Rumba

21 05 2018

Rumba zweier menschlichen Schatten,

Ertränkt in dem klaren Verstand.

Mal blicken sie unverwandt,

Mal teilt mal beinahe den Atem.

 

Die Sterne am schweren Brokate

Des undurchschaubaren Himmels,

Die Sterne! – sie halten inne

Und lauschen, und schauen, und warten.

 

Über den Himmelsrand –

Das wäre der nächste Schritt.

Wer diesen Weg betritt?

Reich mir nun deine Hand…

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Hoffnung

14 05 2018

Die Hoffnung. Das sehnsüchtige Verlangen

Nach einem Morgen, wenn das Heut´ zusammenbricht.

Die Saat, die, niemals gänzlich aufgegangen,

Noch nicht gekeimt und doch zugleich vergangen,

Vernunft zu Trotz noch immer strebt nach Licht.

 

Aus transzendentem Schmerz, einseitig bindend,

Mit nie erlebtem Gott geschlossener Vertrag:

Man gibt sich auf, man fügt sich Tag für Tag,

Dafür, dass Er in Seinem Jenseits einem Seelenwrack

Seinen nie ruhenden, endlosen Kummer lindert.

 

Teil unsrer Entropie, die sich nicht mindert.

Sie trügt zum Heitersein im allerschlimmsten Jetzt,

Man lebt so leicht, von ihrem Widerschein verhext.

Dem Lebenden sein trotzigster Reflex:

Die Hoffnung. Unsre allerbest´ Erfindung.





Eines Tages

7 05 2018

Ich werde bestimmt eines Tages aufwachen,

Die Augen etwas weiter, als sonst aufmachen

Und, diese herrliche Welt kurzsichtig anschauend,

Verliebt, halb weinend, halb lachend staunen:

 

Wie Blüten den schüchternen Knospen entspringen,

Wie Tränen der Trauben im heurigen Wein singen,

Wie Kinder beim Spielen im Garten lachen:

Wie schön, wie unendlich bunt und wie göttlich einfach!





Jeder ist allein

30 04 2018

 

Jeder ist allein… – Ewig und immer.

Trotz all den mitfühlenden Stimmen,

Die einen zu trösten suchen…

Nein!

Wie der letzte sprachlose Stein

Unter dem schweigenden Himmel,

dem so herrlich gleichmütigen,

dem so unantastbaren,

dem es so völlig gleichgültig ist,

ob du Mensch oder Stein warst…

 

Und wenn dir dein Herz einmal barst

Beim Erkennen deines Alleinseins:

Wisch deine Tränen weg: das war es,

Es kommt nicht mehr viel zu wissen,

zu denken, zu fürchten, zu sein:

Jeder auf eigene Weise:

Ob schreiend, ob lachend, ob leise,

Jeder ist immer einsam.

Jeder ist allein.





Alma

23 04 2018

Ich weinte neulich über Alma

mit ihrer stechenden, zersetzenden Bitterkeit,

mit ihrem Bewusstwerden über all die geflossene Zeit,

all die versäumten Chancen,

über die „galvanisierte Leiche“ ihrer Kunst,

ihrer jungen Saiten, die gerade dann verstummten,

wo sie erst anfingen stimmig zu klingen.

 

Mit all ihrer bösartigen, kasteienden, furiosen Erbitterung,

in der sie den Gustav – nur teilweise verdient – zu Grabe trug,

ihr offenes mädchenhaftes Gesicht einer begeisterten Künstlerin

zur strengen Maske einer abweisenden, kalten Frau erstarrt,

 

Er tötete sie wohl. Doch auch sie töte sich selbst mit!

 

Kein Mann und keine Frau sind allein dran schuld,

wenn man verstummt – verstummt nach innen!

Wenn man geplagt von Visionen seiner alten Träume,

Von eigener Unfruchtbarkeit, Unfähigkeit zu schaffen,

Unfähigkeit zu sprechen, denn es eigentlich um Sprechen geht,

die eig´ne Stimme dem Konsens, der Norm aufopfert,

so gerne will man mit dabei sein!

So gerne möchte man geliebt, umarmt, verstanden werden,

während man sonst in eig´ner stummer Welt erstickt,

befreit und ungebunden, schaffend und so einsam…

 

Man gibt sich her, freiwillig, sogar jubelnd:

Jetzt endlich mal gehören!

Endlich jemandem sein Alles sein,

Endlich normal! Wie alle! – doch man ist es nicht tatsächlich,

man ist glückselig und verflucht zugleich,

ein wenig schizophren,

wusstet ihr schon, die Großen waren es doch alle –

Ein wenig schräg für mäßigen Genuss?

 

Man will es selbst – und ist sofort verschollen,

Man merkt es nur verzweifelt, wie man in die Norm entgleist,

Und schmerzt nach innen, von Normalität umkreist:

Mittäterschaft des innigsten Dazu-Gehören-Wollens

Ist wohl die schlimmste Sünde für den wachen Geist.





…du hast so viel – zu viel am Herz…

19 04 2018

Du hast so viel – zu viel am Herz,

mein Kind! –

mein armes glückliches,

mein dummes kluges Kind.

Du bist zwar stark, doch hast du Angst vor Schwäche,

Angst vor Verletztheit, die du tief in dir versteckst,

Verletztheit, die du nie gelernt,

doch immer hattest.

Hellhörigkeit der Seele,

Das wahnhaft schmerzliche Empfinden,

die du so schön gelernt hast auszublenden,

dass du es manchmal nicht mehr merkst,

du fühlst noch irgendetwas…

 

Du glaubtest schon, du bist geheilt von deinen wilden Träumen,

Von Melodien ohne Ton und Klang,

Vom Zeichnen ohne Linien,

Vom Jucken in den Fingern –

schaffen!

schaffen!

schaffen!

Befreien aus dem Nichts, ins Leben rufen!

Verstummte Silhouetten, die lebendig werden,

Das ist das endliche Erwachen

der Steine, von dem mal Rilke sprach…

Du hast so viel am Herz, mein liebes Kind.

 

Pass auf bei all dem Sturm, der langsam wiederkommt,

und du erschauderst, ihn antizipierend,

Pass auf, dass dir dein überfülltes Herz,

das hungerte so elend lange,

dass dir dein Herz vor Glück und Rausch nicht platzt…





Es ist alles verknüpft… (erw.: Mechanik des Gedichts)

9 04 2018

Es ist alles verknüpft! Alles wandert und fließt,

transformiert seine Kanten in Kreise und Kurven,

Immer neue Gesichter und neue Figuren

Aus dem alten Gefüge, wo immer man´s liest.

 

Wer hat Augen, der sieht wie sich alles vermischt.

Neue Sterne entstehen aus den alten Plejaden,

Bunt und üppig verkleidet: Gedankenparade,

Wo kein einziger Funke in Lethe erlischt.

 

Alle einzelnen Striche, so klar souverän,

All unsichtbare Fäden des menschlichen Wissens

Knüpfen irgendwo an. All Gedanken und Schlüsse

Weben sich in ein Muster zusammen, makaber und schön.

 

Wer dem Muster der Dinge ein paar mal gelauscht,

Bleibt von seiner beweglichen Schönheit berauscht.

Mechanik des Gedichts:

(Ich dachte, warum nicht herzeigen, wie man so auf ein Gedicht kommt…)

Dieses von Form und holistischem Inhalt her eher klassisch anmutende Gedicht ist durch die Schönheit der immer wiederkehrenden Gleichmäßigkeiten und Verknüpfungen zwischen den diversesten Elementen des dreimdimensionalen Netzes begeistert. Mahlzeit 🙂

Und, wenn ich das menschlich erklären sollte, saß ich hier gemütlich am Einarbeiten des aktuellen Feedbacks zu meinem Dissertationsprojekt, stöberte genußlich in der internationalen Forschung der 1970er Jahre zur Schizophrenie… (was man so halt an einem freien Tag tut).

Kam auf eine Publikation zu Hugo von Hofmannsthal und Schizophrenie (nein, er hatte keine, aber generell gibt es eine gut entwickelte Psychiatrietradition der letzten Jahrzehnte, die sich mit dem Zusammenspiel zwischen Begabung und geistiger Gesundheit beschäftigt…). Aus der „Schizophrenie und Kunst“ geriet ich einerseits an Uwe Henrik Peters, dessen Vortrag zu Schuberts Genie und Krankheit ich letzten Herbst in Berlin hören konnte: einmalig – und dann plötzlich an die Plejade, eine Schule der Dichter in Frankreich des 16. Jahrhunderts.

La Pleiade gehörte u.a. auch Pierre Ronsard, ein voll witziger Typ, der die Sonettform, zu damaliger Zeit ein ungewöhnliches italienisches Zeug, der französischen Literaturtradition aneignente. Ein meiner ersten Uni-Vorträge bei einer Undergrad-Konferenz galt einer komparativen Analyse der Entwicklung der Sonette in Frankreich und England der Frühneuzeit. Ronsard und Wyatt. War lustig, wenn auch methodisch prekär.

Also, kurz und gut, war mir beim Lesen wieder mal bewusst geworden, wie sich dieses schöne multidimensionale Netzwerk des Wissens/Erlebens quer durch Zeiten und Räume spannt und unvoraussagbar verbindet. Ein wunderschönes Erlebnis des Hineingeschrieben-Seins 🙂