Kipling aus der Schublade

12 06 2017

Man hört recht oft, dass die Bildung der Stereotype zwar lästig sein mag, jedoch ein wichtiges Nebenprodukt des menschlichen Denkens ist. Sobald man anfängt analytisch zu denken, sprich die unmittelbare Wirklichkeit nach diesem oder jenem Prinzip in bestimmte Kategorien zu gruppieren, sind sofort auch die Stereotype da. Sie sind ja im Endeffekt nichts anderes, als so eine Art Templates in unseren Hirncomputern, nach induktiver Logik vorgefertigte Muster und Modelle, die einiges am Erfassen, Verarbeiten und Verinnerlichen – am Verdauen unserer fluiden Modernität erleichtern. Ohne Stereotype hätte man, wie Puhl und Ritt mal im wissenschaftstheoretischen Seminar meinten, sich jeden Tag mit der grundlegenden Unsicherheit auseinandersetzen müssen, ob die Sonne auch diesmal aufgeht. Drama der Freiheit von „vorgekauten Denkmustern“ schlechthin.

Rudyard Kipling ist der heutigen Leserschaft vor allem als Autor von „Jungle Book“, also literarischer Papa von Maugli, bekannt. Außerdem wird wahrscheinlich jeder in geisteswissenschaftlicher Tradition aufgezogene Denker sich an das berüchtigt kolonialistische Gedicht „White Man´s Burden“* erinnern können. Literaturhistorisch versierter Mensch wird dazu auch „Kim“ gleich nehmen und – so wie Literaten das gerne tun – das bunte Reichtum der symbolischen Sprache des Romans eben postkolonialistisch zerlegen und sich am Ende wundern, wo nach diesem Präparieren die eigentliche Schönheit der Geschichte verloren ging…

Ich will an dieser Stelle kein Plädoyer für Kipling schreiben. Er war, und damit muss man leben können, ein britischer, spätviktorianischer weißmensch-Snob. Damals, right or wrong, konnte man so leben. Auch wenn mir als Gegengewicht für diesen schön gereimten Blödsinn von „White Man´s Burden“ immer ein anderes wunderschönes Gedicht von Kipling vor dem inneren Auge steht. „If“** mag einem paternalistisch, „stiff-upper-lipp“-ig und wie auch immer sonst vorkommen, aber ich liebe den Gedanken des ruhigen Stoizismus ohne Show, der aus dem Gedicht herausklingt.

Was ich jedoch heute zeigen möchte, hat eben mit dem oben angesprochenen Thema der Stereotypisierung zu tun. Denn ebenso von Kipling haben wir diesen elend-oft von jedem, aber wirklich jedem postkolonial-Interessierten zitierten Satz:

Oh, East is East, and West is West, and never the twain shall meet,

Till Earth and Sky stand presently at God´s Great Judgement Seat;

Böser Kipling, so meint man oft, schubladiesierte Osten und Westen (Osten eben negativ), indem er diesen zwei höchst künstlichen Gebilden den Status der natürlichen und unveränderbaren Kategorien verpasste. Böser und ganz gemeiner Kipling.

Böses und gemeines Halbwissen, das sich als allerletzte Weisheit tarnt. Denn auf die zwei Zeilen folgen in Wirklichkeit weitere Zwei:

But there is neither East nor West, Border, nor Breed, nor Birth,

When two strong men stand face to face, tho´they come from the Ends of the earth!

Und so verschiebt sich der Sinn der gesamten Aussage weg von dem in den Postcolonial Studies angebeteten Stigmas der besseren/schlechteren, fortschrittlicheren/rückständigeren Kulturen und zu der – mag sein, veralteten, und jedoch oft so extravagant schönen – Stiff-Upper-Lip´igkeit.

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* „White Man´s Burden“ kann hier gelesen werden

** „If“ kann hier gelesen werden

 

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