Lost in Translation: Malikov´s „Чёрный дрозд и белый аист“ (Ru>En)

18 10 2018

Bei dem heutigen Lied fand ich meine deutschsprachige Übersetzung nicht überzeugend: zu schwer, unbeweglich, zu tragisch. Das Lied ist an sich eh alles andere, als lustig, auf deutsch klang es aber schon richtig suizidal. Daher folgt hier eine Übersetzung ins Englische.

Dmitry Malikov, der Sänger, ist ein interessanter Typ… Er ist eindeutig in der Poptradition beheimatet. In den 1990er Jahren präsentierte er seine prächtige Mähne in der Shampoowerbung (am Klavier sitzend, so ein intelligenter Romantiker, der gerade seine nach oben gelackten 80-er Locken kürzen ließ). Nach wie vor singt er leichtsinnige Liedchen mit Texten wie „Mama, Mama, es ist Sommer, über Probleme reden wir mal später, in September“ oder „wie viele gute Mädchen verliebten sich in mich: unzählige Menge, ich bin unverbesserlich“. Das noch in einer für meinen Geschmack eindeutig zu hohen Stimme, und, Mensch, solange er kein Nilda Fernandez ist, hat er mit solcher Stimmlage keine Chance.

Und dann gibt es bei ihm abseits dieses Pop-Mainstreams eine Reihe Kompositionen, die nicht wirklich zu seinem Hauptwerk passen. Oder sind es gerade sie, die Lieder, die sein Hauptwerk werden sollten?

In produktiver Kooperation mit der mittlerweile in Italien lebenden Autorin Lydia Vinogradova macht Malikov unerwartet tiefe, oft auch dünklere Lieder mit poetisch komplexer Metaphorik und schöner Bildhaftigkeit. Da stören nicht einmal etwas extravagante Videos, in denen sich Glam-Kitsch der Modeschaus mit Buddhismus vermischt.

Die Texte, die im scharfen Kontrast zu dieser sonstigen junggebliebenen Gestalt eines Romantikers mit blonder Mähne stehen und mir alle so sorgfältig versteckten, stumm geschalteten Saiten im Herz in die kathartische Höhe ziehen.

Seinem „Выпью до дна“ („Ich trinke es aus“) verdanke ich so unglaublich zutreffende Metapher eines erstaunten Spiegelbildes. Sein „Изумрудный город“ („Smaragdenstadt“) schenkte mir, als ich 7 war und bei weitem nicht alles an der verträumt naiver Bildlichkeit des Liedes verstand, endlose Stunden des schweigsamen, wohl-aufgehobenen und verträumten Glücks. Ich spielte das Lied im Kassettenspieler so lange, bis die Kassette nicht auf magische Weise spurlos verschwunden war. Sollte man vielleicht bei den Eltern nachfragen, was aus ihr geworden ist…

Das heutige Lied gehört zu derselben Reihe und ist für mich in vielerlei Hinsicht mehr, als bloß ein Lied. Der Typ aus der Shampoowerbung hat es in sich, unglaublich.

В продрогшем октябре китайской тушью Amidst the shivery October, painted with Chinese ink
Пронзителен на небе птичий клин. A birds´ wedge feels so sharp in the sky.
Ты по слогам читала мою душу, You read my soul, syllable after syllable,
Но я останусь зимовать один. And still I will stay alone over the winter.
Лети на юг; я – северная птица. Fly southward! – And me, I am a Northern bird,
Не тронет лёд сердечного тепла. No frost ever bites the warmth of my heart.
Как тяжело в полёте не разбиться It is so hard not to crash/break down,
От твоего до моего крыла. Flying from my wing to yours.
Я с этим умиранием сживаюсь: I learn to live with this dying:
На двух недостижимых полюсах These are two unreachable poles,
Расселись чёрный дрозд и белый аист. Where a blackbird and a white crane positioned themselves.
Мы встретимся с тобой на небесах. We´ll see each other in the sky above.
Спустя границы, души и пространства Passing the borders, soulds and spaces,
Летим на встречу столько долгих зим, We fly to each other all these winters long.
Но видит Бог и муки постоянства Yet the God sees everything, and so he sends this pain of permanence
Он посылает грешникам своим. upon his sinners
Нас тянет вопреки земным запретам We are attracted against any worldly prohibitions
Друг к другу через тысячи нельзя. To each other, against a thousand of taboos
Ты улетишь опять туда, где лето, You will leave for your summer again,
Я, как всегда, останусь ждать тебя. And I will stay waiting for you, as usually.

 

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I have a dream

28 06 2017

So to say… Vielleicht nicht heute und nicht in einem Jahr, aber eines Tages, Schritt für Schritt, möchte ich einige Sachen, die zum russischsprachigen Allgemeinwissen und Kulturgut gehören, ins Deutsche übersetzen. Das auf russisch Verfasste hat so viel mehr zu bieten, als die ewige, allen bekannte und daher fast schon fade Kombination „Tolstoj-Dostojewski-Shostakovich“. Dabei sind manche Autoren – ja ganze Wissenstraditionen im wahrgenommenen „Westen“ so gut wie unbekannt. Mit den Russischsprachigen redend, verzerre ich schmerzhaft die Miene, wenn sie ihre Belesenheit dadurch herzeigen wollen, dass sie Bulgakow gelesen haben. Um Himmels Willen! – Für Russischsprachige ist Bulgakow kein Bildungs-, sondern lediglich Alphabetisierungsmerkmal.

Als ich vor paar Jahren für die Aufnahmeprüfung Pädagogik an der Uni Wien ein äußerst unlogisch zusammengestelltes Buch lesen musste, fiel mir ein, dass die „westlich“ geprägten Autoren zwar vom pädagogischen Humanismus sprachen, sich dabei aber ausschließlich auf die USA bezogen. Wobei für mich pädagogischer Humanismus undenkbar ist ohne Wassili Suchomlinski oder Anton Makarenko. Die sind nicht lediglich Gestalten mitten im vorbeiziehenden Fluss der Zeit. Die sind der Inbegriff der humanistischen Pädagogik. Sie nicht zu kennen ist genauso unmöglich wie… nie von Viktor Frankl gehört zu haben.

Zwar waren beide Kinder ihrer Zeit: in Suchomlinskis „Briefen an den Sohn“ findet man recht viel Begeisterung für Kommunismus. Voll entzückt spricht er von dem, was ich mittlerweile als „Transformationsmoral“ abwerten würde: die Errichtung einer neuen, besseren, voll utopischen Gesellschaft, verflochten mit Pathos des Patriotismus (ich habe recht wenig gegen Patriotismus, solange es wirklich um die Liebe zum Eigenen – und nicht um die Abwertung des Anderen geht). Aber wie kann man das Suchomlinski zum Vorwurf machen? – dem Sohn der einfachen Dorfbauern aus tiefstem „nowhere“ in der Ukraine des frühen 20. Jahrhunderts, aufgestiegen dank der eigenen Begabung und kostenfreier Bildung – zu einem hochverehrten Pädagogen und Theoretiker des sowjetischen Humanismus in den Zeiten des Aufbruchs zum „sowjetischen Traum“ und wo dieser Traum ja so nah zu liegen schien – Weltallera und Tauwetter, Aufschwung der Wissenschaften und rasante Verbesserung des Alltags der Bevölkerung. Das Schwärmen nach der neuen Era, volle Überzeugung, dass der sowjetische Sozialismus eine bessere, gerechtere Gesellschaftsordnung, gehörten bei Suchomlinski zu einem Teil seines Lebensphilosophie, zu seinem Glauben.

Ob er manchmal hinwegschaut oder gewisse Sachen wirklich nicht sieht: GULAG, Holodomor und sonstige „Nebenwirkungen der Verbesserung“? Dabei spricht sich Suchomlinski in seinen Büchern immer wieder unglaublich tapfer gegen die individuelle „Taubheit“, Feigheit, Faulheit und menschenunwürdige Gleichgültigkeit der Gesellschaft aus. Er berührt insgesamt so eine breite Palette der Probleme, dass man ihn schon allein deswegen hätte lesen sollen. Und vielleicht sind manche Gedanken veraltet oder romantisch oder was sonst. Sie sind jedoch so schöne Denkanstöße…

Hier ist ein kleiner Auszug aus Suchomlinski, den ich vor 3 Jahren für diesen Blog übersetzte. Sollte doch regelmäßig gelesen werden, wenn die Abenddämmerung etwas dünkler als üblich wird.

I have a dream, wie gesagt…