Skizze aus dem Stadtpark

31 07 2017

IMG_4252

Advertisements




I have a dream

28 06 2017

So to say… Vielleicht nicht heute und nicht in einem Jahr, aber eines Tages, Schritt für Schritt, möchte ich einige Sachen, die zum russischsprachigen Allgemeinwissen und Kulturgut gehören, ins Deutsche übersetzen. Das auf russisch Verfasste hat so viel mehr zu bieten, als die ewige, allen bekannte und daher fast schon fade Kombination „Tolstoj-Dostojewski-Shostakovich“. Dabei sind manche Autoren – ja ganze Wissenstraditionen im wahrgenommenen „Westen“ so gut wie unbekannt. Mit den Russischsprachigen redend, verzerre ich schmerzhaft die Miene, wenn sie ihre Belesenheit dadurch herzeigen wollen, dass sie Bulgakow gelesen haben. Um Himmels Willen! – Für Russischsprachige ist Bulgakow kein Bildungs-, sondern lediglich Alphabetisierungsmerkmal.

Als ich vor paar Jahren für die Aufnahmeprüfung Pädagogik an der Uni Wien ein äußerst unlogisch zusammengestelltes Buch lesen musste, fiel mir ein, dass die „westlich“ geprägten Autoren zwar vom pädagogischen Humanismus sprachen, sich dabei aber ausschließlich auf die USA bezogen. Wobei für mich pädagogischer Humanismus undenkbar ist ohne Wassili Suchomlinski oder Anton Makarenko. Die sind nicht lediglich Gestalten mitten im vorbeiziehenden Fluss der Zeit. Die sind der Inbegriff der humanistischen Pädagogik. Sie nicht zu kennen ist genauso unmöglich wie… nie von Viktor Frankl gehört zu haben.

Zwar waren beide Kinder ihrer Zeit: in Suchomlinskis „Briefen an den Sohn“ findet man recht viel Begeisterung für Kommunismus. Voll entzückt spricht er von dem, was ich mittlerweile als „Transformationsmoral“ abwerten würde: die Errichtung einer neuen, besseren, voll utopischen Gesellschaft, verflochten mit Pathos des Patriotismus (ich habe recht wenig gegen Patriotismus, solange es wirklich um die Liebe zum Eigenen – und nicht um die Abwertung des Anderen geht). Aber wie kann man das Suchomlinski zum Vorwurf machen? – dem Sohn der einfachen Dorfbauern aus tiefstem „nowhere“ in der Ukraine des frühen 20. Jahrhunderts, aufgestiegen dank der eigenen Begabung und kostenfreier Bildung – zu einem hochverehrten Pädagogen und Theoretiker des sowjetischen Humanismus in den Zeiten des Aufbruchs zum „sowjetischen Traum“ und wo dieser Traum ja so nah zu liegen schien – Weltallera und Tauwetter, Aufschwung der Wissenschaften und rasante Verbesserung des Alltags der Bevölkerung. Das Schwärmen nach der neuen Era, volle Überzeugung, dass der sowjetische Sozialismus eine bessere, gerechtere Gesellschaftsordnung, gehörten bei Suchomlinski zu einem Teil seines Lebensphilosophie, zu seinem Glauben.

Ob er manchmal hinwegschaut oder gewisse Sachen wirklich nicht sieht: GULAG, Holodomor und sonstige „Nebenwirkungen der Verbesserung“? Dabei spricht sich Suchomlinski in seinen Büchern immer wieder unglaublich tapfer gegen die individuelle „Taubheit“, Feigheit, Faulheit und menschenunwürdige Gleichgültigkeit der Gesellschaft aus. Er berührt insgesamt so eine breite Palette der Probleme, dass man ihn schon allein deswegen hätte lesen sollen. Und vielleicht sind manche Gedanken veraltet oder romantisch oder was sonst. Sie sind jedoch so schöne Denkanstöße…

Hier ist ein kleiner Auszug aus Suchomlinski, den ich vor 3 Jahren für diesen Blog übersetzte. Sollte doch regelmäßig gelesen werden, wenn die Abenddämmerung etwas dünkler als üblich wird.

I have a dream, wie gesagt…

 





Evolution des Frühlings – Aprilskizzen, T.1.

4 05 2013

Es folgen weitere Skizzen, die meine Frühlingssucht (und dadurch auch teilweise Abwesenheit von hier: ich bin seit einem Monat voll betrunken mit Geräuschen, Düften und Gestalten der eifrig blühenden Stadt) ausdrücken.

(Immer noch) kahle Birke, Eggenburg

Lange haben wir auf den Frühling gewartet, und lange habe ich mich gar nicht getraut, Naturobjekte zu zeichnen (eigentlich bis Weihnachtsreise nach Rom, was man im Blog eh sieht). Auf dem Bild ist ein der letzten Tage vor dem Ausbruch des wild  blühenden, eifrigen und etwas fanatisch hektischen Frühlings.

IMG_097

Gleich am nächsten Tag war ich auf dem Weg in die Arbeit und hatte ungeplannt 10 Minuten Freizeit – und im kahlen Gebüsch sah man schon erste Knospen. Also konnte ich die Versuchung nicht widerstehen.





Pinienbroccoli

10 01 2013

Wie versprochen, ein bisschen frische Kritzlerei. Ich muss sagen, ich habe nie in meinem Leben genossen, Bäume zu zeichnen: vielleicht gibt es dafür – sowie für alles andere auf dieser Welt – eine tiefliegende und ganz unbewusste Erklärung: heimliche Phobie… Kindheitstrauma… Aha, klar, ganz bestimmt. Habt ihr nie das Gefühl, je weiter man nach den tiefliegenden Erklärungen sucht, umso mehr spinnt man? Ich zeichne keine Bäume weil ich sie gar nicht zeichnen kann. Sie sind einerseits statisch, d.h. sie können mit mir nicht reden, andererseits gibt es bei ihnen keine scharfe Ecken, keine Erker und keine Fassadenplastiken, ja. Umso lustiger, dass zwei einzige erträgliche Skizzen aus Rom haben was mit Bäumen zu tun. Vielleicht stehe ich vor der Entdeckung der wilden… Parknatur.

Jedenfalls, hier sind die Pinien (vulgo Broccoli), die man ausm Fenster von unsrem Hotelzimmer sehen konnte und die mich jeden Morgen wahnsinnig motivierten.

Broccoli

Verdammt, ich sehe es gerade: oben rechts hätte ich es besser fixieren müssen. Sorry.





Zwei Plastiken, Pfarrkirche Graz

4 12 2012

Plastiken, Pfarrkirche, Graz





Musik ohne Grenzen?

9 10 2012

Neulich bin ich auf ein Buch gekommen, dass ich natürlich schon allein wegen des Autoren auf keinen Fall im Buchgeschäft hätte liegen lassen können. Edward Said habe ich vor einigen Semestern im Kurs Postcolonial Studies, Images of Africa „kennen gelernt“. Sein dem Orientalismus gewidmetes Buch war für mich eine jener wenigen kleinen, aber prinzipiell wichtigen Weltoffenbarungen, die zunächst fast unauffällig vorbeigehen um deinen Verstand ungeschützt von hinten anzugreifen und dort für immer stecken zu bleiben.

Said schrieb über die synthetische und daher künstliche Natur unsrer Vorstellungen vom Orient, über die Ursprünge des Kulturmythos` Orient im öffentlichen Diskurs und über die Wichtigkeit, dies alles zu überwinden, um eventuell ein klares Bild vom Orient schaffen zu können. In manchen Bereichen dachte ich mir verwundert, um Gottes Willen, das ist doch wie ich es auch immer empfunden habe – jeder kennt ja dieses Gefühl, wenn man das Gedachte aber nie Ausgedruckte im Buch liest – „verdammt, ich hab doch „recht“ gehabt!“. Kurz und gut gesagt, der gute Said plädiert für Vernunft im Bereich durch Traditionen und erste Impulse aufgedrängte Meinungen. Bravo.

AP menschlich ausgedruckt: Mythos ist ein sehr vielschichtiger Begriff der Kulturwissenschaft, was natürlich auch eine genaue Erklärung viel zu problematisch macht. Ich gehe von jener Erklärung aus, die von Barthes in seinen Mythologies (1957). Kurze Zusammenfassung der Barthes´schen Ideen findet man unter anderem hier: http://spaces.kisd.de/identitaetundmythos/files/2011/01/Mythen_des_Alltags_excerpt1.pdf

Said sagt, Orient wie wir dieses Wort verstehen samt allen Assoziationen, Vorstellungen, Stereotypen und sogar Erfahrungen (denn sie auch von dem allgemeinen Denken, d.h. auch von der Denktradition, ergo auch von dem bösen bösen kulturellen Diskurs abhängig sind) ist eine künstliche Konstruktion, die von der westlichen Kultur im Laufe deren Entwicklung als ein Bild von dem Anderen, dem Gegenseitigen geformt war. Wo Europa arm war, schien Orient märchenhaft reich zu sein, wo Europa für Demokratie und Liberalismus plädierte und dran oft auch litt, glaubte man den Orient konservativ, statisch und despotisch zu sein, wo westliche Frauen mal spielerisch kalt, „schamlos“ und „willkürlich“ agieren mochten, haben die Orientalischen dagegen schamvoll, unfrei und trotzdem promiskuitiv sein sollen usw ad infinitum. Said dekonstruiert solche Vorstellungen und erklärt, wie sie auf unsre alltägliche Wahrnehmung der orientalischen Welt wirken. 

Das Buch, dass ich unbedingt aus der Buchhandlung „retten“ wollte heißt Musik ohne Grenzen.  Mein Lesen ist erst begonnen, und ich muss zugeben, es sind zwei einander bitter widersprechende Gefühle, die sich in mir kämpfen. Dass der Said zu allem auch ein guter Klavierspieler war ist zweifelsohne beneidenswert. Und so wie er schreibt würde ich die Musik eigentlich ziemlich gerne empfinden können: die bleibt für mich wie für die größte Mehrheit der sterblichen Menschheit ein Rätsel, dass sich weder lösen, noch zähmen lässt.

Manchmal denke ich mir, es hänge alles mit der Technik zusammen: man übt sich, übt die Finger und das Gedächtnis, lernt ein Werk auswendig und hoppla! – Da ist sie schon, die Ekstase, die Nirvana, die von manchen Musikern offensichtlich ohne Sex und Drogen erreicht werden kann. Vielleicht ist die Musik gerade die Droge oder einer Droge und dem Sex ähnlich… – naja, oder der Meditation. Meine Drogen sind Beethoven und Chopin.

Ob die Technik dabei wirklich alles an einem Musiker schaffen kann, was es zu schaffen gibt weiß ich nicht. Soweit ich den Said verstehe, er meint es anders. Auch wenn nicht ausdrücklich. Hätte er das so ganz offen geschrieben, wäre es… Ein Verrat gegen die Vernunft? Gewiss. Gegen das kritische Wahrnehmen und Denken, gegen das Wachsein, dass es den bösen bösen Diskurs gibt, der unsres Denken und unsre Gefühle steuert. Da ich mir denke, jedes seelische Empfinden und jedes Denken ist ein Produkt des Systems, der Gesellschaft, wo man gehört. Als eine sprachlich indoeuropäisch geprägte Person empfinde ich zum Beispiel, dass die Zukunft konzeptuell „vorne“ liegt und die Vergangenheit „hinten“. Es gibt Sprachen und Völker, wo man das Erste oben und das Zweite unten sieht. Schon allein das verursacht eine ganze Reihe konzeptuelle Unterschiede im Denken zwischen mir und der Person aus einem anderen System.

Die Musik kann natürlich sprachlos sein (so Said), es bringt sie aber nicht aus den Rahmen des Kulturdiskurses heraus. Daher ist auch die Subjektivität der Musik durch gewisse Meinungen, die im gegebenen Diskurs verbreitet sind, zu erklären. Ergo, unkritisches Wahrnehmen der Musik, Zuschreiben ihr der magischen und göttlichen Eigenschaften („göttlicher Kontrapunkt“ von Gould) eine süße, aber doch Illusion.

Das macht den Said nicht schlechter, nicht weniger respektvoll in meinen Augen. Und das Buch ist nach allem schön zu lesen. Die Tatsache, dass der gute Said von der Musik besessen und bezaubert ist macht ihn menschlich. Und das Buch – subjektiv. Wie jedes Sekundärschreiben an die Werke, die den „Untauglichen“ hilft, das Geheimnisvolle zu verdauen…

PS. Und dann hab ich plötzlich die Beethovens 14. Sonate, ein der wenigen Werke, die ich nicht nur lauschen, aber auch wirklich hören kann, in der Gould´schen Interpretation angeschaltet – und dann wurde es mir klar, was die romantische Seite des ehrwürdigen Wissenschaftlers so bezaubert hat. Gould spielt ziemlich ähnlich wie mein lieber und verehrter Richter: freizügig und doch zugleich wohltemperiert, er spielt nicht nur das Werk, aber mit dem Werk, sein Adagio erinnerte mich mit dessen schnellen, fieberhaften Übergängen an eine Spieldose oder an einen unglücklich verliebten Teenager, der mit dem Gefühl und eigener Unfähigkeit, es weder zu verstecken, noch zu erleben, verloren und ratlos da steht. Der Said hat doch verdammt recht gehabt: so wie der Gould spielt, hab ich den Beethoven noch nie empfunden. Klasse.





Zur Frage des männlichen/weiblichen „Gaze“ in der Geschichte

24 02 2012

Перевод (Ru)

Theorie der Medienanalyse spricht oft und nicht grundlos von einem gewissen Konzept: vom Gaze (Blick). In seinen „Notes on „the Gaze“ bezeichnet Daniel Chandler Gaze als einerseits eine Weise, auf die Zuschauer visuelle Kunst (d.h. Filme, Fotos, Bilder usw.) sehen und, andererseits, wie die in diesen Filmen, auf den Bildern und Fotos dargestellten Menschen zurückblicken. Man redet natürlich auch davon, dass es einen bestimmten „männlichen“, sowie einen „weiblichen“ Blick gibt, wobei das Letze eher eine Erfindung der Frauenemanzipation sei (Frauen haben begonnen, auch Männer als Objekte des Schauens zu betrachten, daher auch männliche Sorgen ums Aussehen und Befreiung der armen Frauen von dem jahrhundertelangen Joch der Objektivierung). In dieser Hinsicht werde ich dem Konzept des männlichen Blicks nicht widersprechen. Es wäre meinerseits recht unwissenschaftlich zu vermuten, dass Frauen auf mehreren klassischen Bildern (sh. unten) als keine Objekte des Schauens dienen. Aber die Vorstellung, dass Männer an sich nie Objekte waren, finde ich recht spekulativ.

Thanks http://hoydensandfirebrands.blogspot.com/2012/01/17th-century-beauty.html

Männliche Person, männlicher Körper, Wohlsein, Gesundheit und ästhetische Wert der Männlichkeit können keinesfalls Erfindungen des 20. Jahrhunderts und dessen gesellschaftlichen Umwältzungen sein. Im Gegenteil sind sie tiefst traditionell und archaisch. Ich traue mir zu vermuten, sie stammen aus unserer vorgeschichtlichen Evolution und können allein deswegen als keine viel zu neuen und „unnatürlichen“, „ungewöhnlichen“ Phänomene betrachtet werden.

Es ist durchaus möglich, dass das Begehren der Weiblichkeit (i.e. Früchtbarkeit) und eines weiblichen Körpers ein bisschen älter seien, da das Matriarchat als gesellschaftliches Modell einfach älter ist. Aber wenn wir von Altersunterschieden reden, ist unsere gesamte sapiens sapiens Zivilisation im Vergleich mit der Evolution der Menschheit so jung (nicht zu erwähnen die so genannte moderne, d.h. post-industrielle Gesellschaft, die überhaupt ca. 150 Jahre alt ist), dass es unsererseits schon recht kleinlich wäre, übers prinzipielle Dominieren des Kultus`der Weiblichkeit über den der Männlichkeit auf dem frühen Evolutionsniveau zu sprechen. Sagen wir mal, die Wandlung vom Matriarchat zum Patriarchat ist zu früh vorgekommen, um uns die Polemik über Genderrepräsentation auf diesem Entwicklungsstadium zuzulassen.

Wo man wie wir es schon oben erwähnt haben weibliche Früchtbarkeit, die Mütterlichkeit begehrte, gab es auch Platz der Verehrung der klassisch männlichen Funktionen und Eigenschaften: man sprach vom einem Mann als Jäger, Kämpfer gegen die feindliche Natur, Sieger über deren Kräfte.

Es war einmal modisch, die Ursprünge der europäischen Zivilisation in der antiken Welt zu finden (ich sage nicht „nach denen zu suchen“, weil sie normalerweise ge- oder erfunden waren). Laut dieser tröstenden, aber bestrittenen Theorie stammte die europäische Einzigartigkeit gerade aus der klassischen, griechisch-römischen Exklusivität. Wie wir es heutzutage wissen, stand die Begehrung des menschlichen (männlichen sowie weiblichen) Körpers im Mittelpunkt der klassischen Kultur. Da auch die Homosexualität den Griechen und Römern nicht fremd blieb, war Männlichkeit genauso wie Weiblichkeit engst mit sexuellem Vergnügen verbunden. Männlicher Körper wurde auch als (passives) Objekt des libidösen Blicks  betrachtet. Das allein beweist schon, dass so genannte Objektivierung der Männer durch weiblichen oder homosexuellen Blick keine Erfindung des modernen Liberalismus ist.

Die die Abstammung der europäischen Zivilisation von ihren klassischen Vorfahren umstreitenden Wissenschaftler plädieren dafür, dass es nach den Spuren des Europäismus so wie wir ihn heute kennen erst im Mittelalter zu suchen ist. Aus dem Mittelalter entwickelten sich unsere späteren gesellschaftlichen, ökonomischen sowie politischen Institutionen. Im Mittelalter (zumindest ab 13. Jahrhundert) war die Sexualität (nicht zu sprechen von gleichgeschlechtlicher Liebe) marginalisiert und strengt tabuiert. Das Begehren der Männlichkeit aber nicht.

Man traute sich natürlich nicht mehr, nackte Männer anzustarren: die Kirche sorgte für viel zu empfindliche Strafen für solche Wonne. Stattdessen entwickelt sich aber eine neue Verehrungstradition, die meiner Meinung nach erst im 19. Jahrhundert ihren Hohepunkt erreicht. Nun verewigen endlose Barden, Troubadours, Minesänger für ausschließlich „männlich“ gehaltene Tugenden: Mut, Stärke, Großzügigkeit usw. ad infinitum. Alle bedeutenden mittelalterlichen Helden verfügten unbedingt über zwei Eigenschaften: sie sollten adeliger Herkunft und (prinzipiell wichtig!) attraktiv sein.

Apropos, wenn man mittelalterliche Sagen und Lieder liest, kommt man auf die Idee, dass diese Superhelden ihrer Epochen nicht nur einander grauslichst umbringen dürften, es war aber auch fast vorausgesetzt, dass sie ab und zu sentimentale Gefühle äußerten. Man machte aus jedem Handtuch jeder schönen Dame eine kleine Tragödie und aus jedem Heldentod richtige Passion Christi. Apotheose dieser männlichen Empfindlichkeit findet man (nicht-)überraschenderweise bei Franzosen: im Rolandslied weint jeder und beim jedem Anlass, es gelingt sogar dem guten alten Karl den Großen, zwei oder dreimal ohnmächtig zu werden.

Mein Leser kann jetzt erwidern, dass es alles nur Wörter sein, die keinen Blick im engen Sinne des Wortes zulassen. Stimmt schon. Man darf aber nicht vergessen,  wie prägend jede Art Kunst auf die alltägliche Kultur wirkt. Die Eigenschaften, die die Kunst als positive bezeichnet, werden unvermeidlich zum wichtigen Punkt der Bestrebungen im Prozess der menschlichen Sozialisierung. Kurz und gut: was gelesen wurde, wurde von mehreren Lesern automatisch als guter Ton ins wirkliche Leben übernommen.

Auch auf den wenigen mittelalterlichen Bildern (klerikalen sowie weltlichen) waren es vor allem Männer, die angeschaut wurden, d.h. Objekte vom Gaze waren. Man könnte schon vermuten, mittelalterliche Männer standen unter permanent höherem Druck der Notwendigkeit, gewissen Vorstellungen über Männlichkeit zu entsprechen (was heutzutage von bösen Feministinnen im Zusammenhang mit Versklavung und Objektivierung der Frauen den Männern vorgeworfen wird). Männlicher Gaze des Mittelalters funktionierte als kodifiziertes Regelungssystem: wenn du das und jenes nicht bist, bist du kein echter Mann.

Auch Renaissance hatte Männlichkeit gerne, diesmal auch mit dem männlichen Körper. Es wurde wieder erlaubt, nicht nur von geistigen Tugenden, aber auch von der reinen Attraktivität, von der körperlichen Vollkommenheit eines Mannes, eines Siegers, eines Kämpfers, eines Kranzes der Schöpfung entzückt zu sein. Es gab David von Michelangelo, es gab den virtuvianischen Mensch von Da Vinci. Die Beide entsprechen den heutigen kulturwissenschaftlichen Ideen über die Darstellung vor allem einer weiblichen Figur mit ihrer statischen Passivität, Offenheit dem fremden Blick (sh. unten).

Vielleicht erst in Reinaissance tritt zum ersten Mal ein neuer Mannestyp auf Licht, nämlich jener aktiver, manchmal fast aggressiv wirkender, dynamischer, den Zuschauer direkt und schamlos zurückblickender Typ, den heute zu einer festen und schon stereotypischen Assoziation mit Männern geworden ist.

Während die Männlichkeit im Bereich Gaze schon bereits in Renaissance einen neuen Entwicklungsvektor entwickelt, bleibt die Darstellung der Weiblichkeit bis ins 20. Jahrhundert fast unverändert, d.h. passiv objektiviert. Es lässt sich also feststellen, dass es erst in 13.-15. Jahrhunderten zum Bruch zwischen einander parallel gehenden Darstellungstraditionen (jene eines Mannes und jene einer Frau) gekommen ist. Nach den Ursprüngen der Stagnation mit Weiblichkeit könnte man theoretisch im mittelalterlichen, von der Kirche erarbeiteten Konzept der weiblichen Sündhaftigkeit suchen. Ich erlaube mir aber dieses Thema nicht tiefer einzugehen: für Genderstreitigkeiten gibt es moderne Feministinnen, zu denen ich mich prinzipiell nicht zähle.

Zum Schluss will ich jetzt nur folgende Fragen fürs weitere Nachdenken stellen:

– Wie betrachtet man mit Rücksicht auf die Gaze-Theorie die europäische Barock, die von der Repräsentation nach außen besessen war?

– In welcher Verbindung stehen die Abneigung der Wichtigkeit des männlichen Aussehens mit Biedermeier, Industrialisierung Europas und viktorianischem England?

Der Suche nach den Antworten auf diese Fragen werde ich meinen Kopf in kommenden Wochen widmen. Ich freue mich auch auf mögliche Kommentare zu diesen kaum lesbaren, aber hoffentlich interessanten Überlegungen.

23. Februar 2012,

Wien-Eggenburg-Wien