Die Nacht

10 07 2017

Lausche die Ewigkeit, schweigend, schweigend.

Schritte der Stille so zögernd und scheu,

Unter den Füßen, die Stiege absteigend,

Staub der Geschichte so sprachlos schön.

.

Zart und verzaubert: Mondscheinsonata.

Flüssiges Silber am Himmelsrand.

Perle der Sterne am blauen Brokate.

Abend tritt ein und betet dich an.





Letzte Liebe – Last Love – Übersetzung aus Tjutschew

2 07 2017

Ein Vorwort von mir:

Hier ist ein Versuch aus dem Jahre 2008, Tjutschews „Последняя любовь“, „Letzte Liebe“, ins Englische zu übersetzen. Auch wenn ich mittlerweile jahrelang wie aus Tjutschew´schem schwülen Reim herausgewachsen bin, ist dieses Stück von ihm ein Besonderes für mich. Es ist eigentlich meine poetische Niederkunft schlechthin.

Auf das Gedicht stieß ich dank dem Alexander II., russischem Kaiser 1855-1881, der gut über 60 sich in ein 18-jähriges Mädchen verliebte. Die historische Seite der Geschichte: er ließ sie im Kaiserpalais direkt über den Zimmern der Kaiserin wohnen, sie brachte 3 Kinder zur Welt, wurde nachdem der Kaiser selbst verwitwete, zu seiner morganatischen Frau, überlebte den Mann und noch halt paar dutzend andere Romanows… Romantische Seite von dieser Lovestory: Alexander durfte wirklich ordentlich reingeraten sein, in einem seiner Privatbücher, nämlich in einem Band mit Gedichten des berühmten russischen (Diplomaten und) Dichters Tjutschews fand man, angeblich vom Kaiser selbst, eben dieses Gedicht mit Bleistift unterstrichen.

Als ich also mit 14-15, Alexanders Biographie lesend, auf dieses Gedicht kam, löste es bei mir eine große poetische Manie aus. Ich las damals recht viel, wie es scheint, und, rückblickend, durchaus gute Dichter. Dem Tjutschew verdanke ich meine damalige Besessenheit mit Ahmatowa, Gumiljow und Block, die eigentlich jeder, der die Sprache lernt, mal auswendig lernen sollte, so unaufdringlich schön und musikalisch sie schrieben. Ohne damalige Entdeckung Tjutschews gäbe es für mich wohl auch keinen Wilde, Byron und Shakespeare, keinen Goethe und keinen Rilke. Auch das gesamte von mir gereimte Zeug habe ich letztendlich jenem kleinen Zitat in der Biographie von Kaiser Alexander II. zu verdanken. Lustig, es sieht so aus, als ob Geschichte für mich immer poetisch war.

Nun, lange Rede, kurzer Sinn. Hier kommt der Übersetzungsversuch aus dem Jahre 2008, den ich ausnahmsweise für durchaus gut halte, da er dem Stil des Originals folgt und auch metrisch wenn nicht ident, dann doch recht ähnlich aufgebaut ist.

 

Last love

Oh, what a love our hearts can know

When our days speed to the night!

Shine brighter, shine, the farewell light

Of my last love, of my last straw!

 

The shadow hides away the sky,

But still the West keeps shining pale.

Do stay with me, the latest day,

The latest charm before the night!

 

And though I wither, flowerlike,

Will never wilt my gentle passion.

The last of loves! – Love, kissing night –

You’re both a pleasure and desperation.





I have a dream

28 06 2017

So to say… Vielleicht nicht heute und nicht in einem Jahr, aber eines Tages, Schritt für Schritt, möchte ich einige Sachen, die zum russischsprachigen Allgemeinwissen und Kulturgut gehören, ins Deutsche übersetzen. Das auf russisch Verfasste hat so viel mehr zu bieten, als die ewige, allen bekannte und daher fast schon fade Kombination „Tolstoj-Dostojewski-Shostakovich“. Dabei sind manche Autoren – ja ganze Wissenstraditionen im wahrgenommenen „Westen“ so gut wie unbekannt. Mit den Russischsprachigen redend, verzerre ich schmerzhaft die Miene, wenn sie ihre Belesenheit dadurch herzeigen wollen, dass sie Bulgakow gelesen haben. Um Himmels Willen! – Für Russischsprachige ist Bulgakow kein Bildungs-, sondern lediglich Alphabetisierungsmerkmal.

Als ich vor paar Jahren für die Aufnahmeprüfung Pädagogik an der Uni Wien ein äußerst unlogisch zusammengestelltes Buch lesen musste, fiel mir ein, dass die „westlich“ geprägten Autoren zwar vom pädagogischen Humanismus sprachen, sich dabei aber ausschließlich auf die USA bezogen. Wobei für mich pädagogischer Humanismus undenkbar ist ohne Wassili Suchomlinski oder Anton Makarenko. Die sind nicht lediglich Gestalten mitten im vorbeiziehenden Fluss der Zeit. Die sind der Inbegriff der humanistischen Pädagogik. Sie nicht zu kennen ist genauso unmöglich wie… nie von Viktor Frankl gehört zu haben.

Zwar waren beide Kinder ihrer Zeit: in Suchomlinskis „Briefen an den Sohn“ findet man recht viel Begeisterung für Kommunismus. Voll entzückt spricht er von dem, was ich mittlerweile als „Transformationsmoral“ abwerten würde: die Errichtung einer neuen, besseren, voll utopischen Gesellschaft, verflochten mit Pathos des Patriotismus (ich habe recht wenig gegen Patriotismus, solange es wirklich um die Liebe zum Eigenen – und nicht um die Abwertung des Anderen geht). Aber wie kann man das Suchomlinski zum Vorwurf machen? – dem Sohn der einfachen Dorfbauern aus tiefstem „nowhere“ in der Ukraine des frühen 20. Jahrhunderts, aufgestiegen dank der eigenen Begabung und kostenfreier Bildung – zu einem hochverehrten Pädagogen und Theoretiker des sowjetischen Humanismus in den Zeiten des Aufbruchs zum „sowjetischen Traum“ und wo dieser Traum ja so nah zu liegen schien – Weltallera und Tauwetter, Aufschwung der Wissenschaften und rasante Verbesserung des Alltags der Bevölkerung. Das Schwärmen nach der neuen Era, volle Überzeugung, dass der sowjetische Sozialismus eine bessere, gerechtere Gesellschaftsordnung, gehörten bei Suchomlinski zu einem Teil seines Lebensphilosophie, zu seinem Glauben.

Ob er manchmal hinwegschaut oder gewisse Sachen wirklich nicht sieht: GULAG, Holodomor und sonstige „Nebenwirkungen der Verbesserung“? Dabei spricht sich Suchomlinski in seinen Büchern immer wieder unglaublich tapfer gegen die individuelle „Taubheit“, Feigheit, Faulheit und menschenunwürdige Gleichgültigkeit der Gesellschaft aus. Er berührt insgesamt so eine breite Palette der Probleme, dass man ihn schon allein deswegen hätte lesen sollen. Und vielleicht sind manche Gedanken veraltet oder romantisch oder was sonst. Sie sind jedoch so schöne Denkanstöße…

Hier ist ein kleiner Auszug aus Suchomlinski, den ich vor 3 Jahren für diesen Blog übersetzte. Sollte doch regelmäßig gelesen werden, wenn die Abenddämmerung etwas dünkler als üblich wird.

I have a dream, wie gesagt…

 





Sei still, mein ruheloses Herz…

24 06 2017

Взгляды изумленных зеркал. Наш дуэт.

Я в других такое искал много лет.

Но не встретил повторений – 

И не стоит их искать… *

Sei still, mein ruheloses Herz,

Vorm Spiegel deiner Seele stehend,

Verblüfft und scheu: ist das ein Scherz?

Wo kommst du her, der Unbekannte?

Mein Geist vermag dich zu verstehen.

Die Fingerspitzen scheu gestreckt:

Darf ich das Spiegelbild berühren?

Hat es vielleicht dieselben Kanten,

Dieselben Muster und Figuren

Hineingeprägt, wie ich es tat?

Er sieht mich an. Nachprüfend. Tief.

Und strahlt das fremde, weiche Licht;

Champagner schäumt in mein´m Rückgrat.

.

Es kann nicht sein. Sei nicht naiv.

Verwirrung nun im Keime ersticken:

Pass auf, wovon du schweigst und sprichst

Und achte auf keine Augen-blicke.

 

________________________________________________________

* Aus dem Russischen, wortwörtlich:

Blicke der erstaunten Spiegel. Unser Duett.

Ich hab es in den Anderen jahrelang gesucht,

Fand aber keine Wiederholungen –

Und es lohnt sich nicht, sie zu suchen…

Die Strophe stammt von Lilia Winogradowa und wurde in ein Lied vom russischen Sänger Dmitri Malikov „verarbeitet“. Link zu seinem etwas extravaganten Video zum Lied (1996) ist hier.





Wie ein Märchen, ein Lied, eine Hymne…

20 06 2017

Wie ein Märchen, ein Lied, eine Hymne,

wie eine weiche Verzweiflung,

die störrische Zartheit,

frühe Dämmerung vorm glutroten Untergang:

Hier kommst du

Endlich! –

So endlos und unumkehrbar.

Die Zeit fürs Weinen vom Glück

Und Lachen vom Schmerz

Ja, weinen von dir! –

Und beten: für dich und dir..

Nun ändert sich die Welt:

Krümmt,

Schäumt,

Wällt,

Schmilzt –

Es gibt keinen Raum,

keine Zeit,

keinen Beginn,

kein Ende

und keine Angst mehr…

Bleib bei mir.





Morning Coffee – Aus der Naivitätensammlung

16 06 2017

Motion, motion, minutes flashing,

Glisten’ning, passing – far thee well!

Here you’re born – here rings the bell.

World of boredom, world of passion.

 

Little time, less use we running,

Winning, failing, flying high,

Falling badly, shining bright –

Darkness scaring, silence stunning.

 

Never losing, never finding.

Humans? – Silly twirling flock,

Dancing to the Ragnarǿk.

What a circus! Helpless. Funny…

2009





Kipling aus der Schublade

12 06 2017

Man hört recht oft, dass die Bildung der Stereotype zwar lästig sein mag, jedoch ein wichtiges Nebenprodukt des menschlichen Denkens ist. Sobald man anfängt analytisch zu denken, sprich die unmittelbare Wirklichkeit nach diesem oder jenem Prinzip in bestimmte Kategorien zu gruppieren, sind sofort auch die Stereotype da. Sie sind ja im Endeffekt nichts anderes, als so eine Art Templates in unseren Hirncomputern, nach induktiver Logik vorgefertigte Muster und Modelle, die einiges am Erfassen, Verarbeiten und Verinnerlichen – am Verdauen unserer fluiden Modernität erleichtern. Ohne Stereotype hätte man, wie Puhl und Ritt mal im wissenschaftstheoretischen Seminar meinten, sich jeden Tag mit der grundlegenden Unsicherheit auseinandersetzen müssen, ob die Sonne auch diesmal aufgeht. Drama der Freiheit von „vorgekauten Denkmustern“ schlechthin.

Rudyard Kipling ist der heutigen Leserschaft vor allem als Autor von „Jungle Book“, also literarischer Papa von Maugli, bekannt. Außerdem wird wahrscheinlich jeder in geisteswissenschaftlicher Tradition aufgezogene Denker sich an das berüchtigt kolonialistische Gedicht „White Man´s Burden“* erinnern können. Literaturhistorisch versierter Mensch wird dazu auch „Kim“ gleich nehmen und – so wie Literaten das gerne tun – das bunte Reichtum der symbolischen Sprache des Romans eben postkolonialistisch zerlegen und sich am Ende wundern, wo nach diesem Präparieren die eigentliche Schönheit der Geschichte verloren ging…

Ich will an dieser Stelle kein Plädoyer für Kipling schreiben. Er war, und damit muss man leben können, ein britischer, spätviktorianischer weißmensch-Snob. Damals, right or wrong, konnte man so leben. Auch wenn mir als Gegengewicht für diesen schön gereimten Blödsinn von „White Man´s Burden“ immer ein anderes wunderschönes Gedicht von Kipling vor dem inneren Auge steht. „If“** mag einem paternalistisch, „stiff-upper-lipp“-ig und wie auch immer sonst vorkommen, aber ich liebe den Gedanken des ruhigen Stoizismus ohne Show, der aus dem Gedicht herausklingt.

Was ich jedoch heute zeigen möchte, hat eben mit dem oben angesprochenen Thema der Stereotypisierung zu tun. Denn ebenso von Kipling haben wir diesen elend-oft von jedem, aber wirklich jedem postkolonial-Interessierten zitierten Satz:

Oh, East is East, and West is West, and never the twain shall meet,

Till Earth and Sky stand presently at God´s Great Judgement Seat;

Böser Kipling, so meint man oft, schubladiesierte Osten und Westen (Osten eben negativ), indem er diesen zwei höchst künstlichen Gebilden den Status der natürlichen und unveränderbaren Kategorien verpasste. Böser und ganz gemeiner Kipling.

Böses und gemeines Halbwissen, das sich als allerletzte Weisheit tarnt. Denn auf die zwei Zeilen folgen in Wirklichkeit weitere Zwei:

But there is neither East nor West, Border, nor Breed, nor Birth,

When two strong men stand face to face, tho´they come from the Ends of the earth!

Und so verschiebt sich der Sinn der gesamten Aussage weg von dem in den Postcolonial Studies angebeteten Stigmas der besseren/schlechteren, fortschrittlicheren/rückständigeren Kulturen und zu der – mag sein, veralteten, und jedoch oft so extravagant schönen – Stiff-Upper-Lip´igkeit.

________________________________________________________________

* „White Man´s Burden“ kann hier gelesen werden

** „If“ kann hier gelesen werden