Lost in translation: Zemfiras „Ich lernte Sie zu lieben“ (Ru>De)

27 08 2018

Zemfira ist für die russischsprachige Musik etwas ganz besonderes. Von manchen wegen ihres frühen, oft ziemlich idiosynkratischen Umgangs mit Wort und Syntax, von anderen  wegen ihren späteren, eindeutig erkennbar „ihrigen“ und doch lyrischeren und klassischer klingenden Alben abgelehnt, ist sie einfach… sui generis. Bodenlose Tiefe kombiniert mit trotziger Einfachheit.

Hier kommt ihr „Я полюбила Вас“ (IPA: /ja pəlʉbilə vas/, De: /ja palübIla Wass/, „ich habe Sie lieben gelernt“):

Медленно, верно газ плыл по уставшей комнате, Langsam, aber sicher schwebte Gas quer durch mein müdes Zimmer,
Не задевая глаз тем, что вы вряд ли вспомните. Kaum die Augen mit Gestalten berührend, an die Sie sich eh kaum erinnern werden
Бился неровно пульс, мысли казались голыми, Mein Puls schlug unruhig, Gedanken schienen ganz bar,
Из пистолета грусть целилась прямо в голову. Trauer zielte ihre Pistole mir in den Kopf.
Строчки летели вниз, матом ругались дворники, Die Zeilen flogen herunter, (wo im Hof) Straßenfeger wild schimpften.
Я выбирала жизнь, стоя на подоконнике. Ich entschied mich für das Leben, auf dem Fensterbrett stehend.
В утренний сонный час, в час, когда все растаяло In der frühen Morgenstunde, als es alles verging,
Я полюбила вас, Марина Цветаева! Verliebte ich mich in sie, Marina Tswetaewa!

Die letzte Zeile ist zweierlei Verweis auf die Dichtung des russischen Silbernen Jahrhunderts (Belle Epoque).

Marina Tswetaewa war eine prominente Dichterin, die in dem letzten Jahrzehnt vor der Oktoberrevolution – und dann nach Perestroika große Berühmtheit genoss. Tswetaewa wanderte nach 1917 aus, kehrte zurück, fand keine Leserschaft und keinen Markt mehr für ihre Gedichte, wurde wegen ihrer erstmaligen Ablehnung der Bolschewiken arbeitslos, verarmte und erschoss sich schließlich aus Verzweiflung. Tswetaewas Hand gehört auch die ursprüngliche Aussage, deren Struktur Zemfira aufgreift: „In der frühen Morgenstunde, ungefähr um viertel fünf, verliebte ich mich in sie, Anna Achmatowa!“.

Anna Achmatowa ist wiederum eine zweite, ganz große russische Dichterin des Silbernen Jahrhunderts und dann weit bis in die 1940er Jahre. Achmatowa kennt wahrscheinlich jeder… Sie ist einfach großartig, und ihre Dichtung, schlicht und zugleich subtil, spannt einen schönen Bogen zwischen dem Ausklang des alten Literaturkanons der Belle Epoque über die Jahre der politischen Isolation bis zu dramatischen Gedichten über die Stalinschen Säuberungen oder aus dem eingekesselten Leningrad.

 

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