Lost in Translation: Zemfira´s Хочешь (If you wish) Ru > En

25 10 2018

Und schon wieder mal ein Lied von Zemfira. Diesmal handelt es sich um Хочешь? – was ich ins Englische als fragend einladendes „If you wish“ übersetzt habe. „Wenn Du möchstest?“ wäre es wahrscheinlich auf Deutsch.

Хочешь? – ist ein dieser alten Lieder Zemfiras, die recht viel Diskussion hervorriefen und zu ihrem uneindeutigen Ruf beitrugen. Ich meine, ihre Wahnsinn anmutenden Pupillen in dem Video haben wahrscheinlich auch ihres gemacht 🙂

„Wenn Du möchtest, töte ich die Nachbarn, die Dich beim Schlafen stören“ – ich erinnere mich noch an diese leicht zurückhaltende Ablehnung im Gesicht meiner Großmutter: „Aber ist es nicht zu viel, wie kann man so etwas singen, man töte die Nachbarn?“. Was ich interessanter finde, von der klassischen Strukturlogik werden Gedichte in ihrer emotionalen Ladung eher steigernd aufgebaut: vom Milderen zu dem Schwerwiegenderen. In dem Sinne ist es ziemlich spannend, dass der Text das Weggeben der eigenen Lieder/Gedichte implizit in die stärkere, schwerwiegendere Position stellt, als den Mord an störenden Nachbarn. Ah, zemfira weiß es ganz genau, wie tot es sich anfühlt, nicht kreieren zu können…

Zемфира – Хочешь? Zemfira – If you wish
Пожалуйста не умирай
Или мне придется тоже
Ты конечно сразу в рай
А я не думаю что тоже

 

Хочешь сладких апельсинов
Хочешь в слух рассказ длинный
Хочешь я взорву все звезды
Что мешают спать

Пожалуйста только живи
Ты же видишь я живу тобою
Моей огромной любви
Хватит нам двоим с головою

 

Хочешь в море с парусами
Хочешь музык новых самых
Хочешь я убью соседей
Что мешают спать

Хочешь солнце вместо лампы
Хочешь за окошком Альпы
Хочешь я отдам все песни
Про тебя отдам все песни

 

Хочешь солнце вместо лампы
Хочешь за окошком Альпы
Хочешь я отдам все песни
Про тебя отдам все песни

Please, don´t die,

otherwise I would have to – with you.

You´d go straight to heaven, of course,

And me? I don´t think I could, too.

 

If you wish  sweet oranges?

If you wish – long stories read aloud?

If you wish, I would blow up all the stars

That ruin your sleep.

 

Please, you just live on,

Can´t you see, I am living in you?

My enormous love

Would be enough for the two of us.

 

If you wish – sailing at sea?

If you wish – all the newest music,

If you wish, I would kill the neighbours

That ruin your sleep.

 

If you wish, the sun instead of a lamp,

If you wish – the Alps behind the window,

If you wish, I would give my songs away,

Would give all my songs about you away.

 

If you wish, the sun instead of a lamp,

If you wish – the Alps behind the window,

If you wish, I would give my songs away,

Would give all my songs about you away.

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Lost in translation: Zemfiras „Ich lernte Sie zu lieben“ (Ru>De)

27 08 2018

Zemfira ist für die russischsprachige Musik etwas ganz besonderes. Von manchen wegen ihres frühen, oft ziemlich idiosynkratischen Umgangs mit Wort und Syntax, von anderen  wegen ihren späteren, eindeutig erkennbar „ihrigen“ und doch lyrischeren und klassischer klingenden Alben abgelehnt, ist sie einfach… sui generis. Bodenlose Tiefe kombiniert mit trotziger Einfachheit.

Hier kommt ihr „Я полюбила Вас“ (IPA: /ja pəlʉbilə vas/, De: /ja palübIla Wass/, „ich habe Sie lieben gelernt“):

Медленно, верно газ плыл по уставшей комнате, Langsam, aber sicher schwebte Gas quer durch mein müdes Zimmer,
Не задевая глаз тем, что вы вряд ли вспомните. Kaum die Augen mit Gestalten berührend, an die Sie sich eh kaum erinnern werden
Бился неровно пульс, мысли казались голыми, Mein Puls schlug unruhig, Gedanken schienen ganz bar,
Из пистолета грусть целилась прямо в голову. Trauer zielte ihre Pistole mir in den Kopf.
Строчки летели вниз, матом ругались дворники, Die Zeilen flogen herunter, (wo im Hof) Straßenfeger wild schimpften.
Я выбирала жизнь, стоя на подоконнике. Ich entschied mich für das Leben, auf dem Fensterbrett stehend.
В утренний сонный час, в час, когда все растаяло In der frühen Morgenstunde, als es alles verging,
Я полюбила вас, Марина Цветаева! Verliebte ich mich in sie, Marina Tswetaewa!

Die letzte Zeile ist zweierlei Verweis auf die Dichtung des russischen Silbernen Jahrhunderts (Belle Epoque).

Marina Tswetaewa war eine prominente Dichterin, die in dem letzten Jahrzehnt vor der Oktoberrevolution – und dann nach Perestroika große Berühmtheit genoss. Tswetaewa wanderte nach 1917 aus, kehrte zurück, fand keine Leserschaft und keinen Markt mehr für ihre Gedichte, wurde wegen ihrer erstmaligen Ablehnung der Bolschewiken arbeitslos, verarmte und erschoss sich schließlich aus Verzweiflung. Tswetaewas Hand gehört auch die ursprüngliche Aussage, deren Struktur Zemfira aufgreift: „In der frühen Morgenstunde, ungefähr um viertel fünf, verliebte ich mich in sie, Anna Achmatowa!“.

Anna Achmatowa ist wiederum eine zweite, ganz große russische Dichterin des Silbernen Jahrhunderts und dann weit bis in die 1940er Jahre. Achmatowa kennt wahrscheinlich jeder… Sie ist einfach großartig, und ihre Dichtung, schlicht und zugleich subtil, spannt einen schönen Bogen zwischen dem Ausklang des alten Literaturkanons der Belle Epoque über die Jahre der politischen Isolation bis zu dramatischen Gedichten über die Stalinschen Säuberungen oder aus dem eingekesselten Leningrad.