Das ist die Freiheit…

2 04 2018

Das ist die Freiheit:

außer sich sein, außer eigener Grenzen,

weit über die Kanten reichen,

weit über Seitenränder, dorthin,

wo Wiesen so wahnsinnig duften

nach Staub und frischen Regentränen der vergangenen Nacht.

 

Der Nacht, die wiederkommt,

umhüllt,

zerquetscht in ihrem tröstlich hoffnungslosen Griff.

 

die Nacht, die einem heimlich flüstert

am Ohr vorbei direkt ins Hirn,

direkt ins Herz:

sie kommt bald wieder,

fürchte dich nicht,

es ist nichts Schlimmes dran,

es ist nur… wie Kontrolle aufzugeben.

 

Wie nimmer überprüfen zu müssen,

ob der Wasserhahn nicht leckt,

die Tür gesperrt ist und ob der Schlüssel in der Tasche ist.

Nimmer aufpassen müssen wie man blickt und wie man atmet,

und wen man mögen darf.

 

Die Nacht ist es, die Hoffnung aufzugeben

und einfach sein:

über die Grenzen reichen,

weit über die eignen Kanten schauen,

in die breite Welt:

die Freiheit…

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So manches sagt man nicht

26 03 2018

So manches sagt man nicht und glaubt es nicht zu fühlen:

Solange nicht das Heimliche über die Lippen kommt,

Solange es den Damm nicht bricht, solange es nicht strömt,

So lange, dem Papier nicht anvertraut, kommt es nicht in Erfüllung.

 

So schweigt man, denn man lebt von kleinen Freuden:

Vertrautes Lächeln im halbblinden Abendlicht.

Was ich nicht sage, existiert halt nicht! –

Wie herrlich einfach und wie unendlich öde…





Schreiben – Aus der Naivitätensammlung. 2009

5 03 2018

 

Zu schreiben

An jemanden, der es nie lesen wird,

Niemals und nirgends –

Zu schreiben allein wegen des Schreibens selbst,

Ob deswegen, dass sich die Tinte so schön aufs Papier legt? –

Wegen des Prozesses, des Genusses am Schreiben.

 

Du, meine verlorene Seele,

Ein Kind, das durch Puppenschmerzen erwachsen wird,

Das womöglich erst jetzt die Tiefe des Flusses begreift,

Am Ufer stehend.

Wie sehr kratzen die Kiessteine zarte Kinderfüße!

So klein sind sie,

So sinnlos,

Und doch tun sie so weh.

Und es will, wie sehr will es eintauchen,

Die unwiderstehliche Anziehungskraft des Unbekannten,

Wenn da drinnen jemand neuer aufwacht,

Neu und unbegreiflich.

Es zieht, zieht so sehr an – und doch ist jeder Schritt unbekannt,

Die Mama sagte doch immer…

 

Ich weiß, was da kommt.

Das haben mir die fremden, bemitleidenden Gesichter vorausgesagt,

Gesichter, voll ausgebleichten Mitgefühls.

Es kommt trübes Chromwasser,

Tagtäglicher Trank – abscheuliche chemische Brei –

Alltag. Es klingt wie eine Diagnose.

Laufbahn. Grammophonnadel,

Die Schritt für Schritt auf dem nagelneuen Vinyl meiner Seele

Kratzer der Lebenserfahrung hinterlässt.

Ein Tag mehr,

Ein Mensch mehr –

Ist doch alles so egal…

„Es gibt keinen Unterschied, ob du mit 30 oder mit 70 stirbst“ –

Danke an Camus

Und Sartre!

Dank denen springt das Kind nicht – es geht ganz langsam rein

In die Strömung der ungeordneten Partikeln,

Dieser Überreste des Sinnes und der Emotionen.

 

Zu schreiben an jemanden und ins nirgends. Ohne es mal zu wissen, was aus dem Schreiben wird.

Ein Bewusstseinstrom? Delirium? Schmerz?

Irgendwie schmerze ich fast nicht mehr…





Grund-Sätze

11 12 2017

Alles besitzt seinen Grund:

Jede Musik und Stille,

Seele und tiefster Schlund,

Hitze und Kühle,

krank und gesund,

Wölbung und Rille,

eckig und rund,

Santi und Schiele,

Jeder Verlust und Fund,

Ohnmacht und Wille:

Letztlich hat alles Grund.

 

 





Dschinn

7 12 2017

Ein Hauch des Atems,
kaum bemerkbar in der klaren Luft des frühen Morgens.
Ich habe keine feste Form,
ich bin kein Mensch,
du kannst mich nicht berühren:
Es geht nicht. Denn
ich bin ein Hauch,
ein Atemzug,
nicht mehr.

Ein kleines bisschen Wärme,
stumm und lächelnd,
die Augen sprechen mehr als es die Lippen könnten,
die Augen sprechen Welten,
blick mich an,
tritt ein,
ich öffne dir die Tür,
tritt weich voran,
du trittst auf meinen Träumen
wie schön war das, was für ein weiser Vers –
von Menschenhand geschrieben.
Menschen… Menschlich…

Ich wäre gern ein Mensch.
Weißt du,  so einfach: Mensch! –
Ich möchte´s – ah! – so endlos gern:
Langsamer denken
und ein bisschen stumpfer fühlen,
ein wenig wen´ger sein, und doch zugleich viel mehr!

Ich möchte wissen, wann man lacht und trauert,
wem man die Hand reicht und vor wem sich scheut,
Wie man das Maß entdeckt und nichts vermisst,
Von maßloser Mäßigkeit des Seins erschlagen.

Ich wüsste es so gerne, wie man mal die Augen schließt,
Und Ruhe findet, plötzlich fromm und leise.
Und keine Universen vor sich ziehen sieht,
Vergangenheit und Zukunft, tief verflochten,
Noch Heute oben drein,
nach links gedreht,
grobkörnig, bunt und biegsam,
irreführend,
verrückt und so betörend,
unbegreiflich schön –
Wie der Tibetteppich Lasker-Schülers!

Ich wüsste´s gern wie man die Augen schließt,
Und bringt den Geist zu solchem leisen Schlummern,
Dass dieser Geist nicht wacht, und lässt dich leben:
wie man den Körper schmilzt und doch erhalten bleibt…

Ich wär´ so gern ein Mensch…





Fusion-Gedicht

26 10 2017

Heute – ein lyrisches Experiment. Ich habe, glaube ich, nur einmal, in einem Witzvers, Sprachen gemischt, – damals, vor ungefähr 8 Jahren, und dann heute. Es ist ein Freivers entstanden, wo mal Einzelwörter, mal Wortkombinationen Deutsch/Russisch gemischt sind. Es ist durchaus interessant! Ein wenig meditativ ist dieses Code-Switching und zugleich ist jeder Sprung von Sprache zur Sprache ein kleiner Bruch der Erwartung, ein kleines Zittern und Raufblicken. Merkwürdig.

Rhythmisch sind diese zweisprachigen Abschnitte aufeinander abgestimmt. Unten in der Fußnote führe ich die Übersetzung der russischen Teile.

 

Bin jetzt ganz leise:

Berühre mich nicht.

Ах, как задумчиво тонок мой стих!

Ах, как загадочен взгляд твой – nachprüfend,

Губы смеются, а голос утих.

Я научилась дышать и смеяться:

Atmen und lachen! – Ersehnte Befreiung!

Blicke verkürzen – не надо бояться.

Все хорошо, ich bin wieder vernünftig.

Только вчера… – Gott, wie sehr wollt´ ich schreien!

 

„Übersetzung“: 

Bin jetzt ganz leise:

Berühre mich nicht.

/Ah, wie nachdenklich und dünn ist mein Vers!/

/Ah, wie geheimnisvoll ist nun dein Blick/ – nachprüfend

/Lippen – die lachen noch. Die Stimme ist aus/

/Ich bracht´ mir das Atmen und Lachen neu bei/

Atmen und lachen! – Ersehnte Befreiung!

Blicke verkürzen – /fürchte dich nicht/

/Alles ist gut,/ ich bin wieder vernünftig.

/Außer doch gestern/… – Gott, wie sehr wollt´ ich schreien!

 

 





I have a dream

28 06 2017

So to say… Vielleicht nicht heute und nicht in einem Jahr, aber eines Tages, Schritt für Schritt, möchte ich einige Sachen, die zum russischsprachigen Allgemeinwissen und Kulturgut gehören, ins Deutsche übersetzen. Das auf russisch Verfasste hat so viel mehr zu bieten, als die ewige, allen bekannte und daher fast schon fade Kombination „Tolstoj-Dostojewski-Shostakovich“. Dabei sind manche Autoren – ja ganze Wissenstraditionen im wahrgenommenen „Westen“ so gut wie unbekannt. Mit den Russischsprachigen redend, verzerre ich schmerzhaft die Miene, wenn sie ihre Belesenheit dadurch herzeigen wollen, dass sie Bulgakow gelesen haben. Um Himmels Willen! – Für Russischsprachige ist Bulgakow kein Bildungs-, sondern lediglich Alphabetisierungsmerkmal.

Als ich vor paar Jahren für die Aufnahmeprüfung Pädagogik an der Uni Wien ein äußerst unlogisch zusammengestelltes Buch lesen musste, fiel mir ein, dass die „westlich“ geprägten Autoren zwar vom pädagogischen Humanismus sprachen, sich dabei aber ausschließlich auf die USA bezogen. Wobei für mich pädagogischer Humanismus undenkbar ist ohne Wassili Suchomlinski oder Anton Makarenko. Die sind nicht lediglich Gestalten mitten im vorbeiziehenden Fluss der Zeit. Die sind der Inbegriff der humanistischen Pädagogik. Sie nicht zu kennen ist genauso unmöglich wie… nie von Viktor Frankl gehört zu haben.

Zwar waren beide Kinder ihrer Zeit: in Suchomlinskis „Briefen an den Sohn“ findet man recht viel Begeisterung für Kommunismus. Voll entzückt spricht er von dem, was ich mittlerweile als „Transformationsmoral“ abwerten würde: die Errichtung einer neuen, besseren, voll utopischen Gesellschaft, verflochten mit Pathos des Patriotismus (ich habe recht wenig gegen Patriotismus, solange es wirklich um die Liebe zum Eigenen – und nicht um die Abwertung des Anderen geht). Aber wie kann man das Suchomlinski zum Vorwurf machen? – dem Sohn der einfachen Dorfbauern aus tiefstem „nowhere“ in der Ukraine des frühen 20. Jahrhunderts, aufgestiegen dank der eigenen Begabung und kostenfreier Bildung – zu einem hochverehrten Pädagogen und Theoretiker des sowjetischen Humanismus in den Zeiten des Aufbruchs zum „sowjetischen Traum“ und wo dieser Traum ja so nah zu liegen schien – Weltallera und Tauwetter, Aufschwung der Wissenschaften und rasante Verbesserung des Alltags der Bevölkerung. Das Schwärmen nach der neuen Era, volle Überzeugung, dass der sowjetische Sozialismus eine bessere, gerechtere Gesellschaftsordnung, gehörten bei Suchomlinski zu einem Teil seines Lebensphilosophie, zu seinem Glauben.

Ob er manchmal hinwegschaut oder gewisse Sachen wirklich nicht sieht: GULAG, Holodomor und sonstige „Nebenwirkungen der Verbesserung“? Dabei spricht sich Suchomlinski in seinen Büchern immer wieder unglaublich tapfer gegen die individuelle „Taubheit“, Feigheit, Faulheit und menschenunwürdige Gleichgültigkeit der Gesellschaft aus. Er berührt insgesamt so eine breite Palette der Probleme, dass man ihn schon allein deswegen hätte lesen sollen. Und vielleicht sind manche Gedanken veraltet oder romantisch oder was sonst. Sie sind jedoch so schöne Denkanstöße…

Hier ist ein kleiner Auszug aus Suchomlinski, den ich vor 3 Jahren für diesen Blog übersetzte. Sollte doch regelmäßig gelesen werden, wenn die Abenddämmerung etwas dünkler als üblich wird.

I have a dream, wie gesagt…