Fusion-Gedicht

26 10 2017

Heute – ein lyrisches Experiment. Ich habe, glaube ich, nur einmal, in einem Witzvers, Sprachen gemischt, – damals, vor ungefähr 8 Jahren, und dann heute. Es ist ein Freivers entstanden, wo mal Einzelwörter, mal Wortkombinationen Deutsch/Russisch gemischt sind. Es ist durchaus interessant! Ein wenig meditativ ist dieses Code-Switching und zugleich ist jeder Sprung von Sprache zur Sprache ein kleiner Bruch der Erwartung, ein kleines Zittern und Raufblicken. Merkwürdig.

Rhythmisch sind diese zweisprachigen Abschnitte aufeinander abgestimmt. Unten in der Fußnote führe ich die Übersetzung der russischen Teile.

 

Bin jetzt ganz leise:

Berühre mich nicht.

Ах, как задумчиво тонок мой стих!

Ах, как загадочен взгляд твой – nachprüfend,

Губы смеются, а голос утих.

Я научилась дышать и смеяться:

Atmen und lachen! – Ersehnte Befreiung!

Blicke verkürzen – не надо бояться.

Все хорошо, ich bin wieder vernünftig.

Только вчера… – Gott, wie sehr wollt´ ich schreien!

 

„Übersetzung“: 

Bin jetzt ganz leise:

Berühre mich nicht.

/Ah, wie nachdenklich und dünn ist mein Vers!/

/Ah, wie geheimnisvoll ist nun dein Blick/ – nachprüfend

/Lippen – die lachen noch. Die Stimme ist aus/

/Ich bracht´ mir das Atmen und Lachen neu bei/

Atmen und lachen! – Ersehnte Befreiung!

Blicke verkürzen – /fürchte dich nicht/

/Alles ist gut,/ ich bin wieder vernünftig.

/Außer doch gestern/… – Gott, wie sehr wollt´ ich schreien!

 

 

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I have a dream

28 06 2017

So to say… Vielleicht nicht heute und nicht in einem Jahr, aber eines Tages, Schritt für Schritt, möchte ich einige Sachen, die zum russischsprachigen Allgemeinwissen und Kulturgut gehören, ins Deutsche übersetzen. Das auf russisch Verfasste hat so viel mehr zu bieten, als die ewige, allen bekannte und daher fast schon fade Kombination „Tolstoj-Dostojewski-Shostakovich“. Dabei sind manche Autoren – ja ganze Wissenstraditionen im wahrgenommenen „Westen“ so gut wie unbekannt. Mit den Russischsprachigen redend, verzerre ich schmerzhaft die Miene, wenn sie ihre Belesenheit dadurch herzeigen wollen, dass sie Bulgakow gelesen haben. Um Himmels Willen! – Für Russischsprachige ist Bulgakow kein Bildungs-, sondern lediglich Alphabetisierungsmerkmal.

Als ich vor paar Jahren für die Aufnahmeprüfung Pädagogik an der Uni Wien ein äußerst unlogisch zusammengestelltes Buch lesen musste, fiel mir ein, dass die „westlich“ geprägten Autoren zwar vom pädagogischen Humanismus sprachen, sich dabei aber ausschließlich auf die USA bezogen. Wobei für mich pädagogischer Humanismus undenkbar ist ohne Wassili Suchomlinski oder Anton Makarenko. Die sind nicht lediglich Gestalten mitten im vorbeiziehenden Fluss der Zeit. Die sind der Inbegriff der humanistischen Pädagogik. Sie nicht zu kennen ist genauso unmöglich wie… nie von Viktor Frankl gehört zu haben.

Zwar waren beide Kinder ihrer Zeit: in Suchomlinskis „Briefen an den Sohn“ findet man recht viel Begeisterung für Kommunismus. Voll entzückt spricht er von dem, was ich mittlerweile als „Transformationsmoral“ abwerten würde: die Errichtung einer neuen, besseren, voll utopischen Gesellschaft, verflochten mit Pathos des Patriotismus (ich habe recht wenig gegen Patriotismus, solange es wirklich um die Liebe zum Eigenen – und nicht um die Abwertung des Anderen geht). Aber wie kann man das Suchomlinski zum Vorwurf machen? – dem Sohn der einfachen Dorfbauern aus tiefstem „nowhere“ in der Ukraine des frühen 20. Jahrhunderts, aufgestiegen dank der eigenen Begabung und kostenfreier Bildung – zu einem hochverehrten Pädagogen und Theoretiker des sowjetischen Humanismus in den Zeiten des Aufbruchs zum „sowjetischen Traum“ und wo dieser Traum ja so nah zu liegen schien – Weltallera und Tauwetter, Aufschwung der Wissenschaften und rasante Verbesserung des Alltags der Bevölkerung. Das Schwärmen nach der neuen Era, volle Überzeugung, dass der sowjetische Sozialismus eine bessere, gerechtere Gesellschaftsordnung, gehörten bei Suchomlinski zu einem Teil seines Lebensphilosophie, zu seinem Glauben.

Ob er manchmal hinwegschaut oder gewisse Sachen wirklich nicht sieht: GULAG, Holodomor und sonstige „Nebenwirkungen der Verbesserung“? Dabei spricht sich Suchomlinski in seinen Büchern immer wieder unglaublich tapfer gegen die individuelle „Taubheit“, Feigheit, Faulheit und menschenunwürdige Gleichgültigkeit der Gesellschaft aus. Er berührt insgesamt so eine breite Palette der Probleme, dass man ihn schon allein deswegen hätte lesen sollen. Und vielleicht sind manche Gedanken veraltet oder romantisch oder was sonst. Sie sind jedoch so schöne Denkanstöße…

Hier ist ein kleiner Auszug aus Suchomlinski, den ich vor 3 Jahren für diesen Blog übersetzte. Sollte doch regelmäßig gelesen werden, wenn die Abenddämmerung etwas dünkler als üblich wird.

I have a dream, wie gesagt…

 





Ein Mann kommt nach Hause…

28 03 2013

Ob es mir scheint oder nicht, aber traurige Geschichten über betrogene Liebe gibt es überwiegend über Frauen, oder? Auch hier im Archiv gibt es eine entsprechende Geschichte (Englischsprachig). Generell aber habe ich wenig Lust, durch die einseitige Darstellung des Problems zum weiblichen Opfer-Syndrom beizutragen. Letztendlich bin ich von männlicher Natur und Männlichkeit per se aufrichtig fasziniert – es kann sein, dass ich sie nie weder voll begreifen, noch artgerecht darstellen kann – aber es ist des Versuches wert. Hier ist also eine Alltagsgeschichte… 

Freundlich klickte der Schlüssel im Schloss, Walther Mayer zog die Kopfhörer aus den Ohren und tritt in die dunkle Wohnung hinein.

– Helga? Ich bin´s!

Alles still. Die Frau war sicherlich nicht da. Schade, sein etwas zu früher Rückkehr war vor allem als eine angenehme Überraschung für sie gemeint, da sie sich bei seinen zwar nicht so häufigen, aber in letzter Zeit doch regelmäßigen Vorträgen im Ausland immer beklagte, sie vertrage es nicht, allein in der Wohnung zu sein. Nun gut.

Er warf den Schlüsselbund auf den Kasten neben der Tür, stellte den Koffer weg, zog die Schuhe aus, schaltete den Anrufbeantworter an und ließ sich ausatmen. Nun gut, wenn Helga sowieso nicht da ist, hatte er etwas Zeit zum Runterkommen nach einem unruhigen Flug. Das ganze Zentraleuropa verschwand seit mehr als einer Woche unter dem endlosen Schneesturm, schon beim Wegfliegen war es bis zum letzten Moment nicht klar, ob man überhaupt Flugerlaubnis kriegt und dann wo geplant landet. Auch jetzt, beim Rückflug gab es nichts Neues, außer dass man schon in Wien zweimal durchstarten musste, bevor es dem Piloten gelang, die Maschine zu landen. Eine Zigarre wäre jetzt eigentlich gar nicht schlecht…

„…Also, wir sehen uns sowieso im Institut, aber ruf mich vielleicht an, wenn du da bist, oder?“ – ein langer Ton, danach eine weibliche Stimme: „Um die Nachrichten zu löschen..“. Wie erwartet, nichts neues: ein Anruf von der Institutssekretärin, ein von Martin, ein von Anton. Alles wie immer. Na ja, keine Anrufe von Erich, der ist aber seit sechs Monaten in den USA, kein Wunder, dass er nicht checkt, ob Walther schon zuhause angekommen ist oder nicht.

Mayer holte sich eine Zigarre, zündete sie an und setzte sich an seinen Schreibtisch direkt gegenüber dem Schreibtisch von Helga. Ihre Bücher, auf dem Umschlag des Oben-liegenden stand es „Frauen im Leben von Sigmund Freud“. Was schreibt man alles! Wahnsinn. Sein Blick glitt entspannt auf den Papieren und Büchern auf seinem eigenen Tisch: einige nicht geöffnete Couverts, eine noch verpackte Ausgabe „Zeit“, ein ärztlicher Befund, ein paar Rechnungen, eine Stapel studentische Seminararbeiten „zur Pflichtlektüre“ – er hat sie beim Wegfliegen eben hier vergessen, das hieß, ein paar bevorstehende Abende könnte man aus dem Kalender wegstreichen. Was für ein Befund übrigens?

„Frau Helga Maria Mayer, geboren 13.3. 1954… Schwangerschaft positiv… 13 Wochen… Unauffällige Darstellung v. Fötus…“

Wie? Was? Eine deutliche Pause im Herzrhythmus. Hat sie sich doch anders überlegt? Wann? Wie? Endlich mal… Gott… Mensch! Ist das wirklich wahr?

Ist es im Zimmer so heiß geworden oder ist es bloß dass er fiebrig geworden ist? Oh Gott… Helga, du süße… Ein Kind zu haben…

Mayer zwang sich doch tief ein- und langsam auszuatmen. Dann griff er an das Papier noch fester und las genauer, was da stand. Das Zimmer walzte um ihn herum, irgendeine komische Art kicherndes Lachen kitzelte die Kehle. Er wird Vater sein. Mensch, so was gibt es nicht… Es war so ein Gefühl, als ob er wieder 16 wäre und zum ersten Mal jemanden geküsst hätte. Oder als ob es ihm heimlich mitgeteilt wäre, er kriege nun einen weiteren Doktortitel. Einfach so, für Fleiß, Mühe und Geduld, so zu sagen… Ein Kind zu haben…

Dreizehn Wochen… Automatisch dachte er an die Zeit vor drei Monaten zurück. Es war gerade als er bei Erich in den USA war – offiziell auf einer mehrtägigen Konferenz, aber nicht zuletzt um den alten Freund kurz nach dessen Übersiedlung auf die andere Seite der Welt zu besuchen und zu unterstützen. Eigentlich war es ursprünglich geplant, dass auch Martin und Anton mit ihm nach New York fliegen würden, der Erste flog dann aber schon nach zwei Tagen wieder nach Hause, da seine Mutter einen Herzanschlag erlitt. Der Zweite konnte überhaupt nicht weg aus Wien und rief daher ständig an… Walther selbst blieb gute drei Wochen dort, Helga hatte anscheinend nichts dagegen, sie meinte, sie habe gerade so viel in der Arbeit zu tun gehabt….

Warte mal… Er war doch drei Wochen lang weg… Nein… Was für Blödsinn fällt einem ein! Aber er war doch wirklich drei Wochen lang weg… Es können also keine 13 Wochen sein, es ist wahrscheinlich ein ärztlicher Fehler. Ob Helga das auch bemerkt hat? Musste sie wohl! Es können ja sicherlich keine 13 Wochen sein, außer dass es natürlich… Nein, was für Wahnsinn… Oder?

Das weiße winterliche Zwielicht hinter dem Fenster verwandelte sich langsam in blaue Abenddämmerung. Die Zigarre brannte unberührt im Aschenbecher auf. Als die Wohnungstür aufkam, berührte sich der am Schreibtisch sitzende Mann nicht. Ganz in unruhige Gedanken vertieft, reagierte er nicht, als die weibliche Stimme seinen Namen rief. Erst als Helga an ihm zu ihrem Tisch vorbeiging, sich ihm gegenüber hingesetzt hat und eine schmale, nach Kirschen riechende Zigarette angezündet hat, zuckte Walther gewaltig zusammen und schien aufgewacht.

– Du hast offensichtlich den Befund schon gefunden. – Sagte seine Ehefrau, es war eher eine Aussage, als eine Frage.

Mayer blieb still und nickte schwach. Ihm fielen keine Worte ein.

– Na ja, das war eine Überraschung, muss ich dir ehrlich zugeben. – Grinste Helga und atmete den Rauch ein. – Ich glaube, wir müssen unsren Thermentermin in Oberlaa absagen oder du fährst allein hin, während ich zum Arzt gehe. Ich schließe mich dir dann später ein, m?

– Wie meinst du das? – Fragte er leise.

– Na ja, ich werde doch das Kind sicher nicht behalten, oder? Du weißt es doch selber, ich bin kein Mütterchentyp.

– Du willst abtreiben?

– Natürlich. Besonders jetzt, wo ich vermute, die Professur wäre ja gar nicht so weit entfernt, wie es mir vorher schien. Ein Kind würde mir nun den gesamten Spaß verderben.

So ein grotesker Abend! Ob er nicht träumt? Ob er bei seinem freudlosen Nachdenken nicht lediglich eingeschlafen sei und nun von all diesem Unsinn bloß träume? Dass Helga, die Helga, die er, sowie auch Anton, Martin und Erich, seit der Volksschule kennt, die Helga, seine erste, damals noch ganz unschuldige Verliebtheit, später von seinen Eltern einstimmig gefeierte „allerbeste Wahl“ von ihm, seine Verlobte und Ehefrau schon zu den wilden studentischen Zeiten, seine Partnerin im langen und mühsamen Sozialaufstieg, ob das alles wohl diese vor ihm sitzende Frau war? Es kam ihm vor, als ob er zwar all ihre Gesichtszüge auswendig kannte, all ihre Bewegungen und Intonationen, aber die Person selbst erschien ihm nun zum ersten Mal total unbekannt. War das alles im Ernst gemeint?

– Es ist doch ein Witz, oder? – Walthers Gesicht entspannte sich in einem nervösen Lächeln. – Gut gespielt, ich hab es schon wirklich geglaubt, weißt…

Sie blickte ihn verständnislos an.

– Aber das Ding mit dem Zeugendatum ist trotzdem etwas zu grauslich. Du weißt doch, ich war bei Erich. Ich glaube, ich brauche ein bisschen Wein, willst du auch?

Er stand auf und ging zur Tür.

– Walther, meinst du, ich scherze? – In ihrer Stimme konnte man sogar etwas Empörung heraushören.

– Sicher.

– Sei doch nicht so blöd, wer scherzt mit so was?

Er blieb stehen.

– Aber der Befund… Und das Datum…

Sie durchbohrte ihn mit einem schweren, aber todernsten Blick. Wie ihm Traum kam er wieder zu seinem Tisch, der ganze Körper fühlte sich leblos und mechanisch an, als ob er eine große Puppe wäre, in den jemand kleiner trotz aller Vorstellungen von form- und größenmäßigen Raumnutzung hineingesteckt wäre.

– Wer ist dann der Vater des Kindes? – fragte er schwach.

– Berger. – Sagte sie einfach.

Walther sank langsam in seinen Sessel zurück. Anton. Anton? Anton und Helga? Der war doch gerade nicht in den USA…

Nein, das kann wohl nicht stimmen! Sie sind ja alle gemeinsam aufgewachsen, Anton, Martin, Erich und er. Mayer konnte sich doch noch an die Zeit erinnern, wo Anton (und die anderen Drei auch) seine Milchzähne unter den Kissen versteckte und auf die Zahnfee wartete. Er habe doch mit Anton alles geteilt, von den ersten erotischen Fantasien bis zu großen Problemen der modernen Sprachwissenschaft. Und auch seine Frau?

Anton war der einzige von den Vier, wer nie heiratete. Er lernte Frauen leicht kennen und verabschiedete sich von ihnen genauso leicht. Der letzte Mohikaner, wie Erich ihn nannte (Erich war der vorletzte, bevor ihn seine amerikanische Freundin wegschnappte). „Man lebt das Leben am besten unkompliziert, und ich ziehe vor, unkomplizierte Verbindungen zu haben“ – heißt das nun etwa, dass auch Helga zu diesen „unkomplizierten Verbindungen“ gehörte? Aber wie ist es möglich? Das kann ja gar nicht wahr sein…

– Du schaust doch so aus, als ob es so monströs wäre. – Helga zuckte die Achseln und zündete eine neue Zigarette an. – Was ändert das überhaupt?

– Wie… – Ein starkes Husten wegen dem allzu trockenen Hals. – Wie meinst du das: was ändert das?

Sie zuckte wieder die Achseln.

– Du meinst, du schläfst mit meinem besten Freund und wirst von ihm schwanger und das ändert nichts?

– Ach, Walther, um Himmels Willen! Das klingt ja alles so dramatisch, wenn du es so sagst! – Sie verzog ihr Gesicht in einem Ausdruck der gereizten Enttäuschung. – Wir sind doch in keinem Frauenroman und wir sind keine Kinder mehr. Was ändert das, wer mit wem schläft, solange wir in einer Mannschaft spielen? – er leistete keine Reaktion. – Wieso schweigst du? Schau doch nicht so blöd an, du siehst wie ein Hund aus, den man im Regen vor der Haustür verlassen hat. Wir sind erwachsene, gesunde und – ich bitte dich! – ordentlich gebildete Menschen! Was machen dir diese altmodischen Vorurteile aus? Schau, du bist mein Ehemann, das heißt, du bist mehr als jeder blöder Liebhaber, den ich je haben könnte. Du bist ja mein Verbündeter. Schau, wie wunderbar wir es zusammen schaffen. Ich glaube, meine Professur wird gerade zu unsrem Jahrestag ein wunderbarer Geschenk sein, m? Und das versteht sich ja, dass ich dieses Kind nicht behalten kann, ich wollte es nie, wieso soll ich jetzt meine Entscheidung ändern? Und du, glaubst du wirklich, dass du mit deiner männlichen Träumerei von einer Nachfolge neun Monate lang mein schwangeres Herumjammern aushältst? Und Übelkeit, und komische Esswünsche und was sonst? Und unsre Wohnung sollte man neu gestalten, das heißt die Bibliothek gehört wahrscheinlich raus, m? Nein, geh, das tue ich nicht! Auf so was lasse ich mich sicher nicht ein! – Er schwieg noch. – Du wolltest etwas Wein, oder? Soll ich uns den 1990-r Chardonnay schenken? Ich freue mich so sehr, dass du endlich mal wieder zuhause bist.

Sie ging leicht aus dem Zimmer heraus und er konnte bald hören, wie eine Flasche Wein entkorkt wurde und wie zwei Weingläser an einander klirrten. Ihm wurde leicht übel. Die Fieber war wieder zurück. Als er aufstand und im Badezimmer sein Gesicht wusch, fiel es ihm ein, wie alt und krank sein Gesicht im Spiegel aussah.

Dieses Jahr in April werden es 22 Jahre sein seitdem er Helga heiratete. Am 3 April. Es war ein regnerischer Tag und Helga beklagte sich, dass das Wetter ihre Frisur zerstört hat, eigentlich das Einzige, was an ihr dem Anlass entsprechend war. Sie trug ihre dunkelrote Schlaghose und ein buntes gelb-grün-orangenes Halstuch zu ihrer weißen Bluse. Er hatte seine grüne „Akademikerhose“ aus Kordsamt an und dazu ein schwarzes Hemd mit einer weißen Flitze – Helga hat gemeint, oben sah er wie ein Priester, unten wie ein Popper aus. Er konnte sich nicht satt sehen, sie wirkte so lebendig und glücklich und unglaublich frei in ihrer mädchenhaften Schönheit.

Was blieb nun von all Diesem übrig? Eine Frau, die ihre Kirschenzigaretten rauchte und kaltblütig davon sprach, dass sie von seinem besten Freund schwanger war – daran aber kein Problem fand und sich schon auf den bald kommenden Jahrestag freute. Ein Mann, der vor dem Badezimmerspiegel stand, mit der Übelkeit kämpfte und keine Ahnung hatte, wie er sein noch vor einer Stunde so gemütliches und beneidenswertes Leben weiter treiben sollte. Sollte er nun gehen? Oder anders gefragt: konnte er nun bleiben?

Irgendeine Kraft drang ihn zurück ins Arbeitszimmer, wo Helga gerade die Gläser vom Tablett auf seinen Tisch stellte.

– Sag mal bitte, und wie lange… – Walther suchte nach einem passenden Wort. – Wie lange dauert´s schon zwischen dir und Anton?

Helga blieb kurz bewegungslos, nachdenkend, bevor sie antwortete:

– Wann warst du damals in Prag?

– 1992.

– Na ja, also 3 Jahre wohl. Ich weiß es nimmer, wie es dazu kam, es war wahrscheinlich ein reiner Zufall, weißt. Aber so ist das Leben. – Und sie bot ihm das Glas.

Drei Jahre lang schläft sein bester Freund mit seiner Ehefrau. Und niemand von den Beiden hält es für wichtig, – solange sie beide das offensichtlich für normal halten – ihn, Mayer, zu informieren. Drei Jahre lang war er so blind, dass er nichts bemerkt hat. Hat er nicht gut geschaut? Ob es Zeichen gegeben hat, die er – bewusst oder unbewusst ignoriert hat? Ob er nicht gut genug, nicht aufmerksam genug war? Ob er für Helga nicht ausreichend präsent war? Aber sie wollte nicht mehr als was es gab, sie meinte, er werde mit der Zeit zu süßlich und romantisch, sie meinte, er wirke fast aufdringlich mit seinen Anrufen und Zärtlichkeiten. Was hat er falsch gemacht? Warum? Warum?

– Walther? Bist du immer noch da? – Sie winkte vor seinem Gesicht und lachte dabei etwas nervös und vielleicht ein bisschen zu künstlich.

– Ja. – Antwortete er langsam. Plötzlich war die Entscheidung da. – Aber verzeih mir, nicht für lange.

Das Lächeln blieb für einige Sekunden auf ihrem Gesicht hängen und verschwand dann langsam. Mayer war schon im Vorzimmer und zog wieder den Mantel an. Helga lief aus dem Arbeitszimmer und blieb stehen, sie wirkte nun verstört.

– Walther, was machst du? Wohin willst du nun? Was ist los?

– Ich muss weg. – Er blickte sie kurz an und fügte höflich hinzu: – Entschuldige mich, ich bin anscheinend nicht wirklich gut an dem Zusammensein für Fortgeschrittene.

– Bleib doch… Walther! Sei doch nicht kindisch, wir können das alles besprechen! Wir sind doch beide vernünftige Menschen. Und das Kind treibe ich sowieso ab, das weißt du schon…

– Treibst du auch Anton ab? Wir sind doch gar nicht zu zweit, aber zumindest zu dritt, nicht?

– Aber wohin gehst du jetzt? Es ist schon dunkel und du bist nach dem Flug müde. – Sie trat zu ihm und streichelte leicht seine Haare, wie sie es schon tausendmal gemacht hat. Diese Geste voll süße Wärme. Seine Frau. Mayer zuckte zusammen und drehte sich zur Tür.

– Mach dir keine Sorgen, Helga, alles wird gut. Er griff an den Koffer und schritt aus der Wohnung, machte die Tür leise zu und ging schnell die Treppe herunter. Mit jedem Schritt etwas schneller, dann schon laufend. Auf der Straße fiel ihm ein, der Schlüsselbund sei oben geblieben. Es war ihm egal. Walther fand ein Taxi – ein freundlicher Türke half ihm, den Koffer in den Kofferraum zu stecken, als ob es so schwer wäre… Aber vielleicht wirkte er gar nicht gut… Zitternd am ganzen Körper setzte sich Walther ins Auto und gab nach kurzem Nachdenken die Adresse von Martin an. Ein blitzender Gedanke, ein Zweifel, ob er nun Martin vertrauen konnte, ob auch dieser mit Helga… Aber nein, das wäre schon etwas zu viel. Während der Fahrt starrte er blind die Stadt an. Es gab keine Gedanken, nicht einmal Schmerz, es fühlte sich so an, als ob man bei ihm da innen im Brustkorb das Licht ausgeschaltet hätte. Oder ist es ein Stromausfall? Das wusste Mayer nicht. Nichts mehr war klar. Er war allein, sich selbst unbekannt und von einer fremden Welt umgeben. Wie in einem blöden Witz…

– Haben Sie schon diesen Witz gehört? – Tratschte der Taxifahrer. – Ein Mann kommt nach Hause und findet seine Frau im Bett…

Das ganze Leben ist ein Witz, nicht? Ein Mann kommt nach Hause…





Dresscode in Vatikan

5 03 2013

Ich konnte es nicht helfen, hier ist ein Sketch zur gestrigen Meldung auf orf.at: http://orf.at/stories/2169883/2169884/

Für die, die es nicht mögen, hin und her zu klicken, es geht darum, das ein Typ sich als Bischof verkleidet hat – bald erwischt wurde (die Länge des Gewands passte nicht und sonst was) und von der Schweizer Garde „rausgeworfen“ (orf ist bezüglich solcher Phrasen nicht weniger sensationsgierig, als Heute oder Österreich). Nun ja, ein Sketch.

Dresscode in Vatikan





Ob die Leute fliegen können?

17 02 2013
Weitere Fotos: http://www.tumblr.com/tagged/francesc%20catala%20roca?language=de_DE

Francesc Català Roca.

Seit Monaten wie es scheint, habe ich keinen gescheiten Text hier geschrieben, auch wenn der Blog ursprünglich vor allem als ein schriftlicher Abdruck meiner Gedanken gemeint war. Ob ich meine Stimme (sh. Filmzitat oben auf der Seite) verloren habe?

Ob es die Leute auf dieser Welt gibt, die sich in den technischen Aspekten eines Faches auskennen und durch dieses Wissen nicht darauf kommen, dass das Eigentliche durch keine technischen Tricks vermittelt werden kann? Ob ein Klaviervirtuose glaubt, er könne den im Hintergrund stehenden Sinn (wie auch immer man diesen Sinn persönlich interpretiert) durchs Tastendrücken freilassen? Ob man dabei kein Gefühl hat, dass etwas Wesentliches bei Ausdrücken doch durch die Finger rennt?

Sprachstudium hat mir beigebracht, dass die Sprache an sich (dabei meine ich nun die klassische Vorstellung von einer Sprache: Substantiv-Adjektiv-Satz) ein sehr eingeschränktes Mittel der Gedankenübertragung ist. Ich kann jeden Text zerlegen und mir seine Teile anschauen, ich weiß theoretisch, warum dies und jenes beim Lesen auf uns so und nicht anders wirkt: dass man durch das Fehlen an Verbindungswörtern einen Effekt der Hetze und Aufregung erreicht. Ich weiß, wie man mit poetischen Formen umgeht und warum Sonetten üblicherweise elegant und fein, und Vers libres aufrichtig und „ungekämmt“ wirken. Beim Schreiben hilft es lustigerweise kaum. Kein Sprachmittel wird mir helfen, wenn ich die im Titel gestellte Frage beantworten will.

Das Foto von Català Roca hat mich überrascht, ich habe zunächst gedacht, ich sehe das falsch. Es gibt doch eine Menge ähnliche Fußballfotos, jedenfalls mit „traditionellen“ Spielern drauf. Ich weiß es nicht, was mich so berührt und aufregt hier. Nicht etwa, dass Klerus offensichtlich doch menschlich ist? Dass man auch spielen kann und will, nicht allen beten und beichten und was sonst? Dass man diese Spannung des Fliegens, die schwindelnde Leidenschaft des Sprunges, der Bewegung, des Lebens auch als ein Priester erleben kann?

Ach, wie menschlich der Klerus sein kann haben wir gerade erfahren. Der Papst geht. Das Titelblatt meiner noch nicht gelesenen Ausgabe von „die Zeit“ ist völlig Ratzinger gewidmet (was natürlich kein Wunder ist). Sehr warmherzig geschrieben. Wesentlich warmherziger, als „normale“ Zeitungsartikel, d.h. die vor dem Abdanken. Man habe doch schon 2005 gesagt, nach Johannes Paul wird es jedem Papst sehr schwer fallen, einen auf sich aufmerksam zu machen. Ratzinger hat es aber doch gelungen.

Ich kann es auch nicht genau erklären, warum dies mich berührt hat: ich bin letztendlich nicht katholisch. Und nicht wirklich christlich im Sinne von Angehörigkeit zu den bestimmten Institutionen: der Gott ist ja ein viel zu privates Konzept, um es nach Außen zu tragen. Ich glaube, es ist ein gewisses Gefühl der leichten Enttäuschung an einer fest traditionellen Rolle, die man allzu modern zu Ende gebracht hat. Sienkiewicz beschreibt es so schön in seinem Quo Vadis, wie Petrus aus Rom flieht und auf dem Weg Jesum trifft, der seinerseits auferstanden nun nach Rom geht, um da noch einmal gekreuzigt zu werden. Weil nämlich der Petrus aufgegeben hat. Verschämt kehrt Petrus nach Rom zurück und wird wie wir alle wissen mit dem Kopf nach unten gekreuzigt.

Es ist natürlich ein schönes und etwas albernes Märchen vom frühchristlichen Märtyrertum: es scheint mir manchmal, dass der Klerus sich eventuell wenig wünscht, außer ein Opfer der Steinigung oder der Kreuzigung, metaphorisch oder direkt, zu werden. Aber auch wenn man den Symbolismus weglässt und die Situation kritisch anschaut, ist Papstum immer mehr als lediglich eine Beamteneinstellung gewesen. Der Papst ist in gewisser Hinsicht wirklich ein Vater seiner Pfarre, er übernimmt durch seine Position eine archaische Funktion. Und nun geht der Vater, weil er zu müde ist. Oder weil er sich eigentlich nie fit genug fühlte, ein Vater zu werden. Er habe sich dies gar nicht gewünscht, oder? Man sagt nun, Ratzinger wird sich dem widmet, was ihm im Laufe seines Dienstes entzogen wurde und wofür er eigentlich am passendsten ist: dem Beten, dem Schreiben, dem Meditieren.

Ah, wie oft hört man so was auf einer persönlichen Ebene im privaten Leben! Mein eigener Vater war übrigens auch nicht fit genug, seine Elternfunktionen entsprechend auszuüben, da seine eigenen Bestrebungen (Selbstverwirklichung im Beruf und vor allem Sexualität) offensichtlich wichtiger waren. Wahrscheinlich ist das gerade der Grund, warum der Ratzinger, den ich immer etwas blass gefunden habe, mich doch etwas enttäuscht hat. So eine Stellung, so eine gesellschaftliche Verantwortung darf man einfach so nicht aufgeben.

Andererseits muss man zugeben, das Abdanken kann eine positive Wirkung haben. Der Papst hat sich bloß wie ein Angestellter benommen, nun was? Es sagt meiner Meinung nach ziemlich viel über den Wandel des Konzepts des Amtes aus. Anscheinend wird nun auch so eine stark konservative, unbewegliche und traditionell geprägte Institution wie die Kirche von dem aufklärerischen Geist der Rationalisierung und Leistungsoptimierung nachgeholt. Sobald ein Beamte nicht mehr imstande ist, seine Funktionen dem von ihm erwarteten Niveau entsprechend auszuüben, gehört er gewechselt. Wie ein Rennpferd etwa. Nun, wenn ein Papst hier in seiner Funktionalität einem Rennpferd immer ähnlicher wird, ist es auch gerechtfertigt zu erwarten, dass man bald über solche für die Kirche schmerzhaften Momente vernünftig reden kann, wie Verhütung, Homosexualität und Abtreibung. Man wird doch rationalisiert, und zur Rationalisierung gehört es nicht zu glauben, wie ein vierjähriges Kind, dass Verstecken spielt, seine Augen zumacht und sicher ist, die Welt sei verschwunden und sehe es nicht. Wenn das Papstum nun in Richtung Amtsausübung wandelt, soll es auch reif genug sein, seinem Feind ins Gesicht zu schauen.





Funny Linguistics-3

9 01 2013

Vor ungefähr einem Monat war´s, dass ich im Kurs What´s The Thing Called Science, also Grundlagen der Wissenschaftsphilosophie im Bereich Sprache und Sprachwissenschaft – jetzt ausatmen, die Phrase ist zu Ende – nicht so wirklich dabei war. Wissenschaftliches Denken, wie wir alle wissen, verlangt ja sehr viel Energie und Konzentration, viel Mitmachen und wenn es um die Philosophie Miterfinden von den Probelemen, deren Existenz für dich bis vor kurzer Zeit so gut wie unbekannt war. Nun sind diese Probleme da und du weißt es auch ganz genau, dass sie objektiv unlösbar sind – solange du nicht betrunken bist. Dann scheint ja die gesamte Philosophie ein Kinderspiel zu sein. Gratulationen, du hast dir gerade Kopfschmerzen erfunden, die weder zu lösen, noch wegzutreiben sind. Willkommen im Klub der Philosophen oder zumindest der Denkenden.

Ich war an jedem seligen Abend tief in meinen philosophischen Problemen – jedoch nicht von der Rolle des Symbols im Funktioneren der Sprache oder noch was. Mein Problem war – Gott verzeih mir so eine Frechheit – wie hat sich der arme Wurm gefühlt, der in jenem Apfel gelebt haben konnte, der auf den Netwon´schen hellen Kopf gefallen war? Aus Mitgefühl mit den unschuldigen Opfern des wissenschaftlichen Progress sind folgende Skizzen entstanden:

What´s the thing called science





Kinderförderung

6 12 2012

Habsburger Heiratspolitik