Herbst

24 09 2018

…und alles atmet etwas ruhiger und leiser,

und diese trockene, durchwärmte Duft

vom goldgebräunten, sonnensatten Laub,

vermischt mit kratzigem Parfüm und Straßenstaub,

schwebt in beruhigt müder Abendluft

und ruht sich aus nach langer Tagesreise.

 

Der Sommer war so hold, sein Griff so unauflöslich! –

Nun blättert er, gemäßigt, ab. Es ist genug.

Der Herbst, so herrlich frei von Zwang und Wirr’n,

legt seine Hände auf die fiebrige, gequälte Stirn,

löscht ruhelose Träume aus: zart, sicher, Stück für Stück:

Ohne Aussicht und Hoffnung, – und doch unendlich tröstlich.

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Pendelschläge. II

5 07 2018

II. Adieu, die Morgenröte!

 

Ich will es dürfen!

Schluss mit langem Reden,

Gewissensbissen, keuscher Frömmelei.

Ich bin kein Engel,

Und Schluss mit diesem Wollen,

einer zu sein!

 

Ein dieser ephemeren, abgeklärten Wesen,

Die ihren ungeheuren, schräg gestreiften Geist

Mit Bach und Händel regelmäßig töten,

Bevor er, von dem Leben überfallen,

Ihnen entgleist.

 

Gegrüßt sei du, mir längst bekannte,

interpretationsbefreite Feiernacht,

Du, die da in den Ohren trommelt.

Wein

ausgebrochen

aus dem schweigsamen Dekanter,

Ein Sprung in einen unerwarteten und fast verkannten,

Sommer…

Der Rhythmus des Adrenalins im Blut,

Verzaubert, aufgewühlt, erwacht.

Adieu, die fromme Morgenröte!





Pendelschläge. I

2 07 2018

I. Боже, verlasse mich nicht…*

*Боже – /boʒə/, de: bOshe, Vokativform für „Gott“/“Herr“ – LucyRenard

 

Боже, verlasse mich nicht.

In der tiefsten Nachtstunde, wenn kein Schlaf kommt,

Nicht und nicht,

Und Gedanken,

beflügelt und trotzig:

vom Motiv zu Motiv,

vom Gesicht zu Gesicht

Schwachsinn!

Stets um dieses Gesicht,

Kreisen,

kreisen,

kreisen

wie ein Hamster im Rennrad,

wie ein Boot ohne Ruder.

 

Ich bin müde, so müde,

Aufgespannt zwischen…

Diesem Aus-sich-selbst-Herauskommen,

Dem Vertrauen-lernen,

Der purer Menschlichkeit, die mir immer verwehrt blieb,

Der Menschlichkeit der Augenblicke,

von der ich mich immer so prächtig schützte,

Die mich aus der Bahn schleudert –

Ah, nein! Eher sanft hinausträgt,

so sanft,

so erschreckend leise,

so vertraut,

mit Halblächeln,

ich blinzle, stottere, rede Unsinn

und wache Nacht für Nacht.

 

Ich bin müde, mich zu wehren,

Atemzüge zu messen,

Augenblicke zu kürzen

– mit Messer!

Tief ins Herz

– so ist es besser!

So tief ins Herz,

In die unausgespochene –

Unaussprechliche –Tiefe

Der ungeformten Gedanken.

In die sinnliche Sinnlosigkeit des Sinns.

In die Erschöpfung des Nicht-Merkens.

 

Боже, lass mich nicht fallen.

Ich habe Angst. Solche menschliche Angst

Vor meinen zu fein gesinnten Sinnesorganen.

Sie helfen nicht mehr. Sie verblüffen.

 

Ich dachte, ich bleibe sachlich,

allgemein gültig,

sächlich,

Warum muss ich stets grinsen,

Als ob ich einen Luftballon verschluckt hätte…

 

Warum bin ich ich?