Hi_Story: Kinderförderung

6 12 2012

Habsburger Heiratspolitik

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Am Sonntag kommt er sicher

3 03 2012

Перевод (Ru)

Sie kämmt ihr schönes blondes Haar und schminkt sich. Dann zieht sie ihr feierliches Kleid an. Das Kleid ist himmelblau mit großen weißen Blumen, und sie sieht wunderschön aus. Es ist Sonntag, Ende Juni 1945, ich bin 6, und meine Mutti scheint mir die hübscheste Frau der Welt zu sein. Wenn ich groß werde, will ich genau so hübsch sein, wie sie. Und dieses Kleid – das wird sie mir später schenken.

Am Sonntag hat meine Mutti immer so viel zu tun. Schon seit einem Monat warten wir auf meinen Vati. Der Krieg ist gerade vorbei, aber die Welt, wie man es sagt, ist immer nocso sehr durcheinander. Besonders hier, bei uns.  Mutti sagt, es kann ein bisschen dauern, bis Vati in diesem Getöse den Rückweg nach Hause findet.

Sie wartet nicht allein. Viele Frauen in unserem Haus, auf unserer Straße, warten auf ihre Männer. Und wir, Kinder, warten auch, obwohl wir (ehrlich gesagt) schon allein mit dem Wort selbst, „Vater“, nicht viel anfangen können. Bertie, ich, Hilda, Rosa und Thomas, wir alle fünf haben unsere Väter nur ein- oder zweimal gesehen, und auch dann nur kurz. Sie kamen aus der Ferne, rochen albern, sprachen wenig, blieben für ein paar Wochen und dann mussten sie schon wieder fort. Ich weiß es nicht, wie es bei den Anderen war, aber mein Vati hatte sowieso weder Zeit noch Lust aufs Spielen oder andere wichtigen Sachen. Er wusch sich oft und eifrig, rauchte viel. Gesprochen hat er sehr wenig. Ich fürchte, er und Mutti waren sehr traurig: manchmal wenn ich nachts auswachte, konnte ich sie beide in ihrem Zimmer leise seufzen hören. Aber was will ich von ihnen, der Krieg ist eigentlich keine Spielsache.

Mutti sagt, jetzt, nachdem dieser schreckliche Krieg vorbei ist, wird unser Leben ganz anders sein, es wird wieder gut sein. Ich weiß es nicht genau, was sie dabei meint: ein anderes Leben habe ich nie gesehen. Aber ich denke mir, dieses gute Leben hängt mit dem Heimkehr meines Vatis zusammen.

Und so warten wir jeden Tag, jede Stunde, jede Minute. Aber insbesondere am Sonntag. Jede Woche sagt Mutti, nachdem sie nach der Arbeit wieder zuhause ist und während ich gerade vor dem Schlafengehen meine Zähne putze, „mach dir keinen Kopf, Liebchen! Am Sonntag kommt er sicher!“. Das weiß ich ja selber. Mutti sagt doch immer nur die Wahrheit, ne?

***

Sie kämmt ihr schönes blondes Haar und schminkt sich. Dann zieht sie ein dunkelrotes Kleid an. Aus ihrem himmelblauen Kleid haben wir vor drei Jahren ein nettes Kleidchen für meine Couine Lotte machen sollen. Es war nämlich Lottes Geburtstag, und bei uns war gerade das Geld ganz knapp. Mir standen Tränen in den Augen, so leid es mir tat, dass man sich von dem Kleid verabschieden musste.

Es ist Sonntag, Ende Februar 1953, ich bin 14. Das himmelblaue Kleid war ein wesentlicher Teil meiner Kindheit, ein Teil meines eigenen Wartens auf meinen Vater. Vor einem Jahr hat Mutti sich dann doch ein anderes Kleid gekauft. Es ist genauso dunkelrot, wie Wein, den meine Mutti und Tante Helga manchmal zusammen trinken.  Normalerweise tun sie es montags, am Abend in unserer kleinen Küche. Dabei reden sie über ihre Männer: über meinen Vater, über Tante Helgas ersten und dann jetzigen Ehemann. Tante Helga bekam Ende 1948 eine kurze, in unmöglicher Sprache gefasste Nachricht, dass Onkel Hermann, der Bruder meines Vaters, bei den Russen in Buchenwald ums Leben gekommen ist. Sie redeten die ganze Nacht durch, die Frauen, und, als ich ein paar Mal vom Schlaf aufgewacht war, konnte ich sie in der Küche weinen hören.

Fünf Monate danach heiratete Tante Helga Onkel Rudolf. Er ist ein lustiger Typ und spielt manchmal mit mir Schach. Er war auch im Krieg, sogar in Gefangenschaft. Als er 1946 heimgekehrte, stellte es sich heraus, dass seine Frau und zwei Kinder beim Feuersturm Ende Sommer 1943 spurlos verschwunden waren. Jetzt hat er schon mit Tante Helga eine Tochter, meine Cousine Lotte, die mir das himmelblaue Kleid weggenommen hat.

Ich glaube nicht, dass meine Mutter diese zweite Ehe der Tante Helga unterstützt. Einmal habe ich gehört, wie die Tante ihr gesagt hat: „Du, Elsa, du hast doch noch Glück. Du hast noch Hoffnung, dass Walter zurückkommt. Mir wurde die Hoffnung entzogen“. Mutti erwiderte leise: „Du hast das glückliche Recht, ein neues Leben zu beginnen. Dieses Recht habe ich nicht“.

Jede Woche geht sie arbeiten, kommt abends zurück, fragt mich kurz, wie mein Tag war nur dafür, dass sie in ihrer Müdigkeit nie zuhört, was ich erzähle. Es berührt sie wenig, dass Rosa sich verliebt hat und dass ich zum ersten Mal jemanden geküsst habe. Dass es Bertie war und dass Thomas jetzt aus dem heiteren Himmel auf uns beide böse zu sein scheint. Das interessiert meine Mutter nicht. Egal was ich erzähle, fasst sie es immer auf die gleiche Weise zusammen: „Mach dir keinen Kopf, Liebchen. Bald kommt Vati zurück. Am Sonntag kommt er sicher“.

***

Sie kämmt ihr Haar, schminkt sich und sieht es im Spiegel nicht, dass ich hinter ihrem Rücken stehe und sie anstarre. Sie ist voll beschäftigt, ihre Gedanken sind weit, so weit, dass es in ihnen keinen Platz für mich gibt. Ihr rotes Kleid reizt mich heute wie kommunistische Fahnen die Amerikaner.

Es ist Sonntag, 1957, Januar. Ich bin 18. Ich bin 18 und keine Jungfrau mehr. Ich blieb heute Nacht bei Thomas. Er hatte neue Musikplatten. Dann küssten wir uns wie Scarlet und Rhett in Vom Winde verweht.  Und dann waren wir schon im Bett. Wir waren beide so aufgeregt, dass es uns mühsam, erst zwei Stunden und drei erfolglose Versuche später gelang, im strengen Sinne des Wortes mit einander intim zu sein. Nach Hause kam ich gegen 8 in der Früh. Mutti war schon auf und in der Dusche. Jetzt stehe ich hinter ihrem Rücken, sie schmückt und schminkt sich und scheint nicht einmal bemerkt zu haben, dass ihre einzige Tochter nicht zuhause übernachtet hatte. Weder meine Präsenz, noch meine Abwesenheit bemerkt sie.

–          Ich habe mit Thomas geschlafen. – sage ich laut und kalt.

Ich Hände stoppen, sie blickt in meine Augen in der Spiegelreflexion.

–          Warum nicht mit… – Sie macht eine Pause. – Wie hieß doch dein anderer Freund?

–          Adolf. – Sage ich ironisch.

–          Achja, klar. – Sie lächelt beschämt. – Warum nicht mit Adolf?

Mir wird übel. Die Tränen von Wut stehen in Augen und im Hals.

–          Es gibt keinen Adolf, Mutter! – gegen meinen Willen schreie ich sie an. – Es gibt doch keinen Adolf!

–          Du hast es doch vor einer Minute gesagt, er heiße Adolf! – wundert sie sich.

–          Ja, das habe ich gesagt.

–          Na und? Ist es so ein Problem, dass ich nicht alle deinen Freunde kenne? Es gibt so viele.

–          Es gibt zwei! Und es hat immer nur die zwei gegeben!  Wir leben auf der gleichen Straße, wir haben immer neben einander gewohnt! Wir sind doch zusammen aufgewachsen!

–          Na, dann ist alles in Ordnung. – Sie lächelt mich wieder an, diesmal beruhigend. – Mach dir keinen Kopf, Liebchen! Ich habe gehört, die Gefangenen kehren aus Russland zurück. Du weißt, was das bedeutet, ne? Bald kommt Vati zurück! Am Sonntag kommt er sicher.

Es fühlt sich innerlich wie ein Dammbruch in meiner Seele. Wut, Entsetzen, Mitleid, Verzweiflung, Einsamkeit, Hoffnungslosigkeit, Hilfslosigkeit mischen sich zusammen und strömen aus mir heraus, weg; es gibt keine Kraft mehr, die mich zum Schweigen bringen könnte. Als ich den Mund öffne, kommt nur hysterisches, zitterndes, hohes Schreien heraus:

–  Er kommt nie! Er kommt nie! Nie! Nie! Nie! Er ist tot, verstehst? Kannst du es nicht akzeptieren?! Wie lange muss es noch dauern, bis du es mitkriegst, dass er nie zurückkommt? Er ist tot! Tot, tot, tot!

Ich bin von meinem Geschrei selbst entsetzt, von meiner Mutter ganz zu schweigen. Zuerst springt sie auf ihrem Stuhl überrascht und erschrocken auf, sinkt wieder nieder. Mit jedem meinen „nie“ scheint sie kleiner und älter zu werden, sie bedeckt ihren Kopf mit den Händen, als ob sie sich gegen meinen hysterischen Ausbruch physisch wehren wollte. Ihr Körper in diesem roten Kleid beginnt vom Heulen zu schaudern. Erschüttert verstumme ich genau so plötzlich, wie meine Wut ausgebrochen hat.

Erst jetzt sehe ich vor mir eine altwerdende, unglückliche, hoffnungslose Frau. Ihr schönes blondes Haar glänzt nicht mehr, hier und da sieht man schon graue Fäden. Ihre Haut ist nicht mehr jung und frisch wie meine. Aber es geht nicht ums Aussehen. Sie ist da innen ganz alt, von endloser und sinnloser Hoffnung weggenagt, durchs Warten verhungert, es ist eine ganz alte Frau, die in diesem Körper lebt. Und sie weint und weint und weint.

Ich fühle mich jetzt wie eine Kriegsverbrecherin, schlimmer als je in meinem sinnlosen Leben. Was habe ich doch getan?

Ich falle vor ihr auf die Knien und umarme sie. Zuerst wehrt sie sich, hört aber bald auf. Wir weinen beide, zwei einsame nichtige Lebewesen auf dieser albernen Welt. Ich flüstere ihr meine Entschuldigungen und diese magische Phrase, die allein sie beruhigen kann: „Mach dir keinen Kopf, Mutter! Am nächsten Sonntag kommt er sicher!“.

***

Ich sitze in der Wohnung meiner Mutter. Auf ihrem Stuhl, vor ihrem Spiegel. Nachdenklich kämme ich mein langsam grauwerdendes Haar. Es ist Sonntag, 1995. Meine Mutter ist seit drei Monaten tot. Bald werde ich diese Wohnung verkaufen. Die Möbel ist schon fast alle weg. Einen Teil nahmen Tante Helga und Onkel Rudolf, noch etwas habe ich an Charité geschickt. Noch ein paar Sachen haben wir, ich und Thomas, zu uns nach Hause genommen.

Ich kam heute vorbei, um ihre Blumen zu gießen und Post zu checken. Den Postamt habe ich kurz nach ihrem Tod verständigt, dass sie keine Werbung mehr braucht, aber manchmal schickt man doch noch etwas.

Diesmal fand ich in ihrem Postkasten eine kurze amtliche Auskunft aus irgendeinem ostdeutsch anmutenden Archiv. Sie liegt jetzt vor mir, die Notiz, und ich traue mir nach dem Lesen nicht, es wieder zu berühren.

Es ist eine Kopie von jenen Benachrichtigungen, die man im Krieg den Verwandten der gefallenen Soldaten schickte. Am Ende liest man einen kurzen, in dieser unmöglichen Beamtensprache gefassten Satz, wir bitten Sie um Verständnis, so und so, wegen dem Kriegschaos konnten Sie nicht rechtzeitig benachrichtigt werden.

Mein Vater ist im Januar 1945 im Schlacht um Budapest gefallen. Heldentod, schreibt man. Heldentod und noch welcher Blödsinn. Januar 1945.

Komischerweise kann ich nicht weinen. Es tut mir innerlich weh, so weh. Die Tränen kommen aber nicht mehr. Ich denke an das ganze Leben meiner Mutter nach dem Ende des Krieges. Ihr ganzes Leben…

Gut, dass sie gestorben ist. Ich bin gar nicht religiös, aber es kann doch sein… es ist doch nicht ausgeschlossen, hoffen darf man immer! – dass sie endlich mal beide dorthin gekommen sind, wo sie einfach zusammen sein können, ohne auf Sonntage zu warten.

2.-3. März, 2012

Wien-Eggenburg-Wien





Displacement effect (Niveauverschiebungstheorie)

1 03 2012

Seit einiger Zeit beschäftigt mich ein gewisses Konzept, auf das ich einigermaßen zufällig und dank dem Professor Winkelbauer gekommen bin. Winkelbauer verkörpert – meiner bescheidenen Meinung nach – diesen ganz klassischen, fast archetypischen Wissenschaftler mit den Gedanken, die viel schneller laufen, als der Sprechapparat verbalisieren kann, mit seinen glänzenden Augen, mit seinen Händebewegungen, mit dem ganzen ein bisschen wilden und dadurch sehr charismatischen Aussehen. Das Scriptum für seinen Kurs war (und bleibt) so gründlich geschrieben, dass man es eigentlich als eine gute Monografie betrachten könnte. Gerade wegen dem Kurs und Scriptum dazu habe ich Glück gehabt, den Niveauverschiebungseffekt (displacement effect, Peacock, Wiseman) kennenzulernen.

Der Effekt (wie es schon aus dem Begriff selbst klar ist) wird als Folgendes beschrieben:

Displacement-Effect
Displacement-Effect der, der sprunghafte Anstieg öffentlicher Ausgaben in Zeiten sozialer oder wirtschaftlicher Krisen, ohne dass diese Ausgabenerhöhung nach Beendigung der Krise wieder zurückgeführt wird (Niveauverschiebungseffekt).

http://www.enzyklo.de/Begriff/Displacement-Effect (Zugriff 1.3.2012)

Kurz und gut wurde es bei uns aufm Beispiel der Finanzpolitik der Habsburgermonarchie erklärt. Vor allem seit Maximilian I. (Erzherzog seit 1493, Kaiser seit 1508) stiegen die Staatsausgaben permanent. Diese Steigerung wurde einerseits von endlosen Kriegen Maximilians verursacht. Während der Kriegszeiten war es nachvollziehbar, mehr einzunehmen (von der Bevölkerung als Steuer) und mehr auszugeben (und dadurch das Heer finanzieren). Jedenfalls auch in Jahren des Friedens sanken die Ausgaben und Steuern aufs ursprüngliches Niveau. Es wird vermutet, man hatte sich jedes Mal an höhere Ab- und bzw. Ausgaben gewohnt, daher hielten die Herrscher es für überflüssig, „fair“ zu spielen und alles zum Ausgangspunkt zurückzubringen. Das ist der eigentlich Niveauverschiebungseffekt.

Der Gedanke, der mich seit dem Anfang des Monats nicht verlässt besteht darin, dass diese Niveauverschiebung eigentlich ein ganz universelles Ding ist und keinesfalls auf der Finanzsphäre eingeschränkt werden kann. In folgenden Schemata verwende ich (derzeit noch) keine fixen Daten, was teilweise durch den Charakter der Beispiele, teilweise durch Mangel an Zeit und Drang zu schreiben zu erklären ist. Also, schauen wir mal.

Beispiel 1. Große Innenpolitik.

Auch bei dem Umbau der gesellschaftlichen Ordnung lässt sich eine bestimmte Verschiebungstendenz verfolgen. Wenn wir bei der Geschichte Österreichs bleiben, ein wunderbares Beispiel findet man im 18. Jahrhundert. Von den Theresianischen Reformen haben wir hoffentlich alle gehört, sowie auch davon, dass diese Reformen zentralistischer Natur waren und Vereinheitlichung, Zusammenbinden der Ländern (womöglich auch des Reiches) auf wirtschaftlicher, politischer und Sozialebenen zum Leben brachten. Unter Maria Theresie wurde viel und tiefgreifend reformiert, wobei sie immer auf ihre adeligen Gefolgsleute aus allen Teilen der Monarchie Rücksicht nehmen musste. So war zum Beispiel Ungarn von radikalen Umstrukturierungen bis in die 1780r verschont. Letze Reste der Autonomie auf allen Ebenen: jener der Stände sowie jener der gesamten Erbländern, fielen dem Reformradikalismus Josephs zu Opfer. Aus meiner Sicht war er „eh gut, weitsehend und pragmatisch“, aber all dies leider VIEL ZU für seine Zeit. Uns kann seine Politik genauso logisch und „gesund“ erscheinen, wie entsetzlich radikal es für seine Zeitgenossen war. Schon allein die Aufhebung der traditionellen Teilungen zwischen den Erbländern und das Errichten von einheitlichen Distrikten unter Führung der staatlichen Beamten sorgte für  ein gutes gesellschaftliches Schock.

Man weiß es nicht, wie weit die Reformen Josephs noch gehen würden (meiner bescheidener Schätzung nach hätte er einerseits sehr viele widerstehenden Rückgräte (figurativ und wörtlich) brechen sollen, hätte aber letzten Endes viel mehr Erfolg gehabt). Sein Bruder Leopold erbte ein von den Reformen und oben erwähntem Schock tiefst getroffenes Land. Der Hauptvektor der Politik Leopolds war Beruhigung der Massen, was ihm gut gelungen ist. Dabei hob Leopold fast alle Umgestaltungen seines Bruders auf und brachte alles zu dem Status Quo aus der früheren Zeit. Die Zeit war aber nicht jene vor dem Beginn der gesamten Zentralisierung (also, zum Zustand 1740, vor Maria Theresia, wie es am logischsten gewesen wäre), aber nur jene vor den Umgestaltungen seines Bruders (teils 1765, teils 1780). Wenn man dies als eine Graphik darstellt, wird es so ausschauen:

Als Höhepunkt dient hier natürlich die Zentralisierungs- und Reformierungspolitik Josephs II., die Niveaus vor und nach ihm stehen natürlich für Maria Theresias und Leopolds gesellschaftliche Umbaus.

Beispiel 2. Staatliche Gewalt im ganz direkten Sinne des Wortes

Das Gleiche kann man auch am Beispiel Russland (bzw. UdSSR) des 20. Jahrhunderts sehen. Schauen wir zuerst das Diagramm an:


Russland trat ins 20. Jahrhundert als ein konservatives, vom Absolutismus und Griechisch-orthodoxen Christentum geprägtes Land. Seit dem Ende des 19. Jahrhundert war der Trend der wirtschaftlichen Erneuerung spürbar, das Land entwickelte sich intensiv, wobei die Regierung nur sparsam und ungewollt wenige Reformen ließ. Im 1905 brach die erste Revolution aus, die die Regierung zum Errichten des Parlaments erzwang. Auch das Parlament wollte keinen Chaos, und die Reaktion des Staates auf Streike und Unruhen (die nichts Unübliches waren) blieb so wie früher repressiv. Die Monarchie ging mit dem Ersten Weltkrieg unter, und letzte zwei Jahren der 1910r waren von einem grauslichen, blutigen Zivilkrieg geprägt, wo nach der Schätzungen ungefähr 8 Millionen Menschen ums Leben gekommen sind. Das nach dem Etablieren des Kommunismus gefolgte Jahrzehnt war vielleicht die ruhigste Zeit des ganzen Jahrhunderts (wobei es auch hier, besonders auf der Peripherie, Hungernoten und alle möglichen gesellschaftlichen Katastrophen gab). Die 1920r waren auch ein kurzes Intermezzo vor drauf gefolgten 1930 mit dem Höhepunkt in Jahren 1937-1938. Es ist übrigens war, dass man im russischsprachigen Raum dies einfach so sagt, ohne einen besonderen Namen den Geschehnissen zu geben: 1937. Alle verstehen. Vor einigen Jahren habe ich in einer Zeitschrift gelesen, dass in der gesamten Union zwischen 1937 und 1938 täglich 30 bis 50 Menschen erschossen wurden, und das nicht von der Kriminalität.

Der Zweite Weltkrieg war für die UdSSR zweimal Tragödie: einerseits wegen dem Krieg, der Besatzung usw.; andererseits aber war auch die Regierung selber schuld. Sagen Sie es heutigen Verehrer des sehr komplizierten und stark überrepräsentierten Mythos des Krieges nicht, aber das ist wahr. Ich muss der Union vielleicht aus mehreren Gründen dankbar sein, auch wenn ich es kaum gesehen habe. Das Ding, das ich der damaligen Regierung persönlich nicht verzeihen kann: wie kann man so agieren, dass man innerhalb eines Monats nach der Intervention mehr als 1 Million Soldaten tot verliert, nicht zu erwähnen Kriegsgefangenen? Also, lassen wir es, sagen wir nur: nach dem Krieg erhoffte man, dass das „Siegervolk“ es endlich mal bewiesen hat, wie treu es ist. Lies: dass es kein neues 1937 geben wird. Ja, in diesem Ausmaß wurde die neue Welle Repressionen vielleicht nicht durchgeführt, aber auch ohne Höhepunkt 1937 war es mehr als blutig.

Chruschtschow brachte so genannte „Tauwetter-Periode“ mit, was aber nicht bedeutet, dass man sofort alle GULAG-Einrichtungen zugesperrt, den Menschen Entschädigungen bezahlt (eine gute Deutsche, aber nicht Russische Tradition) und neu zu leben begonnen hat. Nicht einmal. GULAG funktionierte noch lange, auch wenn nicht so überfüllt von politischen Gefangenen, auch wenn ohne deren Familien. Mit den Politischen ging man hier auf eine neuerfundene Weise um: man sperrte sie in den Institutionen für Menschen mit Persönlichkeitsstörungen ein. Wer wenn nicht ein seelisch Kranker wird doch etwas gegen die Sowjetunion haben? Wirklich wahr.

Ich bin mir übrigens sehr bewusst, dass man in der Union überhaupt nicht unglücklich und unwohl lebte, wie man es sich im „Westen“ vorstellt. In manchen Bereichen war es vielleicht sogar besser. Man hatte zum Beispiel keine Probleme mit AIDS, Drogen und Kinderpornographie. Eine durchschnittliche Person konnte eigentlich ganz ruhig leben, wenn diese Person kein viel zu starkes Interesse für Politik zeigte. Denn für die, die das System zu heftig kritisierten, gab es gewisse Institutionen. Daher die Kurve.

P.S. Gestern bin ich auf noch ein Beispiel gekommen, das jedenfalls noch ein bisschen Überlegen benötigt. Haben Sie vielleicht auch etwas Ähnliches schon bemerkt?





Zur Frage des männlichen/weiblichen „Gaze“ in der Geschichte

24 02 2012

Перевод (Ru)

Theorie der Medienanalyse spricht oft und nicht grundlos von einem gewissen Konzept: vom Gaze (Blick). In seinen „Notes on „the Gaze“ bezeichnet Daniel Chandler Gaze als einerseits eine Weise, auf die Zuschauer visuelle Kunst (d.h. Filme, Fotos, Bilder usw.) sehen und, andererseits, wie die in diesen Filmen, auf den Bildern und Fotos dargestellten Menschen zurückblicken. Man redet natürlich auch davon, dass es einen bestimmten „männlichen“, sowie einen „weiblichen“ Blick gibt, wobei das Letze eher eine Erfindung der Frauenemanzipation sei (Frauen haben begonnen, auch Männer als Objekte des Schauens zu betrachten, daher auch männliche Sorgen ums Aussehen und Befreiung der armen Frauen von dem jahrhundertelangen Joch der Objektivierung). In dieser Hinsicht werde ich dem Konzept des männlichen Blicks nicht widersprechen. Es wäre meinerseits recht unwissenschaftlich zu vermuten, dass Frauen auf mehreren klassischen Bildern (sh. unten) als keine Objekte des Schauens dienen. Aber die Vorstellung, dass Männer an sich nie Objekte waren, finde ich recht spekulativ.

Thanks http://hoydensandfirebrands.blogspot.com/2012/01/17th-century-beauty.html

Männliche Person, männlicher Körper, Wohlsein, Gesundheit und ästhetische Wert der Männlichkeit können keinesfalls Erfindungen des 20. Jahrhunderts und dessen gesellschaftlichen Umwältzungen sein. Im Gegenteil sind sie tiefst traditionell und archaisch. Ich traue mir zu vermuten, sie stammen aus unserer vorgeschichtlichen Evolution und können allein deswegen als keine viel zu neuen und „unnatürlichen“, „ungewöhnlichen“ Phänomene betrachtet werden.

Es ist durchaus möglich, dass das Begehren der Weiblichkeit (i.e. Früchtbarkeit) und eines weiblichen Körpers ein bisschen älter seien, da das Matriarchat als gesellschaftliches Modell einfach älter ist. Aber wenn wir von Altersunterschieden reden, ist unsere gesamte sapiens sapiens Zivilisation im Vergleich mit der Evolution der Menschheit so jung (nicht zu erwähnen die so genannte moderne, d.h. post-industrielle Gesellschaft, die überhaupt ca. 150 Jahre alt ist), dass es unsererseits schon recht kleinlich wäre, übers prinzipielle Dominieren des Kultus`der Weiblichkeit über den der Männlichkeit auf dem frühen Evolutionsniveau zu sprechen. Sagen wir mal, die Wandlung vom Matriarchat zum Patriarchat ist zu früh vorgekommen, um uns die Polemik über Genderrepräsentation auf diesem Entwicklungsstadium zuzulassen.

Wo man wie wir es schon oben erwähnt haben weibliche Früchtbarkeit, die Mütterlichkeit begehrte, gab es auch Platz der Verehrung der klassisch männlichen Funktionen und Eigenschaften: man sprach vom einem Mann als Jäger, Kämpfer gegen die feindliche Natur, Sieger über deren Kräfte.

Es war einmal modisch, die Ursprünge der europäischen Zivilisation in der antiken Welt zu finden (ich sage nicht „nach denen zu suchen“, weil sie normalerweise ge- oder erfunden waren). Laut dieser tröstenden, aber bestrittenen Theorie stammte die europäische Einzigartigkeit gerade aus der klassischen, griechisch-römischen Exklusivität. Wie wir es heutzutage wissen, stand die Begehrung des menschlichen (männlichen sowie weiblichen) Körpers im Mittelpunkt der klassischen Kultur. Da auch die Homosexualität den Griechen und Römern nicht fremd blieb, war Männlichkeit genauso wie Weiblichkeit engst mit sexuellem Vergnügen verbunden. Männlicher Körper wurde auch als (passives) Objekt des libidösen Blicks  betrachtet. Das allein beweist schon, dass so genannte Objektivierung der Männer durch weiblichen oder homosexuellen Blick keine Erfindung des modernen Liberalismus ist.

Die die Abstammung der europäischen Zivilisation von ihren klassischen Vorfahren umstreitenden Wissenschaftler plädieren dafür, dass es nach den Spuren des Europäismus so wie wir ihn heute kennen erst im Mittelalter zu suchen ist. Aus dem Mittelalter entwickelten sich unsere späteren gesellschaftlichen, ökonomischen sowie politischen Institutionen. Im Mittelalter (zumindest ab 13. Jahrhundert) war die Sexualität (nicht zu sprechen von gleichgeschlechtlicher Liebe) marginalisiert und strengt tabuiert. Das Begehren der Männlichkeit aber nicht.

Man traute sich natürlich nicht mehr, nackte Männer anzustarren: die Kirche sorgte für viel zu empfindliche Strafen für solche Wonne. Stattdessen entwickelt sich aber eine neue Verehrungstradition, die meiner Meinung nach erst im 19. Jahrhundert ihren Hohepunkt erreicht. Nun verewigen endlose Barden, Troubadours, Minesänger für ausschließlich „männlich“ gehaltene Tugenden: Mut, Stärke, Großzügigkeit usw. ad infinitum. Alle bedeutenden mittelalterlichen Helden verfügten unbedingt über zwei Eigenschaften: sie sollten adeliger Herkunft und (prinzipiell wichtig!) attraktiv sein.

Apropos, wenn man mittelalterliche Sagen und Lieder liest, kommt man auf die Idee, dass diese Superhelden ihrer Epochen nicht nur einander grauslichst umbringen dürften, es war aber auch fast vorausgesetzt, dass sie ab und zu sentimentale Gefühle äußerten. Man machte aus jedem Handtuch jeder schönen Dame eine kleine Tragödie und aus jedem Heldentod richtige Passion Christi. Apotheose dieser männlichen Empfindlichkeit findet man (nicht-)überraschenderweise bei Franzosen: im Rolandslied weint jeder und beim jedem Anlass, es gelingt sogar dem guten alten Karl den Großen, zwei oder dreimal ohnmächtig zu werden.

Mein Leser kann jetzt erwidern, dass es alles nur Wörter sein, die keinen Blick im engen Sinne des Wortes zulassen. Stimmt schon. Man darf aber nicht vergessen,  wie prägend jede Art Kunst auf die alltägliche Kultur wirkt. Die Eigenschaften, die die Kunst als positive bezeichnet, werden unvermeidlich zum wichtigen Punkt der Bestrebungen im Prozess der menschlichen Sozialisierung. Kurz und gut: was gelesen wurde, wurde von mehreren Lesern automatisch als guter Ton ins wirkliche Leben übernommen.

Auch auf den wenigen mittelalterlichen Bildern (klerikalen sowie weltlichen) waren es vor allem Männer, die angeschaut wurden, d.h. Objekte vom Gaze waren. Man könnte schon vermuten, mittelalterliche Männer standen unter permanent höherem Druck der Notwendigkeit, gewissen Vorstellungen über Männlichkeit zu entsprechen (was heutzutage von bösen Feministinnen im Zusammenhang mit Versklavung und Objektivierung der Frauen den Männern vorgeworfen wird). Männlicher Gaze des Mittelalters funktionierte als kodifiziertes Regelungssystem: wenn du das und jenes nicht bist, bist du kein echter Mann.

Auch Renaissance hatte Männlichkeit gerne, diesmal auch mit dem männlichen Körper. Es wurde wieder erlaubt, nicht nur von geistigen Tugenden, aber auch von der reinen Attraktivität, von der körperlichen Vollkommenheit eines Mannes, eines Siegers, eines Kämpfers, eines Kranzes der Schöpfung entzückt zu sein. Es gab David von Michelangelo, es gab den virtuvianischen Mensch von Da Vinci. Die Beide entsprechen den heutigen kulturwissenschaftlichen Ideen über die Darstellung vor allem einer weiblichen Figur mit ihrer statischen Passivität, Offenheit dem fremden Blick (sh. unten).

Vielleicht erst in Reinaissance tritt zum ersten Mal ein neuer Mannestyp auf Licht, nämlich jener aktiver, manchmal fast aggressiv wirkender, dynamischer, den Zuschauer direkt und schamlos zurückblickender Typ, den heute zu einer festen und schon stereotypischen Assoziation mit Männern geworden ist.

Während die Männlichkeit im Bereich Gaze schon bereits in Renaissance einen neuen Entwicklungsvektor entwickelt, bleibt die Darstellung der Weiblichkeit bis ins 20. Jahrhundert fast unverändert, d.h. passiv objektiviert. Es lässt sich also feststellen, dass es erst in 13.-15. Jahrhunderten zum Bruch zwischen einander parallel gehenden Darstellungstraditionen (jene eines Mannes und jene einer Frau) gekommen ist. Nach den Ursprüngen der Stagnation mit Weiblichkeit könnte man theoretisch im mittelalterlichen, von der Kirche erarbeiteten Konzept der weiblichen Sündhaftigkeit suchen. Ich erlaube mir aber dieses Thema nicht tiefer einzugehen: für Genderstreitigkeiten gibt es moderne Feministinnen, zu denen ich mich prinzipiell nicht zähle.

Zum Schluss will ich jetzt nur folgende Fragen fürs weitere Nachdenken stellen:

– Wie betrachtet man mit Rücksicht auf die Gaze-Theorie die europäische Barock, die von der Repräsentation nach außen besessen war?

– In welcher Verbindung stehen die Abneigung der Wichtigkeit des männlichen Aussehens mit Biedermeier, Industrialisierung Europas und viktorianischem England?

Der Suche nach den Antworten auf diese Fragen werde ich meinen Kopf in kommenden Wochen widmen. Ich freue mich auch auf mögliche Kommentare zu diesen kaum lesbaren, aber hoffentlich interessanten Überlegungen.

23. Februar 2012,

Wien-Eggenburg-Wien