Unzeitgemäße Beobachtung

8 11 2017

Es gibt halt diese Menschen, die die Wände – im Falle der Uni Wien eher die Türe der öffentlichen WCs mit den Sprüchen beschmieren, die so in (pseudo-?)philosophische Richtung neigen. Wie etwa kritzelt so eine kreative Hand: „Fuck Islam und Kopftuchwahn“. Gleich darunter liest man, in einer anderen Handschrift geschrieben, eine weitere „ewige Wahrheit“: „Männer mit langen Haaren! Tragt Kopftücher, denn eure Haare machen mich zu geil!“. Noch weiter unten sieht man einen Aufkleber Refugees Welcome.

Nun, warum ich das hier anspreche. Wie man vielleicht weiß – ich verheimliche ja nichts – habe ich selber so was von einem Migrationsvorderhintergrund. Dank meiner beruflichen Tätigkeit der letzten zwei Jahre – in der Sozialbetreuung der ankommenden AsylwerberInnen – behaupte ich auch, ein etwas unmittelbareres Wissen aus der Sphäre zu haben, als so manch ein selbstberufener Philosoph, sei es einer, der sich für einen Politiker (oder Politikerin) hält, oder so einer (oder eine 😉 ), der/die nicht weiter kommt, als die Türe anzuschmieren.

Ich habe zum Beispiel kaum eine Iranerin mit Kopftuch gesehen, von Vollverschelierung ganz zu schweigen. Mir dünkt, mein revidiertes Bild einer Iranerin – einer Frau mit beneidenswert vollen dunklen Haaren und so schön charaktervollen Gesichtszügen, gekonnt unterstrichen durch Schminke, ganz leger und „westlich“ angezogen – passt nicht unbedingt in die allgemein herrschende Vorstellung, nicht wahr?

Auch im privaten Umfeld bin ich mit Menschen aus diversen Herkunftskulturen befreundet. Eine gute Freundin von mir kriegt zum Beispiel keine abschlussrelevante Stelle, da sie – eher aus familiären Gründen, als aus irgendeinem religiösen Wahn – ein Kopftuch trägt. Kein Niqab, nichts, ein schönes weißes Kopftuch, das ihre feinen Gesichtszüge ziemlich schön betont. Die junge Dame ist in Österreich aufgewachsen, hat einen BWL-Abschluss und zitiert aus dem Gedächtnis Goethe.

Ich selbst wurde äußerst weltlich aufgezogen, mein Wissen über die Religionen verdanke ich eher meiner lebenlangen Leidenschaft – Geschichte, als familiärer oder schulischer Prägung. Ein Kopftuch, das auch bei den Orthodoxen eine wichtige Rolle spielt, ist für mich eine leere Formalität. Die Diskrepanz zwischen meiner Einstellung – und der meiner guten Freundin – stört uns aber keinerlei daran, eine gegenseitige Sympathie, bzw. Respekt zu emfpinden. Ich würde mal sagen, wenn wir uns schon nicht einig sein sollten, dann eventuell nicht wegen des Glaubens, sondern eher weil ich nicht Goethe, aber eher Rilke mag.

Um die Kurve jedoch abzuschließen, zurück zu Refugees Welcome. Die allerwichtigste Frage, die ich nun in den Raum stellen möchte. Mir fiel nämlich auf, dass die weibliche Silhouette auf dem Aufkleber eine eher „westliche“ Frau darstellt: ihre schulterlangen Haare wehen im Winde, ihr Kleid ist knielang und ärmellos.

Und an der Stelle möchte ich nun fragen: heißt es etwa, nur die Flüctlinge sind willkommen, bei denen die Frauen ohne Kopftuch und westlich angezogen herumlaufen? Wie gesagt, keine Rede von Niqab. Kopftuch. Lassen wir die syrischen Frauen „dahaam“ bleiben, wenn sie kein kurzes Kleidchen anziehen wollen? Heißt es, wir nehmen nur Iranerinnen auf? Heißt es, dass ich – blonde Haare, blaße Haut, blaue Augen – „österreichischer“ und willkommener bin, als meine Freundin, mit der ich über die deutsche Dichtung von Sturm und Drang reden kann? Heißt es nicht, dass unser „Herzlich willkommen“ sehr oft so simplistisch und naiv ist, dass wir nur die Menschen akzeptieren wollen, die uns selbst gleich aussehen? In die innere Welt von ihnen schauen wir nicht einmal rein: wozu auch, denn, siehe oben: „Kopftuchwahn“?

P.S. Für diejenigen, die an Migration und Flucht als Thema tatsächlich auch tiefgreifender interessiert sind, möchte ich hier noch ein neues Buch von Philipp Ther empfehlen: „Die Außenseiter„. Es ist eine auch sprachlich, jedoch vor allem analytisch schön geschriebenes Buch, das auf einige Flucht- und Migrationsbewegungen in Europa seit dem 18. Jahrhundert eingeht und in viele elendlangen Debatten über die Integrierbarkeit eine so notwendige Maktoebene zieht. Keine Naivität, keine Hetze – durchdacht und ausgewogen. Äußerst gute Lektüre, die mir einige Augenblicke von „ah, das stimmt ja!“ oder „Wow, daran hab ich noch nicht gedacht“ schenkte.

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Abendgedanken. Aus dem Alltag der Sozialbranche.

6 11 2017

Ich bin dabei.

Bin ziemlich gern dabei:

Ich lernte es, den Menschen zuzusehen

Und deren Leben aus den Handbewegungen,

Kopfschütteln,

Atemrhythmus,

Augenglanz zu lesen.

Ich weiß es nun, wie manche heimlich weinen,

Wie manche toben aus dem nichtigen Anlass,

Wie manche – trinken Tee und reden,

Man tötet Lebenszeit und wartet, wartet, wartet…

 

Sie machten mich erwachsen… Reifer, stärker…

Ich hätte mir den Anblick auch erspart:

Gejunkte Frau, mit ihrem Fernseher redend,

Die Welt beschimpfend, kantig und durchtränkt mit Hass

Zu Allen und zu sich selbst in diesen Allen.

Die Andere, die gerne Karten spielte

Und Tulpen mochte, ganz genau wie ich,

Die arme Seele! – und ich musste weinen,

Als sie auf Intensiv zu meiner Hande griff,

Entsetzt durch die Wahrnehmung, dass sie sterben würde…

 

Sie machten mich erwachsen: Kinder, katatonisch weinend, –

Noch schlimmer ist es wenn sie fröhlich sind!

Man kann das Herz nicht schließen,

– mit den Kindern kaum.

Du lernst sie lieben: das Gewicht auf deinem Arm,

Geruch der Haut und Glänzen ihrer Augen,

Wie sich das Haar anfühlt, wenn du mal drüber streichelst,

Wie du mit deinen pädagogischen Ansätzen baff da stehst,

Und manchmal, fasziniert von elterlicher Weisheit,

Berührt und staunend Menschen still zusiehst –

Und sie sind weg.

In einem Atemzug.

Für immer.

Du sucht nach Luft.

Nun bist du hinterblieben. 

 

Erzählt uns, dass wir böse Menschen sind.

Wir schützen uns wie es nur geht. Vergeblich.

 

 





Sommer in der Stadt

19 10 2017

Sommer in der Stadt:

Zucker, Benzin und Parfüm in der zitternden Luft,

Der Gehsteig glüht vor Hitze.

Eine junge Frau im samtenen Kleid –

eine fließende Kurve zum Staunen.

Ein Kind blickt mich an

durch die Lokalvitrine,

nachdenklich und naiv, so unbekümmert rein –

Ein kleiner Weiser! –

Und ich muss lächeln…

 

Bewegung überall: ein Werktag,

hin und her und wieder zurück,

den Geschäften nach,

Alles bebt

Und fließt

Und atmet

Frei…

So schön ist das!

Ich bin am Leben!

Das Herz schlägt – ich schlage noch! –

Verliebt in diese Stadt:

Wo waren doch meine Augen früher?





Integrationswa(h/n)n

15 05 2017

Sie sagen nicht, du seist grundsätzlich falsch:

nicht gut genug,

nicht genuin,

nicht brav und angepasst,

nicht ausgebildet,

nicht erfahren;

Sie sagen nicht, dass deine blonden Haare

und blaue Augen führten sie zum Glauben,

du seist so einfach rot-weiß-rot und basta.

Sie glauben dich zu kennen,

voraussagen können

– „Ausländer!“ –

In Kasten simpler Fantasien reinzuhauen,

Oh, stimmte etwas nicht? Es tut uns leid, wir haben uns geirrt,

Bringen Sie vielleicht noch nach

Ein dutzend tausend nutzloser Papiere:

Röntgenaufnahmen linken Ohres ihrer Mutter,

Nachweis, – nostrifiziert! – dass Sie noch nie geschnarcht hab´n,

Und dann…

na dann

wir schauen uns mal an,

Ob Sie verdeutscht genug sind, um zu uns zu passen…

.

Was ihrem Blick verborgen bleibt

Sind nicht nur hunderte Merkzettel,

Stunden und Stunden Pauken starker Verben –

Während ein Durchschnittsösterreicher nicht mal ahnt,

Was starke Verben seien,

Von deren Nutzen ganz zu schweigen…

.

Sie wissen nicht, wie heiter es mal war,

Im Dialekt zu schimpfen, bis es eines Tages

So kam, dass du mit deinen Eltern wienerst

Dass du nach Worten suchst, auf Russisch angesprochen,

Dass dir kyrillische Buchstaben fremd geworden sind,

und du dir überlegen musst,

wie schreibt man bitte „u“? – ah, danke, Ypsilon, das war es…

Sie wissen nicht, wie herrlich Strauße klingen,

vermischt mit Shostakovich und wie gut

sich Rilke reimt mit Blok,

wie prächtig Händel klänge in Eremitage

Mit seinem üppigen Barock.

Sie ahnen nicht, wie endlos lustig ist es,

Am Kahlenberg beim Wandern: wer sind sie,

Drei ukrainische Kosaken –

Erinnerung an Sechzehn-Dreiundachtzig,

Kosaken und Belagerung Wiens…

.

Sie wissen nicht, wie du beim Kopfanstoßen

An ewig falsch geöffn´ter Kühlschranktür

Statt diesem blumig slawischen Geschimpfe,

Genervt „Du, Scheiße“ schreist – und bleibst entsetzt.

Dass du mal eines Tages merkst, dass deine Reime nimmer gehen…

Dass du am Ende jeder russischen Zeile

Ein deutsches Verb dazu reinsteckst;

Im Deutschen fühlst dich aber wie ein Küken

mit ungeübter Hand und flachem Stil,

und so verstummst du für sechs lange Jahre…

.

Sie wissen´s nicht. Sie reden, voll gerüstet,

Mit ihrem besten Wissen und Gewissen,

Und oh Gott,

Wer wäre ich, um ihnen vorzuwerfen,

Sie hätten nicht – manchmal, nicht immer – recht.

Und doch wie gerne würde ich manchmal schreien,

Dass, auch wenn man in Fahnenfarben badet,

Ab irgendwann wird es schon richtig blöd,

Enttäuscht und bitter, so unendlich einsam,

Und man verstummt und zieht sich nur zurück…





Funny linguistics: Standing in your shoes

21 11 2013

Enjoy!

Funny linguistics - standing in your shoes





An die Graffitis

31 10 2013

Mir ist heute ein Graffiti aufgefallen: an der Wand irgendwo im 9. steht so schön geschmuckt geschrieben „Fuck Bitches allday“ (Orthography und Inhalt ohne meine Korrektur, also Entschuldigung). Nicht dass ich eine rücksichtslose Puristin wäre, auch wenn es sicherlich Leute gibt, die wesentlich liberaler und lockerer sind, als ich. Eigentlich habe ich nichts gegen Straßenkunst oder bloß Straßenschreiberei. Die Zwei würde ich nämlich dadurch unterscheiden, dass – abgesehen vom Inhalt – die Kunst immer eine Art kreative Verarbeitung von Ideen mittels einer durch Fleiß und Übung erworbenen Fähigkeit ist, während das Letztere keinen technischen Komponent enthält. Menschlich gesagt: das ist für mich Straßenkunst, während das Straßenschreiberei ist. Gegen Inhalt habe ich generell nichts: die Leute schreiben seit Jahrhunderten alles Mögliche an den Wänden und die Inhalte sind normalerweise ziemlich voraussagbar: wer wo war oder wer wen auf welche Weise, wie oft und intensiv – Sie wissen schon.

Aber wie schön wäre es, so ein Projekt zu starten: sagen wir mal, Graffiti für Fortgeschrittene. Die ein gewisses Bildungsniveau verlangen, etwas vom Rätsel haben und daher Zusätzliche Zufriedenheit für die Leute bereiten, die es erraten haben, worum es geht. Warum schreibt man ‚Cobain lebt‘?  Ich meine, es ist zu vermuten, dass vielmehr Leute heutzutage mehr mit Cobain, als mit Mozart anfangen können, ja. Aber mal ‚Rock me Amadeus‘ auf einer Wand zu lesen wäre schon nett und sicherlich gar nicht so weit von Popkultur, oder? ‚Falco lebt‘ finde ich übrigens schon wesentlich besser als das Ding mit Cobain. Wer es mit etwas skurrilem Humor würzen möchte und auf Alllerheiligen und Wiener Sentiments bzgl. des Todes steht, mag schreiben „Hirsch lebt“, warum nicht. Wer es mit Wortspielen mag, könnte so was wie „Freud freut“ oder „Popper poppt“ schreiben, gerne! Und wie unerwartet und schön wäre es doch, mal was Anderes als üblich zu sehen!

 





Evolution des Frühlings – T.3 – Regenskizze

26 05 2013

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