Gesichter

21 09 2017

Und sie gingen… Rannten mir durch die Finger.
All die Gesichter, all die Momente,

Bauklötzchen aus dem früheren Leben,

Aus dem Leben, das der Jugend gebührt,

dem reifenden Herz vorbehalten.

 

Sie gingen, chacun à son gout.

Eine – leise,

mäuschenstill,

So dass erst ihr Abgang

betäubend laut schrie,

So dass die Gläser im Schrank zersprangen! –

Wie sinnlos! wie früh! wie unfair!

 

Auch die Andere schwieg eine Weile,

– bis das Rettungsboot vorbei war,

und dann

brach die Panik aus.

Sie merkte: sie hatte jemanden,

sie wollte doch noch nicht gehen.

Wie ein Ertränkender das Wasser schlägt:

– Hilfe! Hilfe! Ich bin hier! Kommt zurück! Hi… –

Und keinen Halt mehr findet…

 

Auch sie gingen: er und er und sie,

Natürliches Ableben, sagt man,

Kreis des Lebens…

Doch das war ja mein Herz in diesem Kreise!

Jeder hatte seinen Gang, seinen Stil, sein Ende…

 

Das langsame Abblühen eines launischen Greises,

Der ständig nach Hilfe rief

und sie niemals annahm,

er drohte und raunzte und witzelte dich bis zum Weinen –

Als er ging, wuchs aus dieser Hülle

Wieder der Held meiner vaterlosen Kindheit…

 

Sie ging erhobenen Hauptes,

Stolz und bescheiden zugleich.

Stark und so warm und wärmend…

Ein Leuchtturm, Symbol der Hoffnung

Bis zum letzten Atemzug –

Wie gerne hielte ich ihre Hand!

 

Viele Gesichter waren zu tragen mir auferlegt,

Die Lebenswege Anderer flechten sich ein in den Meinen.

Die Finger frieren. Wie früh sie gingen!

Und ich muss immer weiter fort…

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Dein Wein ist – oh! – so schwer…

14 09 2017

Dein Wein ist – oh! – so schwer, mein liebes Leben! –

Er schlägt ohne Erbarmung in den Kopf.

Man trinkt ihn, würzigen, so gern, und hofft,

Das Fest wird dauern, und das Meer ist hoch,

Mag sein, am Tag danach kommt keine Ebbe…

 

Sie kommt… Sie rauscht und lässt dich hilflos liegen,

Brust aufgemacht, Herz rast, entblößt, verletzt,

Von biederer Normalität zutiefst entsetzt,

Verständnis suchend bis zum letzten Allerletzt –

Es glaubte gestern Nacht es könne fliegen.

 

Und morgen wieder, Kopf erhoben, Wunden frisch geleckt,

Man will noch mehr von deinen bunten Früchten:

Bewegungen, Texturen, Seufzer und Gerüchte,

Dein Wein ist – ah! – so schwer, und er macht süchtig,

Er schläfert ein und doch zugleich erweckt.





Schalte mir die Sterne aus…

4 09 2017

Schalte mir die Sterne aus:

Schluss mit klarer Sicht!

Manchmal Hoffnung, manchmal Angst

Überfluten mich.

 

Manchmal schweb´ ich, federleicht,

Unterm Zimmerdeck,

Manchmal, kaum vom Schlaf erwacht:

Schaudere vor Schreck.

 

Bin ich das? In meinem Kopf

Blüht ein fremdes Licht.

Mal verträumt und manchmal schroff

Ist es nicht durch dich?

 

Langsam schließt sich dieser Kreis:

Was wird nun aus mir?

Schalte mir die Sterne aus,

Halte mich. Ich friere…

 

 





In-spira-tion (…ruhelos wand´re ich die Wege…)

21 08 2017

Ruhelos wand´re ich die Wege:

auf und ab,

weiter fort,

immer weiter

und weiter…

Mit stoischer Miene und manchmal auch Lächeln,

vom Motiv zu Motiv,

vom Gesicht zu Gesicht,

Straße nach links,

Straße nach rechts,

von A zu B

und C und D,

ewig suchend und

nie ankommend.

Nirgends und nie.

Abends, im Bett liegend,

Dem Körper horchend,

Frage ich mich selbst,

 – Fragen mich meine Füße und Waden –

Wohin mit all dem Schwung?

Mit Wucht und Energie,

Mit all dem Herz,

Zu wem? Und welchem Himmel nach?

 

Ach, was sind schon diese Füße!

 

Es kocht da drin´im Kopf und Brust,

Tausend Eindrücke in einem Stück!

Tausend Gesichter,

Düfte und Lichter,

Töne und Stoffe:

Im Überschuß!

Ständig im Fluß,

Finger, den Wind umklammernd,

Raus aus Gehegen und Kammern,

Augen weit offen,

Seele in Flammen –

Atmen und hoffen –

Amen!

Ah, du, mein schönes Leben…





Öffnungsangst

7 08 2017

Wozu Geheimnisse und Rätsel?

Vertrautheit – nur unüberlegt,

Als ob du selbst wär’st zu verscherzen…

Lass sie hinein, stoß sie nicht weg,

All sie, zum Lieben und zum Schätzen.

Aus deinem tröstlichen Versteck

Tritt aus und lass dich nicht verhetzen.

 

Wie endlos schön wär´ es zu hoffen:

Sie nehmen und umarmen dich.

Und doch – wozu unnutzes Bluffen? –

Es ist die Angst, die hier spricht,

Dass dieses „Ich“ trotz jeder Hoffnung

Bemessen bis zum letzten Strich,

die Seele eines Philosophen! –

Man sieht hinein – und findet nichts…





Die Nacht

10 07 2017

Lausche die Ewigkeit, schweigend, schweigend.

Schritte der Stille so zögernd und scheu,

Unter den Füßen, die Stiege absteigend,

Staub der Geschichte so sprachlos schön.

.

Zart und verzaubert: Mondscheinsonata.

Flüssiges Silber am Himmelsrand.

Perle der Sterne am blauen Brokate.

Abend tritt ein und betet dich an.





Sei still, mein ruheloses Herz…

24 06 2017

Взгляды изумленных зеркал. Наш дуэт.

Я в других такое искал много лет.

Но не встретил повторений – 

И не стоит их искать… *

Sei still, mein ruheloses Herz,

Vorm Spiegel deiner Seele stehend,

Verblüfft und scheu: ist das ein Scherz?

Wo kommst du her, der Unbekannte?

Mein Geist vermag dich zu verstehen.

Die Fingerspitzen scheu gestreckt:

Darf ich das Spiegelbild berühren?

Hat es vielleicht dieselben Kanten,

Dieselben Muster und Figuren

Hineingeprägt, wie ich es tat?

Er sieht mich an. Nachprüfend. Tief.

Und strahlt das fremde, weiche Licht;

Champagner schäumt in mein´m Rückgrat.

.

Es kann nicht sein. Sei nicht naiv.

Verwirrung nun im Keime ersticken:

Pass auf, wovon du schweigst und sprichst

Und achte auf keine Augen-blicke.

 

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* Aus dem Russischen, wortwörtlich:

Blicke der erstaunten Spiegel. Unser Duett.

Ich hab es in den Anderen jahrelang gesucht,

Fand aber keine Wiederholungen –

Und es lohnt sich nicht, sie zu suchen…

Die Strophe stammt von Lilia Winogradowa und wurde in ein Lied vom russischen Sänger Dmitri Malikov „verarbeitet“. Link zu seinem etwas extravaganten Video zum Lied (1996) ist hier.