Papst oder nicht Papst, das ist hier die Frage

2 03 2013

Ah, spannend, spannend, wieso interessiert es mich diesmal so sehr, wer das neue Kirchenoberhaupt wird? Ich bin doch nicht einmal katholisch!

Zeitlich betrachtet habe ich bis jetzt zweimal miterlebt, wie ein Teil des Christentums einen neuen Vorsteher wählt (wenn man das Wort „Wahl“ hier wirklich verwenden darf, aber darüber diskutieren wir heute lieber nicht). 2005 starb Johannes Paul, die Folgenummer scheint mir aufgrund der dramatischen Kürze des Pontifikats Albino Lucianis fast überflüssig). Er mag wohl ein Katholik gewesen sein, d.h. formell betrachtet ein Oberhaupt einer anderen christlichen Konfession, aber man darf es natürlich nicht verleugnen, Herr Wojtyła war eine außerordentliche Persönlichkeit in der Geschichte der Kirche. Er war sogar in Kasachstan. Ja, ja, stellen Sie sich vor. In einem Land, dessen Bevölkerung formell zu 70% muslimisch und zu etwas 26% christlich (überwiegend russisch orthodox) ist. Es war doch kein Problem für den Papst. 2005 hat man Herrn Ratzinger gewählt.

Die Entscheidung, ihn nun als Papst emeritus zu bezeichnen, finde ich übrigens ziemlich unfair. Es entspricht dem europäischen Rationalismus nicht. So eine Entscheidung könnte ich wohl von den Orthodoxen erwarten, von den Menschen, die es größtenteils ruhig, wenn nicht gleichgültig verschluckt haben, dass der Herr Putin schon wieder Präsident geworden ist und sich vielleicht für so gescheit hält. Diese Entscheidung entspricht dem Geist des Nicht-Wählens, dem Geist der stagnierenden Stabilität und der Ausrede „es ist zwar anders vorgesehen, aber für so eine nette Person wie Sie machen wir eine Ausnahme“. Aber echt. Nichts persönliches, aber wenn man sagt, man geht, soll man doch wirklich gehen und vor allem erlaubt werden, zu gehen. Ohne jegliche Emeritierung, die einer nach dem eigenen Wunsch entlassenen Person und deren Schülern ein ungerechtes Gewicht im Vatikanischen Machtspiel gibt.

Eine zweite Kirchenoberhauptwahl meines bescheidenen Lebens hat 2009 stattgefunden. Es geht hier um die Wahl des neuen Patriarchen. Interessanterweise hat sich Kyrill II. zum Rücktritt Benedikts erst gestern, also am 1. März 2013 geäußert. Warum hat es doch so lange gedauert? Kyrill wird einerseits als ein starker Unterstützer der Ökumene (ja, ja, es sind nicht allein die Protestanten und die Katholiken, die heutzutage an die Zusammenarbeit und Näherung denken, auch die Orthodoxen denken mit, wie man das Große Schisma 1054 überwinden kann), andererseits als ein allzu regierungstreuer Spieler angesehen. Für beides natürlich auch heftig kritisiert.

Es war mir übrigens gar nicht bekannt, dass die Bezeichnung „russisch-orthodoxe Kirche“ (Original русская православная церковь) auch umstritten ist: manche unterscheiden die „genuin“ orthodoxe Kirche von der der Moskauer Erzdiözese. Die erste sei angeblich von den Kommunisten verbannt, verboten und erlöscht worden, die zweite soll erst zur Zeit des Zweiten Weltkrieges unter unmittelbaren Führung der Kommunisten als eine Art religiöse Unterstützung der Regierung gegründet worden sein und habe gerade deswegen extrem nahe Verbindung zur weltlichen Macht Russlands. Was man, solange man dieser Theorie glaubt, mit dem im Ausland blühenden und bis vor kurzer Zeit in keiner hierarchischen Verbindung zur Moskauer Orthodoxie gestandenen Emigrantenteil der Kirche tun soll ist dabei unklar. Die Tatsache, dass die russisch-orthodoxe Kirche spätestens seit der Herrschaft Peters des Großen (wahrscheinlich aber seit dem Iwan dem Schrecklichen) nie weder strukturell, noch finanziell von dem Staat unabhängig war, bleibt auch unbeachtet.

Ob ein Flügelschlag eines Schmetterlings in Brasilien Vatikan ein Tornado in Texas Moskau auslösen kann? Einerseits eher nicht: wenn die Parlamentwahl 2011 und die Präsidentenwahl 2012 (zwei extreme und ganz direkte Reize) keine dauerhafte gesellschaftliche Ideenmobilität verursachten, sehe ich persönlich keinen Grund, warum etwas übertrieben gesagt irgendein Papst (d.h. ein Reiz, der mehr als mediat ist) ein eine von vielen ersehnte Kirchenreform bei den Orthodoxen zur Folge haben soll.

Andererseits spricht der Autor jenes Artikels mit der etwas fragwürdigen, jedoch interessanten Idee der Nichtexistenz der orthodoxen Kirche (sh. oben) von Forderungen, auf deren Frechheit ja sogar Robespierre selbst hätte neidisch sein können. Man spricht von Priesterwahl durch die Pfarrgemeinden, wünscht sich die volle ideologische Unabhängigkeit der Kirche von dem Staat. Unter anderem (und das finde ich besonders piquant) fordert man die Restrukturierung und Dezentralisierung der orthodoxen Kirche, d.h. einen Übergang zur konföderativen Struktur mit transparenter Priesterweihe und Konfirmation für alle Gläubigen nach dem Erreichen der Mündigkeit nach dem katholischen Vorbild. Von Frauenweihe oder Einstellung zur Homosexualität geht es hier natürlich keine Rede: der russischsprachige Raum ist an sich vom feministischen Radikalismus ganz verschont, dabei aber aggressiv heterosexuell.

Insgesamt ist es eher unwahrscheinlich, dass die Abdankung Benedikts eine orthodoxe Reform direkt auslöst: was es wohl bewirken wird ist die allgemeine Einstellung zur Kirche in allen christlichen Konfessionen, die das Treffen der wichtigen Entscheidungen innerhalb des Klerus auch auf einer unbewussten Ebene (gesellschaftlicher Druck usw.) beeinflusst. Der Fall Ratzinger möge nun als ein Muster zum weiteren Vergleichen dienen und dadurch ganz un-voraussagbare Auswirkungen auf weitere Kirchengeschichte haben.

P.S. In Zwischenzeit hat man eine spannende Möglichkeit zu wetten, wer von den Kandidaten vom Konklave zum neuen Papst gewählt wird. Lustigerweise wird Schönborn nicht allein von „Heute“, aber sogar von den etwas professioneller ausschauenden italienischen Zeitungen unter Favoriten erwähnt. Das wäre lustig, oder? Olympische Sommerspiele wollen wir haben, ein Wiener Papst wäre auch lieb ;).

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Ob Menschen fliegen können?

17 02 2013
Weitere Fotos: http://www.tumblr.com/tagged/francesc%20catala%20roca?language=de_DE

Francesc Català Roca.

Seit Monaten wie es scheint, habe ich keinen gescheiten Text hier geschrieben, auch wenn der Blog ursprünglich vor allem als ein schriftlicher Abdruck meiner Gedanken gemeint war. Ob ich meine Stimme (sh. Filmzitat oben auf der Seite) verloren habe?

Ob es die Leute auf dieser Welt gibt, die sich in den technischen Aspekten eines Faches auskennen und durch dieses Wissen nicht darauf kommen, dass das Eigentliche durch keine technischen Tricks vermittelt werden kann? Ob ein Klaviervirtuose glaubt, er könne den im Hintergrund stehenden Sinn (wie auch immer man diesen Sinn persönlich interpretiert) durchs Tastendrücken freilassen? Ob man dabei kein Gefühl hat, dass etwas Wesentliches bei Ausdrücken doch durch die Finger rennt?

Sprachstudium hat mir beigebracht, dass die Sprache an sich (dabei meine ich nun die klassische Vorstellung von einer Sprache: Substantiv-Adjektiv-Satz) ein sehr eingeschränktes Mittel der Gedankenübertragung ist. Ich kann jeden Text zerlegen und mir seine Teile anschauen, ich weiß theoretisch, warum dies und jenes beim Lesen auf uns so und nicht anders wirkt: dass man durch das Fehlen an Verbindungswörtern einen Effekt der Hetze und Aufregung erreicht. Ich weiß, wie man mit poetischen Formen umgeht und warum Sonetten üblicherweise elegant und fein, und Vers libres aufrichtig und „ungekämmt“ wirken. Beim Schreiben hilft es lustigerweise kaum. Kein Sprachmittel wird mir helfen, wenn ich die im Titel gestellte Frage beantworten will.

Das Foto von Català Roca hat mich überrascht, ich habe zunächst gedacht, ich sehe das falsch. Es gibt doch eine Menge ähnliche Fußballfotos, jedenfalls mit „traditionellen“ Spielern drauf. Ich weiß es nicht, was mich so berührt und aufregt hier. Nicht etwa, dass Klerus offensichtlich doch menschlich ist? Dass man auch spielen kann und will, nicht allen beten und beichten und was sonst? Dass man diese Spannung des Fliegens, die schwindelnde Leidenschaft des Sprunges, der Bewegung, des Lebens auch als ein Priester erleben kann?

Ach, wie menschlich der Klerus sein kann haben wir gerade erfahren. Der Papst geht. Das Titelblatt meiner noch nicht gelesenen Ausgabe von „die Zeit“ ist völlig Ratzinger gewidmet (was natürlich kein Wunder ist). Sehr warmherzig geschrieben. Wesentlich warmherziger, als „normale“ Zeitungsartikel, d.h. die vor dem Abdanken. Man habe doch schon 2005 gesagt, nach Johannes Paul wird es jedem Papst sehr schwer fallen, einen auf sich aufmerksam zu machen. Ratzinger hat es aber doch gelungen.

Ich kann es auch nicht genau erklären, warum dies mich berührt hat: ich bin letztendlich nicht katholisch. Und nicht wirklich christlich im Sinne von Angehörigkeit zu den bestimmten Institutionen: der Gott ist ja ein viel zu privates Konzept, um es nach Außen zu tragen. Ich glaube, es ist ein gewisses Gefühl der leichten Enttäuschung an einer fest traditionellen Rolle, die man allzu modern zu Ende gebracht hat. Sienkiewicz beschreibt es so schön in seinem Quo Vadis, wie Petrus aus Rom flieht und auf dem Weg Jesum trifft, der seinerseits auferstanden nun nach Rom geht, um da noch einmal gekreuzigt zu werden. Weil nämlich der Petrus aufgegeben hat. Verschämt kehrt Petrus nach Rom zurück und wird wie wir alle wissen mit dem Kopf nach unten gekreuzigt.

Es ist natürlich ein schönes und etwas albernes Märchen vom frühchristlichen Märtyrertum: es scheint mir manchmal, dass der Klerus sich eventuell wenig wünscht, außer ein Opfer der Steinigung oder der Kreuzigung, metaphorisch oder direkt, zu werden. Aber auch wenn man den Symbolismus weglässt und die Situation kritisch anschaut, ist Papstum immer mehr als lediglich eine Beamteneinstellung gewesen. Der Papst ist in gewisser Hinsicht wirklich ein Vater seiner Pfarre, er übernimmt durch seine Position eine archaische Funktion. Und nun geht der Vater, weil er zu müde ist. Oder weil er sich eigentlich nie fit genug fühlte, ein Vater zu werden. Er habe sich dies gar nicht gewünscht, oder? Man sagt nun, Ratzinger wird sich dem widmet, was ihm im Laufe seines Dienstes entzogen wurde und wofür er eigentlich am passendsten ist: dem Beten, dem Schreiben, dem Meditieren.

Ah, wie oft hört man so was auf einer persönlichen Ebene im privaten Leben! Mein eigener Vater war übrigens auch nicht fit genug, seine Elternfunktionen entsprechend auszuüben, da seine eigenen Bestrebungen (Selbstverwirklichung im Beruf und vor allem Sexualität) offensichtlich wichtiger waren. Wahrscheinlich ist das gerade der Grund, warum der Ratzinger, den ich immer etwas blass gefunden habe, mich doch etwas enttäuscht hat. So eine Stellung, so eine gesellschaftliche Verantwortung darf man einfach so nicht aufgeben.

Andererseits muss man zugeben, das Abdanken kann eine positive Wirkung haben. Der Papst hat sich bloß wie ein Angestellter benommen, nun was? Es sagt meiner Meinung nach ziemlich viel über den Wandel des Konzepts des Amtes aus. Anscheinend wird nun auch so eine stark konservative, unbewegliche und traditionell geprägte Institution wie die Kirche von dem aufklärerischen Geist der Rationalisierung und Leistungsoptimierung nachgeholt. Sobald ein Beamte nicht mehr imstande ist, seine Funktionen dem von ihm erwarteten Niveau entsprechend auszuüben, gehört er gewechselt. Wie ein Rennpferd etwa. Nun, wenn ein Papst hier in seiner Funktionalität einem Rennpferd immer ähnlicher wird, ist es auch gerechtfertigt zu erwarten, dass man bald über solche für die Kirche schmerzhaften Momente vernünftig reden kann, wie Verhütung, Homosexualität und Abtreibung. Man wird doch rationalisiert, und zur Rationalisierung gehört es nicht zu glauben, wie ein vierjähriges Kind, dass Verstecken spielt, seine Augen zumacht und sicher ist, die Welt sei verschwunden und sehe es nicht. Wenn das Papstum nun in Richtung Amtsausübung wandelt, soll es auch reif genug sein, seinem Feind ins Gesicht zu schauen.