If Beethoven didn´t exist

31 07 2015

There is this great fashion to post something pseudosmart in the social networks, opening the whole post, of whichever depth and quality, with some sort of apocalyptic vision:

„Imagine the world without classical literature/drama/piano music/Nirvana/Beatles“ etc.

My „best ever“ so far has been a post on violin versions of popular Rock melodies, starting with an invitation to imagine how the world had sounded, if (NB!) „violin players would have destroyed all other musical instruments“. I have never thought the Instrumental guys are that brutal, you know.

In any case, such posts attempt to sell convey all the same message: the reader should break down and cry, earth-shattered by the author´s wisdom forced upon them, repent and find their way back to the heavenly Grace of „superior“ Art: „proper“ books, films, music etc.

The problem I have with those self-appointed moralist „Flagellants_2.0“ is my earnest belief that no one can be forced into virtue (whatever it be). The genuine acceptance of values, wisdoms, virtues – but also of errors, mistakes and alike – comes via one’s own experience on one’s own bare skin (or soul) – and definetely not through some pseudosmart sayings.

And I am by no means a person of authority at deciding what is right and what is wrong, and what belongs to good or bad taste. I speak three languages and yet often switch to suboptimal slang, neglecting the beauty and richness of the Standard register. I have been shameless enough to write to Benedict Anderson after I have found some inconsistency in his Imagined Communities and yet I ordered the three so-far published Travis-novels by Kleypas. Or I watch some highly dramatic films like Little Children and then SpongeBob with comparable pleasure.

I have discovered Beethoven. For myself, I mean. If there happens to be someone who has read my blog since its first days, you might remember my excitement about Gould’s version of the 14th Sonate. Recently it was the Allegretto from the 7th Symphony. If one could choose a soundtrack for one’s perception of something, this Allegretto would be my soundtrack for History as a discipline. Really. I don’t know how on Earth it is possible that a dead deaf Romanticist brings an educated neo-liberal Foucaultian scepticist into cry. Beethoven does.

Coming back to the pseudosmart sayings, here is one from me: if Beethoven did not exist, one should invent him.

Symphony 7, Movement 2. Furtwängler, Berliner Philarmoniker, 1943

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An die Graffitis

31 10 2013

Mir ist heute ein Graffiti aufgefallen: an der Wand irgendwo im 9. steht so schön geschmuckt geschrieben „Fuck Bitches allday“ (Orthography und Inhalt ohne meine Korrektur, also Entschuldigung). Nicht dass ich eine rücksichtslose Puristin wäre, auch wenn es sicherlich Leute gibt, die wesentlich liberaler und lockerer sind, als ich. Eigentlich habe ich nichts gegen Straßenkunst oder bloß Straßenschreiberei. Die Zwei würde ich nämlich dadurch unterscheiden, dass – abgesehen vom Inhalt – die Kunst immer eine Art kreative Verarbeitung von Ideen mittels einer durch Fleiß und Übung erworbenen Fähigkeit ist, während das Letztere keinen technischen Komponent enthält. Menschlich gesagt: das ist für mich Straßenkunst, während das Straßenschreiberei ist. Gegen Inhalt habe ich generell nichts: die Leute schreiben seit Jahrhunderten alles Mögliche an den Wänden und die Inhalte sind normalerweise ziemlich voraussagbar: wer wo war oder wer wen auf welche Weise, wie oft und intensiv – Sie wissen schon.

Aber wie schön wäre es, so ein Projekt zu starten: sagen wir mal, Graffiti für Fortgeschrittene. Die ein gewisses Bildungsniveau verlangen, etwas vom Rätsel haben und daher Zusätzliche Zufriedenheit für die Leute bereiten, die es erraten haben, worum es geht. Warum schreibt man ‚Cobain lebt‘?  Ich meine, es ist zu vermuten, dass vielmehr Leute heutzutage mehr mit Cobain, als mit Mozart anfangen können, ja. Aber mal ‚Rock me Amadeus‘ auf einer Wand zu lesen wäre schon nett und sicherlich gar nicht so weit von Popkultur, oder? ‚Falco lebt‘ finde ich übrigens schon wesentlich besser als das Ding mit Cobain. Wer es mit etwas skurrilem Humor würzen möchte und auf Alllerheiligen und Wiener Sentiments bzgl. des Todes steht, mag schreiben „Hirsch lebt“, warum nicht. Wer es mit Wortspielen mag, könnte so was wie „Freud freut“ oder „Popper poppt“ schreiben, gerne! Und wie unerwartet und schön wäre es doch, mal was Anderes als üblich zu sehen!

 





Papst oder nicht Papst, das ist hier die Frage

2 03 2013

Ah, spannend, spannend, wieso interessiert es mich diesmal so sehr, wer das neue Kirchenoberhaupt wird? Ich bin doch nicht einmal katholisch!

Zeitlich betrachtet habe ich bis jetzt zweimal miterlebt, wie ein Teil des Christentums einen neuen Vorsteher wählt (wenn man das Wort „Wahl“ hier wirklich verwenden darf, aber darüber diskutieren wir heute lieber nicht). 2005 starb Johannes Paul, die Folgenummer scheint mir aufgrund der dramatischen Kürze des Pontifikats Albino Lucianis fast überflüssig). Er mag wohl ein Katholik gewesen sein, d.h. formell betrachtet ein Oberhaupt einer anderen christlichen Konfession, aber man darf es natürlich nicht verleugnen, Herr Wojtyła war eine außerordentliche Persönlichkeit in der Geschichte der Kirche. Er war sogar in Kasachstan. Ja, ja, stellen Sie sich vor. In einem Land, dessen Bevölkerung formell zu 70% muslimisch und zu etwas 26% christlich (überwiegend russisch orthodox) ist. Es war doch kein Problem für den Papst. 2005 hat man Herrn Ratzinger gewählt.

Die Entscheidung, ihn nun als Papst emeritus zu bezeichnen, finde ich übrigens ziemlich unfair. Es entspricht dem europäischen Rationalismus nicht. So eine Entscheidung könnte ich wohl von den Orthodoxen erwarten, von den Menschen, die es größtenteils ruhig, wenn nicht gleichgültig verschluckt haben, dass der Herr Putin schon wieder Präsident geworden ist und sich vielleicht für so gescheit hält. Diese Entscheidung entspricht dem Geist des Nicht-Wählens, dem Geist der stagnierenden Stabilität und der Ausrede „es ist zwar anders vorgesehen, aber für so eine nette Person wie Sie machen wir eine Ausnahme“. Aber echt. Nichts persönliches, aber wenn man sagt, man geht, soll man doch wirklich gehen und vor allem erlaubt werden, zu gehen. Ohne jegliche Emeritierung, die einer nach dem eigenen Wunsch entlassenen Person und deren Schülern ein ungerechtes Gewicht im Vatikanischen Machtspiel gibt.

Eine zweite Kirchenoberhauptwahl meines bescheidenen Lebens hat 2009 stattgefunden. Es geht hier um die Wahl des neuen Patriarchen. Interessanterweise hat sich Kyrill II. zum Rücktritt Benedikts erst gestern, also am 1. März 2013 geäußert. Warum hat es doch so lange gedauert? Kyrill wird einerseits als ein starker Unterstützer der Ökumene (ja, ja, es sind nicht allein die Protestanten und die Katholiken, die heutzutage an die Zusammenarbeit und Näherung denken, auch die Orthodoxen denken mit, wie man das Große Schisma 1054 überwinden kann), andererseits als ein allzu regierungstreuer Spieler angesehen. Für beides natürlich auch heftig kritisiert.

Es war mir übrigens gar nicht bekannt, dass die Bezeichnung „russisch-orthodoxe Kirche“ (Original русская православная церковь) auch umstritten ist: manche unterscheiden die „genuin“ orthodoxe Kirche von der der Moskauer Erzdiözese. Die erste sei angeblich von den Kommunisten verbannt, verboten und erlöscht worden, die zweite soll erst zur Zeit des Zweiten Weltkrieges unter unmittelbaren Führung der Kommunisten als eine Art religiöse Unterstützung der Regierung gegründet worden sein und habe gerade deswegen extrem nahe Verbindung zur weltlichen Macht Russlands. Was man, solange man dieser Theorie glaubt, mit dem im Ausland blühenden und bis vor kurzer Zeit in keiner hierarchischen Verbindung zur Moskauer Orthodoxie gestandenen Emigrantenteil der Kirche tun soll ist dabei unklar. Die Tatsache, dass die russisch-orthodoxe Kirche spätestens seit der Herrschaft Peters des Großen (wahrscheinlich aber seit dem Iwan dem Schrecklichen) nie weder strukturell, noch finanziell von dem Staat unabhängig war, bleibt auch unbeachtet.

Ob ein Flügelschlag eines Schmetterlings in Brasilien Vatikan ein Tornado in Texas Moskau auslösen kann? Einerseits eher nicht: wenn die Parlamentwahl 2011 und die Präsidentenwahl 2012 (zwei extreme und ganz direkte Reize) keine dauerhafte gesellschaftliche Ideenmobilität verursachten, sehe ich persönlich keinen Grund, warum etwas übertrieben gesagt irgendein Papst (d.h. ein Reiz, der mehr als mediat ist) ein eine von vielen ersehnte Kirchenreform bei den Orthodoxen zur Folge haben soll.

Andererseits spricht der Autor jenes Artikels mit der etwas fragwürdigen, jedoch interessanten Idee der Nichtexistenz der orthodoxen Kirche (sh. oben) von Forderungen, auf deren Frechheit ja sogar Robespierre selbst hätte neidisch sein können. Man spricht von Priesterwahl durch die Pfarrgemeinden, wünscht sich die volle ideologische Unabhängigkeit der Kirche von dem Staat. Unter anderem (und das finde ich besonders piquant) fordert man die Restrukturierung und Dezentralisierung der orthodoxen Kirche, d.h. einen Übergang zur konföderativen Struktur mit transparenter Priesterweihe und Konfirmation für alle Gläubigen nach dem Erreichen der Mündigkeit nach dem katholischen Vorbild. Von Frauenweihe oder Einstellung zur Homosexualität geht es hier natürlich keine Rede: der russischsprachige Raum ist an sich vom feministischen Radikalismus ganz verschont, dabei aber aggressiv heterosexuell.

Insgesamt ist es eher unwahrscheinlich, dass die Abdankung Benedikts eine orthodoxe Reform direkt auslöst: was es wohl bewirken wird ist die allgemeine Einstellung zur Kirche in allen christlichen Konfessionen, die das Treffen der wichtigen Entscheidungen innerhalb des Klerus auch auf einer unbewussten Ebene (gesellschaftlicher Druck usw.) beeinflusst. Der Fall Ratzinger möge nun als ein Muster zum weiteren Vergleichen dienen und dadurch ganz un-voraussagbare Auswirkungen auf weitere Kirchengeschichte haben.

P.S. In Zwischenzeit hat man eine spannende Möglichkeit zu wetten, wer von den Kandidaten vom Konklave zum neuen Papst gewählt wird. Lustigerweise wird Schönborn nicht allein von „Heute“, aber sogar von den etwas professioneller ausschauenden italienischen Zeitungen unter Favoriten erwähnt. Das wäre lustig, oder? Olympische Sommerspiele wollen wir haben, ein Wiener Papst wäre auch lieb ;).





Ob Menschen fliegen können?

17 02 2013
Weitere Fotos: http://www.tumblr.com/tagged/francesc%20catala%20roca?language=de_DE

Francesc Català Roca.

Seit Monaten wie es scheint, habe ich keinen gescheiten Text hier geschrieben, auch wenn der Blog ursprünglich vor allem als ein schriftlicher Abdruck meiner Gedanken gemeint war. Ob ich meine Stimme (sh. Filmzitat oben auf der Seite) verloren habe?

Ob es die Leute auf dieser Welt gibt, die sich in den technischen Aspekten eines Faches auskennen und durch dieses Wissen nicht darauf kommen, dass das Eigentliche durch keine technischen Tricks vermittelt werden kann? Ob ein Klaviervirtuose glaubt, er könne den im Hintergrund stehenden Sinn (wie auch immer man diesen Sinn persönlich interpretiert) durchs Tastendrücken freilassen? Ob man dabei kein Gefühl hat, dass etwas Wesentliches bei Ausdrücken doch durch die Finger rennt?

Sprachstudium hat mir beigebracht, dass die Sprache an sich (dabei meine ich nun die klassische Vorstellung von einer Sprache: Substantiv-Adjektiv-Satz) ein sehr eingeschränktes Mittel der Gedankenübertragung ist. Ich kann jeden Text zerlegen und mir seine Teile anschauen, ich weiß theoretisch, warum dies und jenes beim Lesen auf uns so und nicht anders wirkt: dass man durch das Fehlen an Verbindungswörtern einen Effekt der Hetze und Aufregung erreicht. Ich weiß, wie man mit poetischen Formen umgeht und warum Sonetten üblicherweise elegant und fein, und Vers libres aufrichtig und „ungekämmt“ wirken. Beim Schreiben hilft es lustigerweise kaum. Kein Sprachmittel wird mir helfen, wenn ich die im Titel gestellte Frage beantworten will.

Das Foto von Català Roca hat mich überrascht, ich habe zunächst gedacht, ich sehe das falsch. Es gibt doch eine Menge ähnliche Fußballfotos, jedenfalls mit „traditionellen“ Spielern drauf. Ich weiß es nicht, was mich so berührt und aufregt hier. Nicht etwa, dass Klerus offensichtlich doch menschlich ist? Dass man auch spielen kann und will, nicht allen beten und beichten und was sonst? Dass man diese Spannung des Fliegens, die schwindelnde Leidenschaft des Sprunges, der Bewegung, des Lebens auch als ein Priester erleben kann?

Ach, wie menschlich der Klerus sein kann haben wir gerade erfahren. Der Papst geht. Das Titelblatt meiner noch nicht gelesenen Ausgabe von „die Zeit“ ist völlig Ratzinger gewidmet (was natürlich kein Wunder ist). Sehr warmherzig geschrieben. Wesentlich warmherziger, als „normale“ Zeitungsartikel, d.h. die vor dem Abdanken. Man habe doch schon 2005 gesagt, nach Johannes Paul wird es jedem Papst sehr schwer fallen, einen auf sich aufmerksam zu machen. Ratzinger hat es aber doch gelungen.

Ich kann es auch nicht genau erklären, warum dies mich berührt hat: ich bin letztendlich nicht katholisch. Und nicht wirklich christlich im Sinne von Angehörigkeit zu den bestimmten Institutionen: der Gott ist ja ein viel zu privates Konzept, um es nach Außen zu tragen. Ich glaube, es ist ein gewisses Gefühl der leichten Enttäuschung an einer fest traditionellen Rolle, die man allzu modern zu Ende gebracht hat. Sienkiewicz beschreibt es so schön in seinem Quo Vadis, wie Petrus aus Rom flieht und auf dem Weg Jesum trifft, der seinerseits auferstanden nun nach Rom geht, um da noch einmal gekreuzigt zu werden. Weil nämlich der Petrus aufgegeben hat. Verschämt kehrt Petrus nach Rom zurück und wird wie wir alle wissen mit dem Kopf nach unten gekreuzigt.

Es ist natürlich ein schönes und etwas albernes Märchen vom frühchristlichen Märtyrertum: es scheint mir manchmal, dass der Klerus sich eventuell wenig wünscht, außer ein Opfer der Steinigung oder der Kreuzigung, metaphorisch oder direkt, zu werden. Aber auch wenn man den Symbolismus weglässt und die Situation kritisch anschaut, ist Papstum immer mehr als lediglich eine Beamteneinstellung gewesen. Der Papst ist in gewisser Hinsicht wirklich ein Vater seiner Pfarre, er übernimmt durch seine Position eine archaische Funktion. Und nun geht der Vater, weil er zu müde ist. Oder weil er sich eigentlich nie fit genug fühlte, ein Vater zu werden. Er habe sich dies gar nicht gewünscht, oder? Man sagt nun, Ratzinger wird sich dem widmet, was ihm im Laufe seines Dienstes entzogen wurde und wofür er eigentlich am passendsten ist: dem Beten, dem Schreiben, dem Meditieren.

Ah, wie oft hört man so was auf einer persönlichen Ebene im privaten Leben! Mein eigener Vater war übrigens auch nicht fit genug, seine Elternfunktionen entsprechend auszuüben, da seine eigenen Bestrebungen (Selbstverwirklichung im Beruf und vor allem Sexualität) offensichtlich wichtiger waren. Wahrscheinlich ist das gerade der Grund, warum der Ratzinger, den ich immer etwas blass gefunden habe, mich doch etwas enttäuscht hat. So eine Stellung, so eine gesellschaftliche Verantwortung darf man einfach so nicht aufgeben.

Andererseits muss man zugeben, das Abdanken kann eine positive Wirkung haben. Der Papst hat sich bloß wie ein Angestellter benommen, nun was? Es sagt meiner Meinung nach ziemlich viel über den Wandel des Konzepts des Amtes aus. Anscheinend wird nun auch so eine stark konservative, unbewegliche und traditionell geprägte Institution wie die Kirche von dem aufklärerischen Geist der Rationalisierung und Leistungsoptimierung nachgeholt. Sobald ein Beamte nicht mehr imstande ist, seine Funktionen dem von ihm erwarteten Niveau entsprechend auszuüben, gehört er gewechselt. Wie ein Rennpferd etwa. Nun, wenn ein Papst hier in seiner Funktionalität einem Rennpferd immer ähnlicher wird, ist es auch gerechtfertigt zu erwarten, dass man bald über solche für die Kirche schmerzhaften Momente vernünftig reden kann, wie Verhütung, Homosexualität und Abtreibung. Man wird doch rationalisiert, und zur Rationalisierung gehört es nicht zu glauben, wie ein vierjähriges Kind, dass Verstecken spielt, seine Augen zumacht und sicher ist, die Welt sei verschwunden und sehe es nicht. Wenn das Papstum nun in Richtung Amtsausübung wandelt, soll es auch reif genug sein, seinem Feind ins Gesicht zu schauen.





Welcome back

8 01 2013

Es wundert mich eigentlich, dass mein Blog doch regelmäßig besucht wird, auch wenn ich gerade einen Wirklichkeitsanfall erlebe und ziemlich wenig Lust und Geduld habe, meine Neuigkeiten verbal zu machen. Ich bedanke mich jedenfalls bei allen, die doch vorbeischauen! Danke! Bald zeig ich euch/Ihnen hoffentlich ein paar frische Skizzen oder erzähle was.

Hoffentlich waren die Feiertage gut und erholsam – und der Rutsch reibungslos (auch wenn es physikalisch unmöglich ist). Meinen Rutsch habe ich in Rom erlebt – war sehr, sehr schön. Auch von dem Wetter her (besonders wenn man bedenkt, was wir heute da draußen haben). Ich frage mich, warum Italiener, wenn sie am Weihnachten immer so ein Wetter haben, überhaupt anderswohin reisen. Schön war es. Ungefähr so:

Piazza del popolo, Roma, 3.1.13.

 





Musik ohne Grenzen?

9 10 2012

Neulich bin ich auf ein Buch gekommen, dass ich natürlich schon allein wegen des Autoren auf keinen Fall im Buchgeschäft hätte liegen lassen können. Edward Said habe ich vor einigen Semestern im Kurs Postcolonial Studies, Images of Africa „kennen gelernt“. Sein dem Orientalismus gewidmetes Buch war für mich eine jener wenigen kleinen, aber prinzipiell wichtigen Weltoffenbarungen, die zunächst fast unauffällig vorbeigehen um deinen Verstand ungeschützt von hinten anzugreifen und dort für immer stecken zu bleiben.

Said schrieb über die synthetische und daher künstliche Natur unsrer Vorstellungen vom Orient, über die Ursprünge des Kulturmythos` Orient im öffentlichen Diskurs und über die Wichtigkeit, dies alles zu überwinden, um eventuell ein klares Bild vom Orient schaffen zu können. In manchen Bereichen dachte ich mir verwundert, um Gottes Willen, das ist doch wie ich es auch immer empfunden habe – jeder kennt ja dieses Gefühl, wenn man das Gedachte aber nie Ausgedruckte im Buch liest – „verdammt, ich hab doch „recht“ gehabt!“. Kurz und gut gesagt, der gute Said plädiert für Vernunft im Bereich durch Traditionen und erste Impulse aufgedrängte Meinungen. Bravo.

AP menschlich ausgedruckt: Mythos ist ein sehr vielschichtiger Begriff der Kulturwissenschaft, was natürlich auch eine genaue Erklärung viel zu problematisch macht. Ich gehe von jener Erklärung aus, die von Barthes in seinen Mythologies (1957). Kurze Zusammenfassung der Barthes´schen Ideen findet man unter anderem hier: http://spaces.kisd.de/identitaetundmythos/files/2011/01/Mythen_des_Alltags_excerpt1.pdf

Said sagt, Orient wie wir dieses Wort verstehen samt allen Assoziationen, Vorstellungen, Stereotypen und sogar Erfahrungen (denn sie auch von dem allgemeinen Denken, d.h. auch von der Denktradition, ergo auch von dem bösen bösen kulturellen Diskurs abhängig sind) ist eine künstliche Konstruktion, die von der westlichen Kultur im Laufe deren Entwicklung als ein Bild von dem Anderen, dem Gegenseitigen geformt war. Wo Europa arm war, schien Orient märchenhaft reich zu sein, wo Europa für Demokratie und Liberalismus plädierte und dran oft auch litt, glaubte man den Orient konservativ, statisch und despotisch zu sein, wo westliche Frauen mal spielerisch kalt, „schamlos“ und „willkürlich“ agieren mochten, haben die Orientalischen dagegen schamvoll, unfrei und trotzdem promiskuitiv sein sollen usw ad infinitum. Said dekonstruiert solche Vorstellungen und erklärt, wie sie auf unsre alltägliche Wahrnehmung der orientalischen Welt wirken. 

Das Buch, dass ich unbedingt aus der Buchhandlung „retten“ wollte heißt Musik ohne Grenzen.  Mein Lesen ist erst begonnen, und ich muss zugeben, es sind zwei einander bitter widersprechende Gefühle, die sich in mir kämpfen. Dass der Said zu allem auch ein guter Klavierspieler war ist zweifelsohne beneidenswert. Und so wie er schreibt würde ich die Musik eigentlich ziemlich gerne empfinden können: die bleibt für mich wie für die größte Mehrheit der sterblichen Menschheit ein Rätsel, dass sich weder lösen, noch zähmen lässt.

Manchmal denke ich mir, es hänge alles mit der Technik zusammen: man übt sich, übt die Finger und das Gedächtnis, lernt ein Werk auswendig und hoppla! – Da ist sie schon, die Ekstase, die Nirvana, die von manchen Musikern offensichtlich ohne Sex und Drogen erreicht werden kann. Vielleicht ist die Musik gerade die Droge oder einer Droge und dem Sex ähnlich… – naja, oder der Meditation. Meine Drogen sind Beethoven und Chopin.

Ob die Technik dabei wirklich alles an einem Musiker schaffen kann, was es zu schaffen gibt weiß ich nicht. Soweit ich den Said verstehe, er meint es anders. Auch wenn nicht ausdrücklich. Hätte er das so ganz offen geschrieben, wäre es… Ein Verrat gegen die Vernunft? Gewiss. Gegen das kritische Wahrnehmen und Denken, gegen das Wachsein, dass es den bösen bösen Diskurs gibt, der unsres Denken und unsre Gefühle steuert. Da ich mir denke, jedes seelische Empfinden und jedes Denken ist ein Produkt des Systems, der Gesellschaft, wo man gehört. Als eine sprachlich indoeuropäisch geprägte Person empfinde ich zum Beispiel, dass die Zukunft konzeptuell „vorne“ liegt und die Vergangenheit „hinten“. Es gibt Sprachen und Völker, wo man das Erste oben und das Zweite unten sieht. Schon allein das verursacht eine ganze Reihe konzeptuelle Unterschiede im Denken zwischen mir und der Person aus einem anderen System.

Die Musik kann natürlich sprachlos sein (so Said), es bringt sie aber nicht aus den Rahmen des Kulturdiskurses heraus. Daher ist auch die Subjektivität der Musik durch gewisse Meinungen, die im gegebenen Diskurs verbreitet sind, zu erklären. Ergo, unkritisches Wahrnehmen der Musik, Zuschreiben ihr der magischen und göttlichen Eigenschaften („göttlicher Kontrapunkt“ von Gould) eine süße, aber doch Illusion.

Das macht den Said nicht schlechter, nicht weniger respektvoll in meinen Augen. Und das Buch ist nach allem schön zu lesen. Die Tatsache, dass der gute Said von der Musik besessen und bezaubert ist macht ihn menschlich. Und das Buch – subjektiv. Wie jedes Sekundärschreiben an die Werke, die den „Untauglichen“ hilft, das Geheimnisvolle zu verdauen…

PS. Und dann hab ich plötzlich die Beethovens 14. Sonate, ein der wenigen Werke, die ich nicht nur lauschen, aber auch wirklich hören kann, in der Gould´schen Interpretation angeschaltet – und dann wurde es mir klar, was die romantische Seite des ehrwürdigen Wissenschaftlers so bezaubert hat. Gould spielt ziemlich ähnlich wie mein lieber und verehrter Richter: freizügig und doch zugleich wohltemperiert, er spielt nicht nur das Werk, aber mit dem Werk, sein Adagio erinnerte mich mit dessen schnellen, fieberhaften Übergängen an eine Spieldose oder an einen unglücklich verliebten Teenager, der mit dem Gefühl und eigener Unfähigkeit, es weder zu verstecken, noch zu erleben, verloren und ratlos da steht. Der Said hat doch verdammt recht gehabt: so wie der Gould spielt, hab ich den Beethoven noch nie empfunden. Klasse.





Displacement effect (Niveauverschiebungstheorie)

1 03 2012

Seit einiger Zeit beschäftigt mich ein gewisses Konzept, auf das ich einigermaßen zufällig und dank dem Professor Winkelbauer gekommen bin. Winkelbauer verkörpert – meiner bescheidenen Meinung nach – diesen ganz klassischen, fast archetypischen Wissenschaftler mit den Gedanken, die viel schneller laufen, als der Sprechapparat verbalisieren kann, mit seinen glänzenden Augen, mit seinen Händebewegungen, mit dem ganzen ein bisschen wilden und dadurch sehr charismatischen Aussehen. Das Scriptum für seinen Kurs war (und bleibt) so gründlich geschrieben, dass man es eigentlich als eine gute Monografie betrachten könnte. Gerade wegen dem Kurs und Scriptum dazu habe ich Glück gehabt, den Niveauverschiebungseffekt (displacement effect, Peacock, Wiseman) kennenzulernen.

Der Effekt (wie es schon aus dem Begriff selbst klar ist) wird als Folgendes beschrieben:

Displacement-Effect
Displacement-Effect der, der sprunghafte Anstieg öffentlicher Ausgaben in Zeiten sozialer oder wirtschaftlicher Krisen, ohne dass diese Ausgabenerhöhung nach Beendigung der Krise wieder zurückgeführt wird (Niveauverschiebungseffekt).

http://www.enzyklo.de/Begriff/Displacement-Effect (Zugriff 1.3.2012)

Kurz und gut wurde es bei uns aufm Beispiel der Finanzpolitik der Habsburgermonarchie erklärt. Vor allem seit Maximilian I. (Erzherzog seit 1493, Kaiser seit 1508) stiegen die Staatsausgaben permanent. Diese Steigerung wurde einerseits von endlosen Kriegen Maximilians verursacht. Während der Kriegszeiten war es nachvollziehbar, mehr einzunehmen (von der Bevölkerung als Steuer) und mehr auszugeben (und dadurch das Heer finanzieren). Jedenfalls auch in Jahren des Friedens sanken die Ausgaben und Steuern aufs ursprüngliches Niveau. Es wird vermutet, man hatte sich jedes Mal an höhere Ab- und bzw. Ausgaben gewohnt, daher hielten die Herrscher es für überflüssig, „fair“ zu spielen und alles zum Ausgangspunkt zurückzubringen. Das ist der eigentlich Niveauverschiebungseffekt.

Der Gedanke, der mich seit dem Anfang des Monats nicht verlässt besteht darin, dass diese Niveauverschiebung eigentlich ein ganz universelles Ding ist und keinesfalls auf der Finanzsphäre eingeschränkt werden kann. In folgenden Schemata verwende ich (derzeit noch) keine fixen Daten, was teilweise durch den Charakter der Beispiele, teilweise durch Mangel an Zeit und Drang zu schreiben zu erklären ist. Also, schauen wir mal.

Beispiel 1. Große Innenpolitik.

Auch bei dem Umbau der gesellschaftlichen Ordnung lässt sich eine bestimmte Verschiebungstendenz verfolgen. Wenn wir bei der Geschichte Österreichs bleiben, ein wunderbares Beispiel findet man im 18. Jahrhundert. Von den Theresianischen Reformen haben wir hoffentlich alle gehört, sowie auch davon, dass diese Reformen zentralistischer Natur waren und Vereinheitlichung, Zusammenbinden der Ländern (womöglich auch des Reiches) auf wirtschaftlicher, politischer und Sozialebenen zum Leben brachten. Unter Maria Theresie wurde viel und tiefgreifend reformiert, wobei sie immer auf ihre adeligen Gefolgsleute aus allen Teilen der Monarchie Rücksicht nehmen musste. So war zum Beispiel Ungarn von radikalen Umstrukturierungen bis in die 1780r verschont. Letze Reste der Autonomie auf allen Ebenen: jener der Stände sowie jener der gesamten Erbländern, fielen dem Reformradikalismus Josephs zu Opfer. Aus meiner Sicht war er „eh gut, weitsehend und pragmatisch“, aber all dies leider VIEL ZU für seine Zeit. Uns kann seine Politik genauso logisch und „gesund“ erscheinen, wie entsetzlich radikal es für seine Zeitgenossen war. Schon allein die Aufhebung der traditionellen Teilungen zwischen den Erbländern und das Errichten von einheitlichen Distrikten unter Führung der staatlichen Beamten sorgte für  ein gutes gesellschaftliches Schock.

Man weiß es nicht, wie weit die Reformen Josephs noch gehen würden (meiner bescheidener Schätzung nach hätte er einerseits sehr viele widerstehenden Rückgräte (figurativ und wörtlich) brechen sollen, hätte aber letzten Endes viel mehr Erfolg gehabt). Sein Bruder Leopold erbte ein von den Reformen und oben erwähntem Schock tiefst getroffenes Land. Der Hauptvektor der Politik Leopolds war Beruhigung der Massen, was ihm gut gelungen ist. Dabei hob Leopold fast alle Umgestaltungen seines Bruders auf und brachte alles zu dem Status Quo aus der früheren Zeit. Die Zeit war aber nicht jene vor dem Beginn der gesamten Zentralisierung (also, zum Zustand 1740, vor Maria Theresia, wie es am logischsten gewesen wäre), aber nur jene vor den Umgestaltungen seines Bruders (teils 1765, teils 1780). Wenn man dies als eine Graphik darstellt, wird es so ausschauen:

Als Höhepunkt dient hier natürlich die Zentralisierungs- und Reformierungspolitik Josephs II., die Niveaus vor und nach ihm stehen natürlich für Maria Theresias und Leopolds gesellschaftliche Umbaus.

Beispiel 2. Staatliche Gewalt im ganz direkten Sinne des Wortes

Das Gleiche kann man auch am Beispiel Russland (bzw. UdSSR) des 20. Jahrhunderts sehen. Schauen wir zuerst das Diagramm an:


Russland trat ins 20. Jahrhundert als ein konservatives, vom Absolutismus und Griechisch-orthodoxen Christentum geprägtes Land. Seit dem Ende des 19. Jahrhundert war der Trend der wirtschaftlichen Erneuerung spürbar, das Land entwickelte sich intensiv, wobei die Regierung nur sparsam und ungewollt wenige Reformen ließ. Im 1905 brach die erste Revolution aus, die die Regierung zum Errichten des Parlaments erzwang. Auch das Parlament wollte keinen Chaos, und die Reaktion des Staates auf Streike und Unruhen (die nichts Unübliches waren) blieb so wie früher repressiv. Die Monarchie ging mit dem Ersten Weltkrieg unter, und letzte zwei Jahren der 1910r waren von einem grauslichen, blutigen Zivilkrieg geprägt, wo nach der Schätzungen ungefähr 8 Millionen Menschen ums Leben gekommen sind. Das nach dem Etablieren des Kommunismus gefolgte Jahrzehnt war vielleicht die ruhigste Zeit des ganzen Jahrhunderts (wobei es auch hier, besonders auf der Peripherie, Hungernoten und alle möglichen gesellschaftlichen Katastrophen gab). Die 1920r waren auch ein kurzes Intermezzo vor drauf gefolgten 1930 mit dem Höhepunkt in Jahren 1937-1938. Es ist übrigens war, dass man im russischsprachigen Raum dies einfach so sagt, ohne einen besonderen Namen den Geschehnissen zu geben: 1937. Alle verstehen. Vor einigen Jahren habe ich in einer Zeitschrift gelesen, dass in der gesamten Union zwischen 1937 und 1938 täglich 30 bis 50 Menschen erschossen wurden, und das nicht von der Kriminalität.

Der Zweite Weltkrieg war für die UdSSR zweimal Tragödie: einerseits wegen dem Krieg, der Besatzung usw.; andererseits aber war auch die Regierung selber schuld. Sagen Sie es heutigen Verehrer des sehr komplizierten und stark überrepräsentierten Mythos des Krieges nicht, aber das ist wahr. Ich muss der Union vielleicht aus mehreren Gründen dankbar sein, auch wenn ich es kaum gesehen habe. Das Ding, das ich der damaligen Regierung persönlich nicht verzeihen kann: wie kann man so agieren, dass man innerhalb eines Monats nach der Intervention mehr als 1 Million Soldaten tot verliert, nicht zu erwähnen Kriegsgefangenen? Also, lassen wir es, sagen wir nur: nach dem Krieg erhoffte man, dass das „Siegervolk“ es endlich mal bewiesen hat, wie treu es ist. Lies: dass es kein neues 1937 geben wird. Ja, in diesem Ausmaß wurde die neue Welle Repressionen vielleicht nicht durchgeführt, aber auch ohne Höhepunkt 1937 war es mehr als blutig.

Chruschtschow brachte so genannte „Tauwetter-Periode“ mit, was aber nicht bedeutet, dass man sofort alle GULAG-Einrichtungen zugesperrt, den Menschen Entschädigungen bezahlt (eine gute Deutsche, aber nicht Russische Tradition) und neu zu leben begonnen hat. Nicht einmal. GULAG funktionierte noch lange, auch wenn nicht so überfüllt von politischen Gefangenen, auch wenn ohne deren Familien. Mit den Politischen ging man hier auf eine neuerfundene Weise um: man sperrte sie in den Institutionen für Menschen mit Persönlichkeitsstörungen ein. Wer wenn nicht ein seelisch Kranker wird doch etwas gegen die Sowjetunion haben? Wirklich wahr.

Ich bin mir übrigens sehr bewusst, dass man in der Union überhaupt nicht unglücklich und unwohl lebte, wie man es sich im „Westen“ vorstellt. In manchen Bereichen war es vielleicht sogar besser. Man hatte zum Beispiel keine Probleme mit AIDS, Drogen und Kinderpornographie. Eine durchschnittliche Person konnte eigentlich ganz ruhig leben, wenn diese Person kein viel zu starkes Interesse für Politik zeigte. Denn für die, die das System zu heftig kritisierten, gab es gewisse Institutionen. Daher die Kurve.

P.S. Gestern bin ich auf noch ein Beispiel gekommen, das jedenfalls noch ein bisschen Überlegen benötigt. Haben Sie vielleicht auch etwas Ähnliches schon bemerkt?