Sommer in der Stadt

19 10 2017

Sommer in der Stadt:

Zucker, Benzin und Parfüm in der zitternden Luft,

Der Gehsteig glüht vor Hitze.

Eine junge Frau im samtenen Kleid –

eine fließende Kurve zum Staunen.

Ein Kind blickt mich an

durch die Lokalvitrine,

nachdenklich und naiv, so unbekümmert rein –

Ein kleiner Weiser! –

Und ich muss lächeln…

 

Bewegung überall: ein Werktag,

hin und her und wieder zurück,

den Geschäften nach,

Alles bebt

Und fließt

Und atmet

Frei…

So schön ist das!

Ich bin am Leben!

Das Herz schlägt – ich schlage noch! –

Verliebt in diese Stadt:

Wo waren doch meine Augen früher?

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Wie ein Märchen, ein Lied, eine Hymne…

20 06 2017

Wie ein Märchen, ein Lied, eine Hymne,

wie eine weiche Verzweiflung,

die störrische Zartheit,

frühe Dämmerung vorm glutroten Untergang:

Hier kommst du

Endlich! –

So endlos und unumkehrbar.

Die Zeit fürs Weinen vom Glück

Und Lachen vom Schmerz

Ja, weinen von dir! –

Und beten: für dich und dir..

Nun ändert sich die Welt:

Krümmt,

Schäumt,

Wällt,

Schmilzt –

Es gibt keinen Raum,

keine Zeit,

keinen Beginn,

kein Ende

und keine Angst mehr…

Bleib bei mir.





Schrei-b!

19 05 2017

Schrei!

Aus den ganzen Lungen, und mit beiden Händen

Schlag wütend gegen jene Wand,

Die drinnen steht

und staut

und hemmt

und kettet dich mit Angst

du tätest etwas falsch.

Vielleicht…

Schrei!

Brich ihn durch,

den Damm,

Sei endlich kühner,

Herrgott! – Im Namen deiner alten Reime,

Schreib!

 

Die Trommel deiner schräg geformten Seele,

Verstaubt,

verstellt,

verscheut,

verstummt –

und trotzdem da!

Hol sie heraus und tue es einfach,

Schreib!

 

Schreib Kinderreime, Werbung, jeden Übungsschrott,

Der dir den langen Weg zurück erleichtert.

Schreib deine Suche, Unvernunft und Weisheit,

Den ewig alten Greis im frischeren Gehäuse

Deines zivilisierten, temperierten Körpers.

Aus all den hellen und den dunklen Ecken

deines so sonderbar geformten Ichs,

komm,

Schrei!





Integrationswa(h/n)n

15 05 2017

Sie sagen nicht, du seist grundsätzlich falsch:

nicht gut genug,

nicht genuin,

nicht brav und angepasst,

nicht ausgebildet,

nicht erfahren;

Sie sagen nicht, dass deine blonden Haare

und blaue Augen führten sie zum Glauben,

du seist so einfach rot-weiß-rot und basta.

Sie glauben dich zu kennen,

voraussagen können

– „Ausländer!“ –

In Kasten simpler Fantasien reinzuhauen,

Oh, stimmte etwas nicht? Es tut uns leid, wir haben uns geirrt,

Bringen Sie vielleicht noch nach

Ein dutzend tausend nutzloser Papiere:

Röntgenaufnahmen linken Ohres ihrer Mutter,

Nachweis, – nostrifiziert! – dass Sie noch nie geschnarcht hab´n,

Und dann…

na dann

wir schauen uns mal an,

Ob Sie verdeutscht genug sind, um zu uns zu passen…

.

Was ihrem Blick verborgen bleibt

Sind nicht nur hunderte Merkzettel,

Stunden und Stunden Pauken starker Verben –

Während ein Durchschnittsösterreicher nicht mal ahnt,

Was starke Verben seien,

Von deren Nutzen ganz zu schweigen…

.

Sie wissen nicht, wie heiter es mal war,

Im Dialekt zu schimpfen, bis es eines Tages

So kam, dass du mit deinen Eltern wienerst

Dass du nach Worten suchst, auf Russisch angesprochen,

Dass dir kyrillische Buchstaben fremd geworden sind,

und du dir überlegen musst,

wie schreibt man bitte „u“? – ah, danke, Ypsilon, das war es…

Sie wissen nicht, wie herrlich Strauße klingen,

vermischt mit Shostakovich und wie gut

sich Rilke reimt mit Blok,

wie prächtig Händel klänge in Eremitage

Mit seinem üppigen Barock.

Sie ahnen nicht, wie endlos lustig ist es,

Am Kahlenberg beim Wandern: wer sind sie,

Drei ukrainische Kosaken –

Erinnerung an Sechzehn-Dreiundachtzig,

Kosaken und Belagerung Wiens…

.

Sie wissen nicht, wie du beim Kopfanstoßen

An ewig falsch geöffn´ter Kühlschranktür

Statt diesem blumig slawischen Geschimpfe,

Genervt „Du, Scheiße“ schreist – und bleibst entsetzt.

Dass du mal eines Tages merkst, dass deine Reime nimmer gehen…

Dass du am Ende jeder russischen Zeile

Ein deutsches Verb dazu reinsteckst;

Im Deutschen fühlst dich aber wie ein Küken

mit ungeübter Hand und flachem Stil,

und so verstummst du für sechs lange Jahre…

.

Sie wissen´s nicht. Sie reden, voll gerüstet,

Mit ihrem besten Wissen und Gewissen,

Und oh Gott,

Wer wäre ich, um ihnen vorzuwerfen,

Sie hätten nicht – manchmal, nicht immer – recht.

Und doch wie gerne würde ich manchmal schreien,

Dass, auch wenn man in Fahnenfarben badet,

Ab irgendwann wird es schon richtig blöd,

Enttäuscht und bitter, so unendlich einsam,

Und man verstummt und zieht sich nur zurück…





Infinitamente

11 05 2017

Infinitamente.

Du bist nicht mehr…

Tot! Tot! Tot! So heißt es bei den kopfreifen Menschen!

Was kann doch einfacher sein, als diese drei Laute über die Lippen zu bringen

Ausstoßen

Fertig!

Tot!

Tot.

Was kann doch schwerer sein, als diese drei…

Du lebst nicht mehr.

 

Als du gingst…

Starbst, es heißt „sterben“! Sterben!

Hab Geist um das zu sagen: „Sterben“!

– Ruhe hier! Die Seele spricht.

Als du gingst, fühlte ich mich froh und zerschlagen zugleich

Froh? – Fast froh…

Ich wusste, du warst mit uns und doch alleine,

du warst

So alleine,

so unendlich alleine,

wie ich es jetzt ohne dich bin.

Du hattest uns und dieses schöne Leben

Aber nimmer Diejenigen, die deinen Weg prägten

Und ihn mitgingen…

Jetzt hattest du sie endlich bei dir.

Und sie hatten dich.

 

Ich stand da…

Stand?

Was soll das?

Du lagst entweder auf dem Boden

Oder saßest im Zimmereck

Selber zum Eck geworden,

Alle deine Kanten wieder sichtbar, keine Haut, nur Ecken, Winkel und gebroch´ne Linien.

– Ruhe hier! Die Seele spricht!

 

Als du gingst, da stand ich und dachte,

Farewell,

Gott sei mit dir,

Sei endlich mal frei,

Jetzt kannst es loslassen.

Jetzt musst – endlich mal! – nimmer stark sein.

Wie hast du es geschafft:

den Weg gegangen zu sein und dein Rückgrat behalten zu haben,

Ohne dass es zum Fragezeichen, zum gebrochenem Strich, wurde?

Deswegen sagtest du mir immer, ich soll doch gelegentlich den Kopf entladen,

man kann doch nicht immer denken, denken, tun, wieder denken,

man muss doch manchmal auch schwach sein dürfen,

ausatmen.

Jetzt kannst es dir wieder leisten.

 

Als du gingst, fühlte ich mich wie lebend enthäutet.

Ich wusste, dass es sein musste, und dass alles seine Zeit hat,

dass du dein Recht hattest, und dass ich es auch schaffen würde,

Tag für Tag, Jahr für Jahr mein Leben zu leben,

Meine Fehler zu machen, über sie zu wachsen,

aus meiner Haut hinaus und in die große Welt.

 

Ich schaffe es auch scheinbar nicht schlecht.

Zum Staunen ist es, wie ich jetzt brenne.

Aus den gebrochenen Linien kommt nun so viel Energie heraus,

Dass mir beinahe Blumen aus den Fingern wachsen.

 

Und wie gerne möchte ich glauben,

dass du gelegentlich rüberschaust und…

Du musst nicht einmal stolz sein,

Nein.

ich weiß es einfach, wie es ist

zwischen dir und mir.

Und, weißt, da drin ist immer ein Stückchen Platz,

der du bist.

Bis in die Unendlichkeit.





I starved my soul…

17 08 2015

I starved my soul to mental anorexia,

Denying it food for months and months, and months

day by day,

peu à peu,

bit by bit.

Don´t take too much, sweet darling!

Don´t run that far,

be meek and petty,

finish the duty first

before you waste your time on creativity

of thought,

and hand

and feeling…

Don´t drift too far now

that you have found an anchor

to hold and to be held in bed at night.

There, there! No childish tears

here,

take a handkerchief!

Don´t be pathetic! Now,

why can´t you shut your restless eyes

effectively

and rest a bit? – forever –

… Oh, soo loong slumber has it been!

How comes I know no mass, poor stupid thing I am?

If I should go for bond and steadiness,

Well then I should be steady, mind no further mental cause

but how to polster best that little holy world of matrimonial oyster-shell of joy.

Why can´t I be as others are?

The soul too restless, and the mind too greedy tear me

from what my sense of social roles demand from me,

and

being

double,

triple,

multiple inside,

I´m full, but starving,

deaf, but hearing things

With cold numb fingertips I try to touch

here and there and over there

and end up

Being good at nothing.