Alma

23 04 2018

Ich weinte neulich über Alma

mit ihrer stechenden, zersetzenden Bitterkeit,

mit ihrem Bewusstwerden über all die geflossene Zeit,

all die versäumten Chancen,

über die „galvanisierte Leiche“ ihrer Kunst,

ihrer jungen Saiten, die gerade dann verstummten,

wo sie erst anfingen stimmig zu klingen.

 

Mit all ihrer bösartigen, kasteienden, furiosen Erbitterung,

in der sie den Gustav – nur teilweise verdient – zu Grabe trug,

ihr offenes mädchenhaftes Gesicht einer begeisterten Künstlerin

zur strengen Maske einer abweisenden, kalten Frau erstarrt,

 

Er tötete sie wohl. Doch auch sie töte sich selbst mit!

 

Kein Mann und keine Frau sind allein dran schuld,

wenn man verstummt – verstummt nach innen!

Wenn man geplagt von Visionen seiner alten Träume,

Von eigener Unfruchtbarkeit, Unfähigkeit zu schaffen,

Unfähigkeit zu sprechen, denn es eigentlich um Sprechen geht,

die eig´ne Stimme dem Konsens und Norm aufopfert,

so gerne will man mit dabei sein!

So gerne möchte man geliebt, umarmt, verstanden werden,

während man sonst in eig´ner stummen Welt erstickt,

befreit und ungebunden, schaffend und so einsam…

 

Man gibt sich her, freiwillig, sogar jubelnd:

Jetzt endlich mal gehören!

Endlich jemandem sein Alles sein,

Endlich normal! Wie alle! – doch man ist es nicht tatsächlich,

man ist glückselig und verflucht zugleich,

ein wenig schizophren,

wusstet ihr schon, die Großen waren es doch alle –

Ein wenig schräg für mäßigen Genuss?

 

Man will es selbst – und ist sofort verschollen,

Man merkt es nur verzweifelt, wie man in die Norm entgleist,

Und schmerzt nach innen, von Normalität umkreist:

Mittäterschaft des innigsten Dazu-Gehören-Wollens

Ist wohl die schlimmste Sünde für den wachen Geist.

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Linke Hand

13 11 2017

Ein Kollege zeigte mir mal so einen Trick: man schreibe dasselbe Wort gleichzeitig mit beiden Händen. Richtungsmäßig geht es dann irgendwie „natürlich“ spiegelverkehrt vom Zentrum zum Seitenrand. Es entsteht eine lustige Diskrepanz zwischen dem, was man mit der Haupthand gewöhnlich schnell und leicht erledigt, und dem merkwürdigen Muster, gekritzelt mit ungeübter zweiten Hand.

Ich habe nie im Leben mit der Linken schreiben können. Wenn man es versucht, es sich beizubringen, wird man zum ersten Mal bewusst, was für eine verdammte Leistung ein Volksschulkind erbringt, als es Zeile für Zeile die nerventötenden Striche zusammenführt, bis es endlich mal – entfernt – wie Buchstaben und Wörter aussieht. Man würde es wahrscheinlich als reflektierter Erwachsene auch schneller schaffen, nachdem man eben mit der Dynamik des Schreibenlernens aus der Schulzeit vertraut ist. Ich habe dann bald aufgegeben – ich werde das linkshändige Schreiben ganz bestimmt eines Tages lernen – nun zunächst möchte ich lieber meine Dissertation schreiben 🙂

Was jedoch sehr lustig war an dem Spielchen mit dem Kollegen – ich habe auch probiert, mit der Linken zu zeichnen. Und da entstehen trotz ungeübter Feinmotorik durchaus interessante Sachen! Ein paar von denen habe ich hier wahrscheinlich schon gepostet.

Diese kurze Stilllebenskizze ist ebenso mit den linken Hand gekritzelt.

 

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Schrei-b!

19 05 2017

Schrei!

Aus den ganzen Lungen, und mit beiden Händen

Schlag wütend gegen jene Wand,

Die drinnen steht

und staut

und hemmt

und kettet dich mit Angst

du tätest etwas falsch.

Vielleicht…

Schrei!

Brich ihn durch,

den Damm,

Sei endlich kühner,

Herrgott! – Im Namen deiner alten Reime,

Schreib!

 

Die Trommel deiner schräg geformten Seele,

Verstaubt,

verstellt,

verscheut,

verstummt –

und trotzdem da!

Hol sie heraus und tue es einfach,

Schreib!

 

Schreib Kinderreime, Werbung, jeden Übungsschrott,

Der dir den langen Weg zurück erleichtert.

Schreib deine Suche, Unvernunft und Weisheit,

Den ewig alten Greis im frischeren Gehäuse

Deines zivilisierten, temperierten Körpers.

Aus all den hellen und den dunklen Ecken

deines so sonderbar geformten Ichs,

komm,

Schrei!