I have a dream

28 06 2017

So to say… Vielleicht nicht heute und nicht in einem Jahr, aber eines Tages, Schritt für Schritt, möchte ich einige Sachen, die zum russischsprachigen Allgemeinwissen und Kulturgut gehören, ins Deutsche übersetzen. Das auf russisch Verfasste hat so viel mehr zu bieten, als die ewige, allen bekannte und daher fast schon fade Kombination „Tolstoj-Dostojewski-Shostakovich“. Dabei sind manche Autoren – ja ganze Wissenstraditionen im wahrgenommenen „Westen“ so gut wie unbekannt. Mit den Russischsprachigen redend, verzerre ich schmerzhaft die Miene, wenn sie ihre Belesenheit dadurch herzeigen wollen, dass sie Bulgakow gelesen haben. Um Himmels Willen! – Für Russischsprachige ist Bulgakow kein Bildungs-, sondern lediglich Alphabetisierungsmerkmal.

Als ich vor paar Jahren für die Aufnahmeprüfung Pädagogik an der Uni Wien ein äußerst unlogisch zusammengestelltes Buch lesen musste, fiel mir ein, dass die „westlich“ geprägten Autoren zwar vom pädagogischen Humanismus sprachen, sich dabei aber ausschließlich auf die USA bezogen. Wobei für mich pädagogischer Humanismus undenkbar ist ohne Wassili Suchomlinski oder Anton Makarenko. Die sind nicht lediglich Gestalten mitten im vorbeiziehenden Fluss der Zeit. Die sind der Inbegriff der humanistischen Pädagogik. Sie nicht zu kennen ist genauso unmöglich wie… nie von Viktor Frankl gehört zu haben.

Zwar waren beide Kinder ihrer Zeit: in Suchomlinskis „Briefen an den Sohn“ findet man recht viel Begeisterung für Kommunismus. Voll entzückt spricht er von dem, was ich mittlerweile als „Transformationsmoral“ abwerten würde: die Errichtung einer neuen, besseren, voll utopischen Gesellschaft, verflochten mit Pathos des Patriotismus (ich habe recht wenig gegen Patriotismus, solange es wirklich um die Liebe zum Eigenen – und nicht um die Abwertung des Anderen geht). Aber wie kann man das Suchomlinski zum Vorwurf machen? – dem Sohn der einfachen Dorfbauern aus tiefstem „nowhere“ in der Ukraine des frühen 20. Jahrhunderts, aufgestiegen dank der eigenen Begabung und kostenfreier Bildung – zu einem hochverehrten Pädagogen und Theoretiker des sowjetischen Humanismus in den Zeiten des Aufbruchs zum „sowjetischen Traum“ und wo dieser Traum ja so nah zu liegen schien – Weltallera und Tauwetter, Aufschwung der Wissenschaften und rasante Verbesserung des Alltags der Bevölkerung. Das Schwärmen nach der neuen Era, volle Überzeugung, dass der sowjetische Sozialismus eine bessere, gerechtere Gesellschaftsordnung, gehörten bei Suchomlinski zu einem Teil seines Lebensphilosophie, zu seinem Glauben.

Ob er manchmal hinwegschaut oder gewisse Sachen wirklich nicht sieht: GULAG, Holodomor und sonstige „Nebenwirkungen der Verbesserung“? Dabei spricht sich Suchomlinski in seinen Büchern immer wieder unglaublich tapfer gegen die individuelle „Taubheit“, Feigheit, Faulheit und menschenunwürdige Gleichgültigkeit der Gesellschaft aus. Er berührt insgesamt so eine breite Palette der Probleme, dass man ihn schon allein deswegen hätte lesen sollen. Und vielleicht sind manche Gedanken veraltet oder romantisch oder was sonst. Sie sind jedoch so schöne Denkanstöße…

Hier ist ein kleiner Auszug aus Suchomlinski, den ich vor 3 Jahren für diesen Blog übersetzte. Sollte doch regelmäßig gelesen werden, wenn die Abenddämmerung etwas dünkler als üblich wird.

I have a dream, wie gesagt…

 





Kipling aus der Schublade

12 06 2017

Man hört recht oft, dass die Bildung der Stereotype zwar lästig sein mag, jedoch ein wichtiges Nebenprodukt des menschlichen Denkens ist. Sobald man anfängt analytisch zu denken, sprich die unmittelbare Wirklichkeit nach diesem oder jenem Prinzip in bestimmte Kategorien zu gruppieren, sind sofort auch die Stereotype da. Sie sind ja im Endeffekt nichts anderes, als so eine Art Templates in unseren Hirncomputern, nach induktiver Logik vorgefertigte Muster und Modelle, die einiges am Erfassen, Verarbeiten und Verinnerlichen – am Verdauen unserer fluiden Modernität erleichtern. Ohne Stereotype hätte man, wie Puhl und Ritt mal im wissenschaftstheoretischen Seminar meinten, sich jeden Tag mit der grundlegenden Unsicherheit auseinandersetzen müssen, ob die Sonne auch diesmal aufgeht. Drama der Freiheit von „vorgekauten Denkmustern“ schlechthin.

Rudyard Kipling ist der heutigen Leserschaft vor allem als Autor von „Jungle Book“, also literarischer Papa von Maugli, bekannt. Außerdem wird wahrscheinlich jeder in geisteswissenschaftlicher Tradition aufgezogene Denker sich an das berüchtigt kolonialistische Gedicht „White Man´s Burden“* erinnern können. Literaturhistorisch versierter Mensch wird dazu auch „Kim“ gleich nehmen und – so wie Literaten das gerne tun – das bunte Reichtum der symbolischen Sprache des Romans eben postkolonialistisch zerlegen und sich am Ende wundern, wo nach diesem Präparieren die eigentliche Schönheit der Geschichte verloren ging…

Ich will an dieser Stelle kein Plädoyer für Kipling schreiben. Er war, und damit muss man leben können, ein britischer, spätviktorianischer weißmensch-Snob. Damals, right or wrong, konnte man so leben. Auch wenn mir als Gegengewicht für diesen schön gereimten Blödsinn von „White Man´s Burden“ immer ein anderes wunderschönes Gedicht von Kipling vor dem inneren Auge steht. „If“** mag einem paternalistisch, „stiff-upper-lipp“-ig und wie auch immer sonst vorkommen, aber ich liebe den Gedanken des ruhigen Stoizismus ohne Show, der aus dem Gedicht herausklingt.

Was ich jedoch heute zeigen möchte, hat eben mit dem oben angesprochenen Thema der Stereotypisierung zu tun. Denn ebenso von Kipling haben wir diesen elend-oft von jedem, aber wirklich jedem postkolonial-Interessierten zitierten Satz:

Oh, East is East, and West is West, and never the twain shall meet,

Till Earth and Sky stand presently at God´s Great Judgement Seat;

Böser Kipling, so meint man oft, schubladiesierte Osten und Westen (Osten eben negativ), indem er diesen zwei höchst künstlichen Gebilden den Status der natürlichen und unveränderbaren Kategorien verpasste. Böser und ganz gemeiner Kipling.

Böses und gemeines Halbwissen, das sich als allerletzte Weisheit tarnt. Denn auf die zwei Zeilen folgen in Wirklichkeit weitere Zwei:

But there is neither East nor West, Border, nor Breed, nor Birth,

When two strong men stand face to face, tho´they come from the Ends of the earth!

Und so verschiebt sich der Sinn der gesamten Aussage weg von dem in den Postcolonial Studies angebeteten Stigmas der besseren/schlechteren, fortschrittlicheren/rückständigeren Kulturen und zu der – mag sein, veralteten, und jedoch oft so extravagant schönen – Stiff-Upper-Lip´igkeit.

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* „White Man´s Burden“ kann hier gelesen werden

** „If“ kann hier gelesen werden

 





If Beethoven didn´t exist

31 07 2015

There is this great fashion to post something pseudosmart in the social networks, opening the whole post, of whichever depth and quality, with some sort of apocalyptic vision:

„Imagine the world without classical literature/drama/piano music/Nirvana/Beatles“ etc.

My „best ever“ so far has been a post on violin versions of popular Rock melodies, starting with an invitation to imagine how the world had sounded, if (NB!) „violin players would have destroyed all other musical instruments“. I have never thought the Instrumental guys are that brutal, you know.

In any case, such posts attempt to sell convey all the same message: the reader should break down and cry, earth-shattered by the author´s wisdom forced upon them, repent and find their way back to the heavenly Grace of „superior“ Art: „proper“ books, films, music etc.

The problem I have with those self-appointed moralist „Flagellants_2.0“ is my earnest belief that no one can be forced into virtue (whatever it be). The genuine acceptance of values, wisdoms, virtues – but also of errors, mistakes and alike – comes via one’s own experience on one’s own bare skin (or soul) – and definetely not through some pseudosmart sayings.

And I am by no means a person of authority at deciding what is right and what is wrong, and what belongs to good or bad taste. I speak three languages and yet often switch to suboptimal slang, neglecting the beauty and richness of the Standard register. I have been shameless enough to write to Benedict Anderson after I have found some inconsistency in his Imagined Communities and yet I ordered the three so-far published Travis-novels by Kleypas. Or I watch some highly dramatic films like Little Children and then SpongeBob with comparable pleasure.

I have discovered Beethoven. For myself, I mean. If there happens to be someone who has read my blog since its first days, you might remember my excitement about Gould’s version of the 14th Sonate. Recently it was the Allegretto from the 7th Symphony. If one could choose a soundtrack for one’s perception of something, this Allegretto would be my soundtrack for History as a discipline. Really. I don’t know how on Earth it is possible that a dead deaf Romanticist brings an educated neo-liberal Foucaultian scepticist into cry. Beethoven does.

Coming back to the pseudosmart sayings, here is one from me: if Beethoven did not exist, one should invent him.

Symphony 7, Movement 2. Furtwängler, Berliner Philarmoniker, 1943





Blogging und Googlesuche

13 11 2013

Vor ungefähr einem halben Jahr bin ich drauf gekommen, dass die Googlesuche nach meinem Namen direkt auf diese Blogseite führt.  Es gehört auch gesagt, dass mein Name – dank der Transliteration für die größte Mehrheit der Deutschsprachigen allein durch Copy-Paste schreibbar wird und daher fast ausschließlich von den Menschen gegooglt werden kann, die diesem Namen an der Universität Wien begegnet sind.

Nein, es ist nicht dass ich hier irgendwelche Staatsgeheimnisse posten würde und Angst vor der NSA hätte (wo ich diesen Satz fertig schreibe, sind die Daten vielleicht schon irgendwo in Washington, D.C. gelandet…). Es ist nicht dass ich hier irgendwelche mädchenhafte, tränenerregende Blödheiten schreibe oder dass ich mich dafür schämen sollte, dass ich zeichne (das weißt mittlerweile die Hälfte meiner Professoren, – und Zeichnen hilft mir bei Zuhören). Es ist keine eingebildete Bescheidenheit: ich bin bei weitem nicht so melodramatisch, dass ich zunächst etwas nach Außen trage und dann meine, es sei fürs private Nutzen gemeint gewesen. Alles, was hier gepostet wird, gehört gepostet. Alles, was ausgeklammert bleibt, gehört in das Private, also kein blödes Kokettieren mit „ich hab’s nicht gemeint“. Mein Fluffy-Bild auf dem ‚Avatar‘ verwende ich mittlerweile bei academia.edu und sonst wo, ich verstecke mich nicht, aber was für eine Rolle spielt mein Gesicht wenn es z.B. um die Kulturgeschichte geht, und solange man mich nicht persönlich treffen möchte/könnte/sollte?

Also, keine verletzte Naivität hier, nein. Und trotzdem… Ist es irgendwie ungemütlich geworden? Ungemütlich, dass jemand, der von einem Bild der deutschsprachigen Politik im Spiegel russischsprachigen Enzyklopädien der kommunistischen Zeit ganz einfach auch auf Gerald Grant stoßt? Dass man nach meiner wahrscheinlich allzu aktiven Teilnahme an Diskussion zum Thema ‚Discourse construction of self‘ auch Funny linguistics zu sehen bekommt? Dass ich plötzlich auffindbar bin, auch wenn ich aus bloßer Gewohnheit in den Kopfzeilen meiner PDFs automatisch meinen vollen Namen schreibe? Dass man – sobald man russisch kann – automatisch meine einzige emotionelle persönliche Entgleisung hier liest – ich habe es doch nicht ganz gut geschafft, da diese Tristesse sehr schwer zu überwinden ist – ein frühzeitiger Tod meiner guten Freundin tut mir so weh?

Ich bin keine Angela Merkel, ich habe wenig zu verbergen (und auch dies ist von wenig Interesse für gescheite Leute). Und trotzdem schreibe ich immer wieder einen Artikel hier – und gebe auf, und schmeiße ihn in den elektronischen Papierkorb. Lustig, m? Ob ich paranoid bin? Ob ich naiv bin/war, wo ich gemeint habe, ich publiziere, ich bin mir der Konsequenzen ganz bewusst? Ich verstecke mich nicht, aber die Tatsache, dass mein ‚private public sphere‘ und ‚professional public sphere‘ ohne Absprache mit mir von einer Suchmaschine verbunden werden – das sorgt für einen unangenehmen Nachgeschmack. Oder bin ich zu anspruchsvoll?





An die Graffitis

31 10 2013

Mir ist heute ein Graffiti aufgefallen: an der Wand irgendwo im 9. steht so schön geschmuckt geschrieben „Fuck Bitches allday“ (Orthography und Inhalt ohne meine Korrektur, also Entschuldigung). Nicht dass ich eine rücksichtslose Puristin wäre, auch wenn es sicherlich Leute gibt, die wesentlich liberaler und lockerer sind, als ich. Eigentlich habe ich nichts gegen Straßenkunst oder bloß Straßenschreiberei. Die Zwei würde ich nämlich dadurch unterscheiden, dass – abgesehen vom Inhalt – die Kunst immer eine Art kreative Verarbeitung von Ideen mittels einer durch Fleiß und Übung erworbenen Fähigkeit ist, während das Letztere keinen technischen Komponent enthält. Menschlich gesagt: das ist für mich Straßenkunst, während das Straßenschreiberei ist. Gegen Inhalt habe ich generell nichts: die Leute schreiben seit Jahrhunderten alles Mögliche an den Wänden und die Inhalte sind normalerweise ziemlich voraussagbar: wer wo war oder wer wen auf welche Weise, wie oft und intensiv – Sie wissen schon.

Aber wie schön wäre es, so ein Projekt zu starten: sagen wir mal, Graffiti für Fortgeschrittene. Die ein gewisses Bildungsniveau verlangen, etwas vom Rätsel haben und daher Zusätzliche Zufriedenheit für die Leute bereiten, die es erraten haben, worum es geht. Warum schreibt man ‚Cobain lebt‘?  Ich meine, es ist zu vermuten, dass vielmehr Leute heutzutage mehr mit Cobain, als mit Mozart anfangen können, ja. Aber mal ‚Rock me Amadeus‘ auf einer Wand zu lesen wäre schon nett und sicherlich gar nicht so weit von Popkultur, oder? ‚Falco lebt‘ finde ich übrigens schon wesentlich besser als das Ding mit Cobain. Wer es mit etwas skurrilem Humor würzen möchte und auf Alllerheiligen und Wiener Sentiments bzgl. des Todes steht, mag schreiben „Hirsch lebt“, warum nicht. Wer es mit Wortspielen mag, könnte so was wie „Freud freut“ oder „Popper poppt“ schreiben, gerne! Und wie unerwartet und schön wäre es doch, mal was Anderes als üblich zu sehen!

 





Papst oder nicht Papst, das ist hier die Frage

2 03 2013

Ah, spannend, spannend, wieso interessiert es mich diesmal so sehr, wer das neue Kirchenoberhaupt wird? Ich bin doch nicht einmal katholisch!

Zeitlich betrachtet habe ich bis jetzt zweimal miterlebt, wie ein Teil des Christentums einen neuen Vorsteher wählt (wenn man das Wort „Wahl“ hier wirklich verwenden darf, aber darüber diskutieren wir heute lieber nicht). 2005 starb Johannes Paul, die Folgenummer scheint mir aufgrund der dramatischen Kürze des Pontifikats Albino Lucianis fast überflüssig). Er mag wohl ein Katholik gewesen sein, d.h. formell betrachtet ein Oberhaupt einer anderen christlichen Konfession, aber man darf es natürlich nicht verleugnen, Herr Wojtyła war eine außerordentliche Persönlichkeit in der Geschichte der Kirche. Er war sogar in Kasachstan. Ja, ja, stellen Sie sich vor. In einem Land, dessen Bevölkerung formell zu 70% muslimisch und zu etwas 26% christlich (überwiegend russisch orthodox) ist. Es war doch kein Problem für den Papst. 2005 hat man Herrn Ratzinger gewählt.

Die Entscheidung, ihn nun als Papst emeritus zu bezeichnen, finde ich übrigens ziemlich unfair. Es entspricht dem europäischen Rationalismus nicht. So eine Entscheidung könnte ich wohl von den Orthodoxen erwarten, von den Menschen, die es größtenteils ruhig, wenn nicht gleichgültig verschluckt haben, dass der Herr Putin schon wieder Präsident geworden ist und sich vielleicht für so gescheit hält. Diese Entscheidung entspricht dem Geist des Nicht-Wählens, dem Geist der stagnierenden Stabilität und der Ausrede „es ist zwar anders vorgesehen, aber für so eine nette Person wie Sie machen wir eine Ausnahme“. Aber echt. Nichts persönliches, aber wenn man sagt, man geht, soll man doch wirklich gehen und vor allem erlaubt werden, zu gehen. Ohne jegliche Emeritierung, die einer nach dem eigenen Wunsch entlassenen Person und deren Schülern ein ungerechtes Gewicht im Vatikanischen Machtspiel gibt.

Eine zweite Kirchenoberhauptwahl meines bescheidenen Lebens hat 2009 stattgefunden. Es geht hier um die Wahl des neuen Patriarchen. Interessanterweise hat sich Kyrill II. zum Rücktritt Benedikts erst gestern, also am 1. März 2013 geäußert. Warum hat es doch so lange gedauert? Kyrill wird einerseits als ein starker Unterstützer der Ökumene (ja, ja, es sind nicht allein die Protestanten und die Katholiken, die heutzutage an die Zusammenarbeit und Näherung denken, auch die Orthodoxen denken mit, wie man das Große Schisma 1054 überwinden kann), andererseits als ein allzu regierungstreuer Spieler angesehen. Für beides natürlich auch heftig kritisiert.

Es war mir übrigens gar nicht bekannt, dass die Bezeichnung „russisch-orthodoxe Kirche“ (Original русская православная церковь) auch umstritten ist: manche unterscheiden die „genuin“ orthodoxe Kirche von der der Moskauer Erzdiözese. Die erste sei angeblich von den Kommunisten verbannt, verboten und erlöscht worden, die zweite soll erst zur Zeit des Zweiten Weltkrieges unter unmittelbaren Führung der Kommunisten als eine Art religiöse Unterstützung der Regierung gegründet worden sein und habe gerade deswegen extrem nahe Verbindung zur weltlichen Macht Russlands. Was man, solange man dieser Theorie glaubt, mit dem im Ausland blühenden und bis vor kurzer Zeit in keiner hierarchischen Verbindung zur Moskauer Orthodoxie gestandenen Emigrantenteil der Kirche tun soll ist dabei unklar. Die Tatsache, dass die russisch-orthodoxe Kirche spätestens seit der Herrschaft Peters des Großen (wahrscheinlich aber seit dem Iwan dem Schrecklichen) nie weder strukturell, noch finanziell von dem Staat unabhängig war, bleibt auch unbeachtet.

Ob ein Flügelschlag eines Schmetterlings in Brasilien Vatikan ein Tornado in Texas Moskau auslösen kann? Einerseits eher nicht: wenn die Parlamentwahl 2011 und die Präsidentenwahl 2012 (zwei extreme und ganz direkte Reize) keine dauerhafte gesellschaftliche Ideenmobilität verursachten, sehe ich persönlich keinen Grund, warum etwas übertrieben gesagt irgendein Papst (d.h. ein Reiz, der mehr als mediat ist) ein eine von vielen ersehnte Kirchenreform bei den Orthodoxen zur Folge haben soll.

Andererseits spricht der Autor jenes Artikels mit der etwas fragwürdigen, jedoch interessanten Idee der Nichtexistenz der orthodoxen Kirche (sh. oben) von Forderungen, auf deren Frechheit ja sogar Robespierre selbst hätte neidisch sein können. Man spricht von Priesterwahl durch die Pfarrgemeinden, wünscht sich die volle ideologische Unabhängigkeit der Kirche von dem Staat. Unter anderem (und das finde ich besonders piquant) fordert man die Restrukturierung und Dezentralisierung der orthodoxen Kirche, d.h. einen Übergang zur konföderativen Struktur mit transparenter Priesterweihe und Konfirmation für alle Gläubigen nach dem Erreichen der Mündigkeit nach dem katholischen Vorbild. Von Frauenweihe oder Einstellung zur Homosexualität geht es hier natürlich keine Rede: der russischsprachige Raum ist an sich vom feministischen Radikalismus ganz verschont, dabei aber aggressiv heterosexuell.

Insgesamt ist es eher unwahrscheinlich, dass die Abdankung Benedikts eine orthodoxe Reform direkt auslöst: was es wohl bewirken wird ist die allgemeine Einstellung zur Kirche in allen christlichen Konfessionen, die das Treffen der wichtigen Entscheidungen innerhalb des Klerus auch auf einer unbewussten Ebene (gesellschaftlicher Druck usw.) beeinflusst. Der Fall Ratzinger möge nun als ein Muster zum weiteren Vergleichen dienen und dadurch ganz un-voraussagbare Auswirkungen auf weitere Kirchengeschichte haben.

P.S. In Zwischenzeit hat man eine spannende Möglichkeit zu wetten, wer von den Kandidaten vom Konklave zum neuen Papst gewählt wird. Lustigerweise wird Schönborn nicht allein von „Heute“, aber sogar von den etwas professioneller ausschauenden italienischen Zeitungen unter Favoriten erwähnt. Das wäre lustig, oder? Olympische Sommerspiele wollen wir haben, ein Wiener Papst wäre auch lieb ;).





Ob die Leute fliegen können?

17 02 2013
Weitere Fotos: http://www.tumblr.com/tagged/francesc%20catala%20roca?language=de_DE

Francesc Català Roca.

Seit Monaten wie es scheint, habe ich keinen gescheiten Text hier geschrieben, auch wenn der Blog ursprünglich vor allem als ein schriftlicher Abdruck meiner Gedanken gemeint war. Ob ich meine Stimme (sh. Filmzitat oben auf der Seite) verloren habe?

Ob es die Leute auf dieser Welt gibt, die sich in den technischen Aspekten eines Faches auskennen und durch dieses Wissen nicht darauf kommen, dass das Eigentliche durch keine technischen Tricks vermittelt werden kann? Ob ein Klaviervirtuose glaubt, er könne den im Hintergrund stehenden Sinn (wie auch immer man diesen Sinn persönlich interpretiert) durchs Tastendrücken freilassen? Ob man dabei kein Gefühl hat, dass etwas Wesentliches bei Ausdrücken doch durch die Finger rennt?

Sprachstudium hat mir beigebracht, dass die Sprache an sich (dabei meine ich nun die klassische Vorstellung von einer Sprache: Substantiv-Adjektiv-Satz) ein sehr eingeschränktes Mittel der Gedankenübertragung ist. Ich kann jeden Text zerlegen und mir seine Teile anschauen, ich weiß theoretisch, warum dies und jenes beim Lesen auf uns so und nicht anders wirkt: dass man durch das Fehlen an Verbindungswörtern einen Effekt der Hetze und Aufregung erreicht. Ich weiß, wie man mit poetischen Formen umgeht und warum Sonetten üblicherweise elegant und fein, und Vers libres aufrichtig und „ungekämmt“ wirken. Beim Schreiben hilft es lustigerweise kaum. Kein Sprachmittel wird mir helfen, wenn ich die im Titel gestellte Frage beantworten will.

Das Foto von Català Roca hat mich überrascht, ich habe zunächst gedacht, ich sehe das falsch. Es gibt doch eine Menge ähnliche Fußballfotos, jedenfalls mit „traditionellen“ Spielern drauf. Ich weiß es nicht, was mich so berührt und aufregt hier. Nicht etwa, dass Klerus offensichtlich doch menschlich ist? Dass man auch spielen kann und will, nicht allen beten und beichten und was sonst? Dass man diese Spannung des Fliegens, die schwindelnde Leidenschaft des Sprunges, der Bewegung, des Lebens auch als ein Priester erleben kann?

Ach, wie menschlich der Klerus sein kann haben wir gerade erfahren. Der Papst geht. Das Titelblatt meiner noch nicht gelesenen Ausgabe von „die Zeit“ ist völlig Ratzinger gewidmet (was natürlich kein Wunder ist). Sehr warmherzig geschrieben. Wesentlich warmherziger, als „normale“ Zeitungsartikel, d.h. die vor dem Abdanken. Man habe doch schon 2005 gesagt, nach Johannes Paul wird es jedem Papst sehr schwer fallen, einen auf sich aufmerksam zu machen. Ratzinger hat es aber doch gelungen.

Ich kann es auch nicht genau erklären, warum dies mich berührt hat: ich bin letztendlich nicht katholisch. Und nicht wirklich christlich im Sinne von Angehörigkeit zu den bestimmten Institutionen: der Gott ist ja ein viel zu privates Konzept, um es nach Außen zu tragen. Ich glaube, es ist ein gewisses Gefühl der leichten Enttäuschung an einer fest traditionellen Rolle, die man allzu modern zu Ende gebracht hat. Sienkiewicz beschreibt es so schön in seinem Quo Vadis, wie Petrus aus Rom flieht und auf dem Weg Jesum trifft, der seinerseits auferstanden nun nach Rom geht, um da noch einmal gekreuzigt zu werden. Weil nämlich der Petrus aufgegeben hat. Verschämt kehrt Petrus nach Rom zurück und wird wie wir alle wissen mit dem Kopf nach unten gekreuzigt.

Es ist natürlich ein schönes und etwas albernes Märchen vom frühchristlichen Märtyrertum: es scheint mir manchmal, dass der Klerus sich eventuell wenig wünscht, außer ein Opfer der Steinigung oder der Kreuzigung, metaphorisch oder direkt, zu werden. Aber auch wenn man den Symbolismus weglässt und die Situation kritisch anschaut, ist Papstum immer mehr als lediglich eine Beamteneinstellung gewesen. Der Papst ist in gewisser Hinsicht wirklich ein Vater seiner Pfarre, er übernimmt durch seine Position eine archaische Funktion. Und nun geht der Vater, weil er zu müde ist. Oder weil er sich eigentlich nie fit genug fühlte, ein Vater zu werden. Er habe sich dies gar nicht gewünscht, oder? Man sagt nun, Ratzinger wird sich dem widmet, was ihm im Laufe seines Dienstes entzogen wurde und wofür er eigentlich am passendsten ist: dem Beten, dem Schreiben, dem Meditieren.

Ah, wie oft hört man so was auf einer persönlichen Ebene im privaten Leben! Mein eigener Vater war übrigens auch nicht fit genug, seine Elternfunktionen entsprechend auszuüben, da seine eigenen Bestrebungen (Selbstverwirklichung im Beruf und vor allem Sexualität) offensichtlich wichtiger waren. Wahrscheinlich ist das gerade der Grund, warum der Ratzinger, den ich immer etwas blass gefunden habe, mich doch etwas enttäuscht hat. So eine Stellung, so eine gesellschaftliche Verantwortung darf man einfach so nicht aufgeben.

Andererseits muss man zugeben, das Abdanken kann eine positive Wirkung haben. Der Papst hat sich bloß wie ein Angestellter benommen, nun was? Es sagt meiner Meinung nach ziemlich viel über den Wandel des Konzepts des Amtes aus. Anscheinend wird nun auch so eine stark konservative, unbewegliche und traditionell geprägte Institution wie die Kirche von dem aufklärerischen Geist der Rationalisierung und Leistungsoptimierung nachgeholt. Sobald ein Beamte nicht mehr imstande ist, seine Funktionen dem von ihm erwarteten Niveau entsprechend auszuüben, gehört er gewechselt. Wie ein Rennpferd etwa. Nun, wenn ein Papst hier in seiner Funktionalität einem Rennpferd immer ähnlicher wird, ist es auch gerechtfertigt zu erwarten, dass man bald über solche für die Kirche schmerzhaften Momente vernünftig reden kann, wie Verhütung, Homosexualität und Abtreibung. Man wird doch rationalisiert, und zur Rationalisierung gehört es nicht zu glauben, wie ein vierjähriges Kind, dass Verstecken spielt, seine Augen zumacht und sicher ist, die Welt sei verschwunden und sehe es nicht. Wenn das Papstum nun in Richtung Amtsausübung wandelt, soll es auch reif genug sein, seinem Feind ins Gesicht zu schauen.