Zur Arbeit laufend

28 09 2017

Die größte Mehrheit meiner Tuscheskizzen aus den Jahren 2012-14 (sind im Blogarchiv noch zu finden) entstand auf immer dieselbe Weise: in der psychosozialen Branche tätig lief ich von einer Betreuungsstunde zu der Nächsten, kam etwas früher an (Pünktlichkeit als Zwang…) und verbrachte die letzten Minuten vorm Dienstantritt irgendein Blättchen auf einem Baum, irgendein Haus oder etwas, was mir zu der zu betreuenden Person einfiel skizzierend. Unterm Tag „Arbeitsskizze“ werde ich nun einige dieser Bilder – sofern nicht schweigepflichtig, klar – bloggen.

Hier etwa: eine Laterne und Äste bei der Ausgangsrampe der U6 Thaliastraße

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Vaclav Nijinsky

25 09 2017

Bevor es die glanzvollen Größen – Baryshnikov und Nureyev – gab, schwärmte das Publikum von noch einem anderem Untertan des Russischen Reichs (denn wir, angeblich gebildetes Völkchen, wissen ja, dass Baryshnikov ein Russe aus Lettland und Nureyev ein „ethnischer“ Tatare ist, was auch immer diese ethnische Zugehörigkeit auszudrücken mag). Vaclav Nijinsky sorgte für Sensation in Paris und verhalf dem russischen Ballett noch vor der Revolution 1917 in die erste Reihe der Weltkultur.

Eine kurze Skizze dieser Gestalt. Modris Eksteins verweist in seinen wunderschön geschriebenen „Rites of Spring“ auf ein Interview, bei dem Nijinsky gefragt wurde, wie es ihm gelinge, solch einen Eindruck beim Tanzen zu vermitteln, als bleibe er in der Luft schweben. Nijinsky dürfte die Frage läppisch beantwortet haben, es sei einfach: man springe halt und bleibe kurz einmal in der Luft hängen.

Die kargen Überbleibsel der Videos von Nijinsky im Tanz vermitteln trotz der Kürze durchaus interessante Eindrücke. Aus denen ist auch die folgende Skizze entstanden:

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Gesichter

21 09 2017

Und sie gingen… Rannten mir durch die Finger.
All die Gesichter, all die Momente,

Bauklötzchen aus dem früheren Leben,

Aus dem Leben, das der Jugend gebührt,

dem reifenden Herz vorbehalten.

 

Sie gingen, chacun à son gout.

Eine – leise,

mäuschenstill,

So dass erst ihr Abgang

betäubend laut schrie,

So dass die Gläser im Schrank zersprangen! –

Wie sinnlos! wie früh! wie unfair!

 

Auch die Andere schwieg eine Weile,

– bis das Rettungsboot vorbei war,

und dann

brach die Panik aus.

Sie merkte: sie hatte jemanden,

sie wollte doch noch nicht gehen.

Wie ein Ertränkender das Wasser schlägt:

– Hilfe! Hilfe! Ich bin hier! Kommt zurück! Hi… –

Und keinen Halt mehr findet…

 

Auch sie gingen: er und er und sie,

Natürliches Ableben, sagt man,

Kreis des Lebens…

Doch das war ja mein Herz in diesem Kreise!

Jeder hatte seinen Gang, seinen Stil, sein Ende…

 

Das langsame Abblühen eines launischen Greises,

Der ständig nach Hilfe rief

und sie niemals annahm,

er drohte und raunzte und witzelte dich bis zum Weinen –

Als er ging, wuchs aus dieser Hülle

Wieder der Held meiner vaterlosen Kindheit…

 

Sie ging erhobenen Hauptes,

Stolz und bescheiden zugleich.

Stark und so warm und wärmend…

Ein Leuchtturm, Symbol der Hoffnung

Bis zum letzten Atemzug –

Wie gerne hielte ich ihre Hand!

 

Viele Gesichter waren zu tragen mir auferlegt,

Die Lebenswege Anderer flechten sich ein in den Meinen.

Die Finger frieren. Wie früh sie gingen!

Und ich muss immer weiter fort…





It aches

18 09 2017

It aches. Day after day and moment after moment.

This pulsing, bleeding piece of emptiness inside.

Concealed, it crawls into my bed at night

To gnaw, to tear – and go on hide next morning.

 

I fill it up with tons of songs and actions,

And wear my perfect face, so wise and strong.

I joke my heart out, as if nothing w´re wrong

And die with smile and dream of resurrection.

2016





Dein Wein ist – oh! – so schwer…

14 09 2017

Dein Wein ist – oh! – so schwer, mein liebes Leben! –

Er schlägt ohne Erbarmung in den Kopf.

Man trinkt ihn, würzigen, so gern, und hofft,

Das Fest wird dauern, und das Meer ist hoch,

Mag sein, am Tag danach kommt keine Ebbe…

 

Sie kommt… Sie rauscht und lässt dich hilflos liegen,

Brust aufgemacht, Herz rast, entblößt, verletzt,

Von biederer Normalität zutiefst entsetzt,

Verständnis suchend bis zum letzten Allerletzt –

Es glaubte gestern Nacht es könne fliegen.

 

Und morgen wieder, Kopf erhoben, Wunden frisch geleckt,

Man will noch mehr von deinen bunten Früchten:

Bewegungen, Texturen, Seufzer und Gerüchte,

Dein Wein ist – ah! – so schwer, und er macht süchtig,

Er schläfert ein und doch zugleich erweckt.





In motion

11 09 2017

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Geburt einer Muse

6 09 2017

Zeichnen ist in vielerlei Hinsicht wundervoll. Es beruhigt enorm, hilft, Emotionen und Erlebnisse zu sortieren und anstatt unruhiger Schlaflosigkeit in etwas Kreatives umzuleiten. Zeichnen beinhaltet auch eine ganz andere Art Sehen: erst beim Skizzieren kommt man auf viele kleine Feinheiten des Modells, sei es ein Mensch oder ein Ast mit welkendem Laub. Ein Mensch mit starker Kurzsichtigkeit, wie es bei mir der Fall ist, orientiert sich eher nicht zu sehr nach visuellen Eindrücken, und da verhilft das Zeichnen zu dem bewussten Umschalten: „jetzt wird aber ordentlich hingeschaut!“ – einige wunderbare Entdeckungen, die man sonst für selbstverständlich hielte. Auch finde ich den Prozess der Entstehung eines Bildes faszinierend.

Vor Jahren las ich mal eine Aussage, die Michelangelo zugeschrieben wird: „Ich sah einen Engel im Marmor und ich schnitzte, bis ich ihn befreit hatte“. Gewagt? Provokativ? – Michelangelo darf es. Vor allem in letzter Zeit aber, wo ich zunehmend mit Porträts und Menschenkörpern experimentiere, fällt mir ein, wie sehr er Recht hatte. Das gewissenhafte, auch notwendigerweise lange Zeichnen, die besessene Ausarbeitung kleiner Unvollkommenheiten, die einen Mensch zum Mensch machen, hat etwas von diesem „Befreien“ in sich – in meinem Fall aus einem flachen dünnen zweidimensionalen Medium. Ich weiß nicht, ob Menschen, die Zeichnen und Malen mal professionell gelernt haben, dieses Gefühl haben oder eher lachen würden, meine Schwärmerei hier lesend. Mag sein, es ist für sie eine fade Selbstverständlichkeit, was für mich Poesie und Entdeckung ist.

Was ich euch heute jedoch zeigen möchte, gehört ebenso zu den schönen Aspekten des Zeichnens. Während man mit pygmallion´scher Begeisterung Hauttexturen und Lichtspiel in den Haaren aus dem Papier befreit, macht man – mache ich – Fotoaufnahmen von unterschiedlichen Stadien der Bildentstehung: der Blick auf ein Foto verleiht Distanz und lässt Fehler zum Korrigieren merken, die einem im kreativen Rausch unterlaufen. Heute zeige ich euch diese technischen Fotoaufnahmen zur  Entstehung einer „Muse“ (aus einem Stock-Foto):

Foto 1. „Wenn das Gesicht nicht geht, dann tue ich gar nicht weiter…“

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Foto 2. „Es geht los mit den Haaren…“

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Foto 3.

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Foto 4. Zwischenstopp. Die Aufmerksamkeit sinkt, also ausatmen und später weitermachen. WhatsApp Image 2017-08-17 at 20.26.38

Foto 5. „Irgendetwas stimmt nicht mit der linken Hand…“WhatsApp Image 2017-08-20 at 19.48.52

Foto 6. Endfassung

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