, das sich als allerletzte Weisheit tarnt. Denn auf die zwei Zeilen folgen in Wirklichkeit weitere Zwei:

But there is neither East nor West, Border, nor Breed, nor Birth,

When two strong men stand face to face, tho´they come from the Ends of the earth!

Und so verschiebt sich der Sinn der gesamten Aussage weg von dem in den Postcolonial Studies angebeteten Stigmas der besseren/schlechteren, fortschrittlicheren/rückständigeren Kulturen und zu der – mag sein, veralteten, und jedoch oft so extravagant schönen – Stiff-Upper-Lip´igkeit.

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* „White Man´s Burden“ kann hier gelesen werden

** „If“ kann hier gelesen werden

 





If Beethoven didn´t exist

31 07 2015

There is this great fashion to post something pseudosmart in the social networks, opening the whole post, of whichever depth and quality, with some sort of apocalyptic vision:

„Imagine the world without classical literature/drama/piano music/Nirvana/Beatles“ etc.

My „best ever“ so far has been a post on violin versions of popular Rock melodies, starting with an invitation to imagine how the world had sounded, if (NB!) „violin players would have destroyed all other musical instruments“. I have never thought the Instrumental guys are that brutal, you know.

In any case, such posts attempt to sell convey all the same message: the reader should break down and cry, earth-shattered by the author´s wisdom forced upon them, repent and find their way back to the heavenly Grace of „superior“ Art: „proper“ books, films, music etc.

The problem I have with those self-appointed moralist „Flagellants_2.0“ is my earnest belief that no one can be forced into virtue (whatever it be). The genuine acceptance of values, wisdoms, virtues – but also of errors, mistakes and alike – comes via one’s own experience on one’s own bare skin (or soul) – and definetely not through some pseudosmart sayings.

And I am by no means a person of authority at deciding what is right and what is wrong, and what belongs to good or bad taste. I speak three languages and yet often switch to suboptimal slang, neglecting the beauty and richness of the Standard register. I have been shameless enough to write to Benedict Anderson after I have found some inconsistency in his Imagined Communities and yet I ordered the three so-far published Travis-novels by Kleypas. Or I watch some highly dramatic films like Little Children and then SpongeBob with comparable pleasure.

I have discovered Beethoven. For myself, I mean. If there happens to be someone who has read my blog since its first days, you might remember my excitement about Gould’s version of the 14th Sonate. Recently it was the Allegretto from the 7th Symphony. If one could choose a soundtrack for one’s perception of something, this Allegretto would be my soundtrack for History as a discipline. Really. I don’t know how on Earth it is possible that a dead deaf Romanticist brings an educated neo-liberal Foucaultian scepticist into cry. Beethoven does.

Coming back to the pseudosmart sayings, here is one from me: if Beethoven did not exist, one should invent him.

Symphony 7, Movement 2. Furtwängler, Berliner Philarmoniker, 1943