Aus der Naivitätensammlung: Wie viel Musik gibt es in abgeschabten Wänden

19 11 2018

Dieses Gedicht habe ich per reinen Zufall wieder entdeckt und bin nun ein kleines bisschen stolz auf jenes 20-jährige Kind, das scheinbar doch was von Schönheit verstand… Die Übersetzung, ungreimt, folgt unten.

 

Как много музыки в облупленных стенах,

Поэзии – в одном случайном вздохе,

Как много в постановке фраз эпохи,

Мудрейшего в безумнейших словах.

 

Молчанье может больше рассказать,

Чем как гуашь густые излиянья, –

Быть может, так приходит пониманье

Природной красоты искусства? – Вот бы знать!

 

Übersetzung:

Wie viel Musik gibt es in abgeschabten Wänden

und Poesie in einem zufäll´gen Atemzug,

Wie viel Zeitepoche gibt der Satzbau wieder

Und wie viel Weisheit in verrücktesten Worten.

 

Das Schweigen sagt viel mehr aus,

Als all das Gerede, dick wie Gouache, –

Mag sein, dass auf die Weise zu mir

das Verständnis der natürlichen Schönheit der Kunst kommt? – Wenn ich es wüsste!

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Helli!

30 08 2018

(Übersetzung folgt unten)

 

Знаешь, о чем я думаю,

Глядя на утро вроде сегодняшнего?

На весь этот необъятный,

дышащий,

восхитительный мир?

 

Где каждый цветок – отдельная вселенная,

Со своим небом, которому молятся,

Адом, которого боятся

(и потому дети никогда не наступают на трещины в асфальте)

Со своим Богом,

Которого они представляют седым дедушкой на облаке

И дьяволом, без которого не было бы у них и Бога.

 

Где каждая песчинка – своя планета? –

И только нет слона, чтобы беречь песчинку.

 

Мир, где существуют

Петербург,

книги,

Моцарт,

импрессионизм,

поэзия Серебряных веков

и рок-музыка;

 

Я думаю: Господи!

Знающий,

ведущий,

непонятный,

вдохновляющий…

Знаю, у Тебя много дел,

Знаю, Ты вне рамок нашего понимания,

Ты же видишь больше и дальше нас, –

Принимаю. Значит, так надо.

 

Но неужели же мы все, все без исключения

Такие прогнившие подлецы,

Чтобы Ты отдал нас в руки тех, кого Ты поставил пасти нас?

 

Тех безликих, дергающих за веревки,

А мы в это время танцуем

и даже не знаем, что не по своей воле?

Тех,

отнимающих у нас право на мысль,

зрение,

слух

и осязание,

Право на правду?

Тех, насилующих наши глаза и души?!

 

Deus meus,

Deus meus,

ut quid dereliquisti me?!..

 

Übersetzung: 

Weißt du, woran ich denke,

Wenn ich einen Morgen wie heute anblicke?

Diese endlose,

atmende,

erstaunliche Welt?

 

Wo jede Blume ein eigenes Universum ist,

mit dem eigenen Himmel, den man anbetet,

und der Hölle, vor der man sich fürchtet,

(und daher treten Kinder nie auf Risse im Asphalt),

mit dem eigenen Gott,

den man sich als einen grauhaarigen Opa, eine Wolke reitend, vorstellt,

und dem Teufel, ohne den es auch keinen Gott gäbe.

 

Wo jedes Sandkörnchen ein eigener Planet ist,

Und es fehlt lediglich an einem Elefant, um auf das Sandkörnchen aufzupassen.

 

Die Welt, in der es

Petersburg,

Bücher,

Mozart,

Impressionismus,

Poesie des Silbernen Zeitalters

Und Rockmusik gibt….

 

Da denke ich mir: Helli!

Allwissend,

Führend,

Unbegreiflich,

Begeisternd…

Ich weiß, Du hast wohk viel zu tun,

Ich weiß, Du stehst außerhalb unseres Verstandes,

Du siehst doch viel mehr und weiter, als wir.

Ich nehme es so wie es ist. So gehört es.

 

Und doch sag: sind wir alle, ohne Ausnahme

Solche verlorene Bastarden,

Dass Du uns in die Hände derjenigen anvertrautest, die uns beherrschen?

 

Derjenigen – ohne Gesichter, an Fäden ziehend,

Während wir tanzen,

Ohne es zu wissen, dass wir dies nicht freiwillig tun,

Derjenigen,

die uns das Recht aufs Denken entziehen,

Aufs Sehen,

Auf das Gehör,

auf unsren eigenen Tastsinn,

Das recht auf Wahrheit?

Derjenigen, die unsere Augen und Seelen missbrauchen?

 

Deus meus,

Deus meus,

ut quid dereliquisti me?!.





Sommer in der Stadt

19 10 2017

Sommer in der Stadt:

Zucker, Benzin und Parfüm in der zitternden Luft,

Der Gehsteig glüht vor Hitze.

Eine junge Frau im samtenen Kleid –

eine fließende Kurve zum Staunen.

Ein Kind blickt mich an

durch die Lokalvitrine,

nachdenklich und naiv, so unbekümmert rein –

Ein kleiner Weiser! –

Und ich muss lächeln…

 

Bewegung überall: ein Werktag,

hin und her und wieder zurück,

den Geschäften nach,

Alles bebt

Und fließt

Und atmet

Frei…

So schön ist das!

Ich bin am Leben!

Das Herz schlägt – ich schlage noch! –

Verliebt in diese Stadt:

Wo waren doch meine Augen früher?





Evolution des Frühlings: Skizze aus dem Stadtpark

31 07 2017

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I have a dream

28 06 2017

So to say… Vielleicht nicht heute und nicht in einem Jahr, aber eines Tages, Schritt für Schritt, möchte ich einige Sachen, die zum russischsprachigen Allgemeinwissen und Kulturgut gehören, ins Deutsche übersetzen. Das auf russisch Verfasste hat so viel mehr zu bieten, als die ewige, allen bekannte und daher fast schon fade Kombination „Tolstoj-Dostojewski-Shostakovich“. Dabei sind manche Autoren – ja ganze Wissenstraditionen im wahrgenommenen „Westen“ so gut wie unbekannt. Mit den Russischsprachigen redend, verzerre ich schmerzhaft die Miene, wenn sie ihre Belesenheit dadurch herzeigen wollen, dass sie Bulgakow gelesen haben. Um Himmels Willen! – Für Russischsprachige ist Bulgakow kein Bildungs-, sondern lediglich Alphabetisierungsmerkmal.

Als ich vor paar Jahren für die Aufnahmeprüfung Pädagogik an der Uni Wien ein äußerst unlogisch zusammengestelltes Buch lesen musste, fiel mir ein, dass die „westlich“ geprägten Autoren zwar vom pädagogischen Humanismus sprachen, sich dabei aber ausschließlich auf die USA bezogen. Wobei für mich pädagogischer Humanismus undenkbar ist ohne Wassili Suchomlinski oder Anton Makarenko. Die sind nicht lediglich Gestalten mitten im vorbeiziehenden Fluss der Zeit. Die sind der Inbegriff der humanistischen Pädagogik. Sie nicht zu kennen ist genauso unmöglich wie… nie von Viktor Frankl gehört zu haben.

Zwar waren beide Kinder ihrer Zeit: in Suchomlinskis „Briefen an den Sohn“ findet man recht viel Begeisterung für Kommunismus. Voll entzückt spricht er von dem, was ich mittlerweile als „Transformationsmoral“ abwerten würde: die Errichtung einer neuen, besseren, voll utopischen Gesellschaft, verflochten mit Pathos des Patriotismus (ich habe recht wenig gegen Patriotismus, solange es wirklich um die Liebe zum Eigenen – und nicht um die Abwertung des Anderen geht). Aber wie kann man das Suchomlinski zum Vorwurf machen? – dem Sohn der einfachen Dorfbauern aus tiefstem „nowhere“ in der Ukraine des frühen 20. Jahrhunderts, aufgestiegen dank der eigenen Begabung und kostenfreier Bildung – zu einem hochverehrten Pädagogen und Theoretiker des sowjetischen Humanismus in den Zeiten des Aufbruchs zum „sowjetischen Traum“ und wo dieser Traum ja so nah zu liegen schien – Weltallera und Tauwetter, Aufschwung der Wissenschaften und rasante Verbesserung des Alltags der Bevölkerung. Das Schwärmen nach der neuen Era, volle Überzeugung, dass der sowjetische Sozialismus eine bessere, gerechtere Gesellschaftsordnung, gehörten bei Suchomlinski zu einem Teil seines Lebensphilosophie, zu seinem Glauben.

Ob er manchmal hinwegschaut oder gewisse Sachen wirklich nicht sieht: GULAG, Holodomor und sonstige „Nebenwirkungen der Verbesserung“? Dabei spricht sich Suchomlinski in seinen Büchern immer wieder unglaublich tapfer gegen die individuelle „Taubheit“, Feigheit, Faulheit und menschenunwürdige Gleichgültigkeit der Gesellschaft aus. Er berührt insgesamt so eine breite Palette der Probleme, dass man ihn schon allein deswegen hätte lesen sollen. Und vielleicht sind manche Gedanken veraltet oder romantisch oder was sonst. Sie sind jedoch so schöne Denkanstöße…

Hier ist ein kleiner Auszug aus Suchomlinski, den ich vor 3 Jahren für diesen Blog übersetzte. Sollte doch regelmäßig gelesen werden, wenn die Abenddämmerung etwas dünkler als üblich wird.

I have a dream, wie gesagt…

 





Evolution des Frühlings – Aprilskizze aus Eggenburg

4 05 2013

Es folgen weitere Skizzen, die meine Frühlingssucht (und dadurch auch teilweise Abwesenheit von hier: ich bin seit einem Monat voll betrunken mit Geräuschen, Düften und Gestalten der eifrig blühenden Stadt) ausdrücken.

(Immer noch) kahle Birke, Eggenburg

 





Pinienbroccoli

10 01 2013

Wie versprochen, ein bisschen frische Kritzlerei. Ich muss sagen, ich habe nie in meinem Leben genossen, Bäume zu zeichnen: vielleicht gibt es dafür – sowie für alles andere auf dieser Welt – eine tiefliegende und ganz unbewusste Erklärung: heimliche Phobie… Kindheitstrauma… Aha, klar, ganz bestimmt. Habt ihr nie das Gefühl, je weiter man nach den tiefliegenden Erklärungen sucht, umso mehr spinnt man? Ich zeichne keine Bäume weil ich sie gar nicht zeichnen kann. Sie sind einerseits statisch, d.h. sie können mit mir nicht reden, andererseits gibt es bei ihnen keine scharfe Ecken, keine Erker und keine Fassadenplastiken, ja. Umso lustiger, dass zwei einzige erträgliche Skizzen aus Rom haben was mit Bäumen zu tun. Vielleicht stehe ich vor der Entdeckung der wilden… Parknatur.

Jedenfalls, hier sind die Pinien (vulgo Broccoli), die man ausm Fenster von unsrem Hotelzimmer sehen konnte und die mich jeden Morgen wahnsinnig motivierten.

Broccoli

Verdammt, ich sehe es gerade: oben rechts hätte ich es besser fixieren müssen. Sorry.