Winter

20 10 2019

Vom sommerlichen Rennen reichlich noch getrost

Und nicht begriffen, dass das Spiel verlor´n,

Noch Kraft im Herzen und der Kopf empor

Begegne ich diesem ersten leisten Frost.

Er tritt heran so weich und so umsichtig,

Allwissend wie ein alter Psychiater,

Der meine Regungen wie ein verspielter Kater

Erkannt, belächelt hat… und hingerichtet.

In sein beruhigender Hand gefangen,

Vergeblich ringt man: noch ein Schritt! Ein Wort…

Er ist zu zart, zu unausweichlich, dieser stiller Tod.

Ich zittere noch kurz und bin sofort vergangen.





Wieder Licht

29 04 2019

Ich habe langsam wieder Licht in mir.

En peu von diesem schönen, stummen Schimmern,

Von dem mir keine Kraft der Welt verraten kann,

warum es da ist: generell, noch immer…

 

Ich bin nun ruhiger, gelassener und freier.

Die Poesie, durch keinen Zwang gepeinigt,

beruhigt ist, erholt und schön bereinigt, –

Ich such nicht mehr mein Wesen zu verschleiern.

 

Dies´ Wärme des Erkennens – nicht verkannt.

En peu von unerklärlich weichem Seelenslicht,

Das ich in Deiner Nähe erst empfand.

Ich habe langsam wieder Licht für Dich…

 

 

 

 





Der Vorhang fällt

15 09 2018

Der Vorhang fällt,

und dieses endlos Drama, –

schon elendige tausendmal gespielt,

Gedeutet tausendmal bis in den Amok

hinein,

Nach jedes neuen Bühnendirektoren Laune,

Sich seinem unausweichlich´ Ende nähert,

Mit bunt und laut die Seele nimmer quält,

Klingt langsam ab. Hallt kurz noch nach. Dann kommt die Stille…

 

Erschöpfter, überreizter Nerven stumme Lähmung.

Noch rauchen schweigsam die ermüdeten Schauspieler,

Noch wandern ruh´los auf der leeren Bühne,

Betäubt durch pure Sinnenüberschwemmung.

Entkleidet jeder Leidenschaft und Wille,

Jeder mit sich allein: ah wie privat und schräg

Ist dies zerbrechliche Intimität der stummen Welt.

 

Und keiner merkt in dieser müden Wonne,

Wenn kein Gesicht seine gewohnte Rolle trägt,

Das Spiel mag aus sein, Lampen und Kulisse weg,

Doch der Zuschauer wacht und lauscht, und schaut und zählt,

Voll Wissbegierde, ohne Scham und Hemmung.

Man will sich schützen, wegdrehen, Augen zu, verstecken,

Man sieht umher und schaudert, denn der Vorhang fehlt…

 





De-Oyster-ised – 2

3 09 2018

Gratwanderung der wund gekratzten Seele,

Kaum mehr gesichert durch den strafen Geist,

Bewusst entwurzelt, auf den Kopf gestellt,

Wie sie so trostlos heiter ihre Schale reißt,

Und auf den Scherben dieser Schale tanzt…

 

Und singt, und jubelt Menschen zu: Gewohnheit

Nur niemanden verlezten! Niemandem zu Last!

Im Schaukeln zwischen Übelkeit und Wonne,

Zwischen der Zuversicht und Ohnmacht. Höhenangst

Und elendige Einsamkeit nach Innen.

 





…erschüttert, schüchtern und berauscht…

13 08 2018

Erschüttert, schüchtern und berauscht. Vielleicht

wie jenes taube Kind auf einem alten Foto, –

das durch das Hörgerät zum ersten Mal im Leben hörte:

Entsetzt und endlos fasziniert zugleich.

 

Keine Vernunft betäubt mehr dieses Schwärmen,

Dies stumme Drücken unter meinem Schlüsselbein…

Mach meinen Brustkorb auf und lass mich frei:

Ich hätte für uns beide wohl genügend Wärme…





Pendelschläge. I

2 07 2018

I. Боже, verlasse mich nicht…*

*Боже – /boʒə/, de: bOshe, Vokativform für „Gott“/“Herr“ – LucyRenard

 

Боже, verlasse mich nicht.

In der tiefsten Nachtstunde, wenn kein Schlaf kommt,

Nicht und nicht,

Und Gedanken,

beflügelt und trotzig:

vom Motiv zu Motiv,

vom Gesicht zu Gesicht

Schwachsinn!

Stets um dieses Gesicht,

Kreisen,

kreisen,

kreisen

wie ein Hamster im Rennrad,

wie ein Boot ohne Ruder.

 

Ich bin müde, so müde,

Aufgespannt zwischen…

Diesem Aus-sich-selbst-Herauskommen,

Dem Vertrauen-lernen,

Der purer Menschlichkeit, die mir immer verwehrt blieb,

Der Menschlichkeit der Augenblicke,

von der ich mich immer so prächtig schützte,

Die mich aus der Bahn schleudert –

Ah, nein! Eher sanft hinausträgt,

so sanft,

so erschreckend leise,

so vertraut,

mit Halblächeln,

ich blinzle, stottere, rede Unsinn

und wache Nacht für Nacht.

 

Ich bin müde, mich zu wehren,

Atemzüge zu messen,

Augenblicke zu kürzen

– mit Messer!

Tief ins Herz

– so ist es besser!

So tief ins Herz,

In die unausgespochene –

Unaussprechliche –Tiefe

Der ungeformten Gedanken.

In die sinnliche Sinnlosigkeit des Sinns.

In die Erschöpfung des Nicht-Merkens.

 

Боже, lass mich nicht fallen.

Ich habe Angst. Solche menschliche Angst

Vor meinen zu fein gesinnten Sinnesorganen.

Sie helfen nicht mehr. Sie verblüffen.

 

Ich dachte, ich bleibe sachlich,

allgemein gültig,

sächlich,

Warum muss ich stets grinsen,

Als ob ich einen Luftballon verschluckt hätte…

 

Warum bin ich ich?





Nachtwache

25 06 2018

Humor und Weisheit nutzen letztlich nichts,

Wenn ich in tiefster Nacht unruhig wache,

Mit Mühe atme, sehne mich nach Licht,

Und meine alten, nie bekämpften Drachen

Sind wieder da…

Im trostlosen Zwielicht

Sie treten weich voran,

umkreisen mich,

Und ihre schattigen Gesichter lachen…