Ein Mann kommt nach Hause…

28 03 2013

Ob es mir scheint oder nicht, aber traurige Geschichten über betrogene Liebe gibt es überwiegend über Frauen, oder? Auch hier im Archiv gibt es eine entsprechende Geschichte (Englischsprachig). Generell aber habe ich wenig Lust, durch die einseitige Darstellung des Problems zum weiblichen Opfer-Syndrom beizutragen. Letztendlich bin ich von männlicher Natur und Männlichkeit per se aufrichtig fasziniert – es kann sein, dass ich sie nie weder voll begreifen, noch artgerecht darstellen kann – aber es ist des Versuches wert. Hier ist also eine Alltagsgeschichte… 

Freundlich klickte der Schlüssel im Schloss, Walther Mayer zog die Kopfhörer aus den Ohren und tritt in die dunkle Wohnung hinein.

– Helga? Ich bin´s!

Alles still. Die Frau war sicherlich nicht da. Schade, sein etwas zu früher Rückkehr war vor allem als eine angenehme Überraschung für sie gemeint, da sie sich bei seinen zwar nicht so häufigen, aber in letzter Zeit doch regelmäßigen Vorträgen im Ausland immer beklagte, sie vertrage es nicht, allein in der Wohnung zu sein. Nun gut.

Er warf den Schlüsselbund auf den Kasten neben der Tür, stellte den Koffer weg, zog die Schuhe aus, schaltete den Anrufbeantworter an und ließ sich ausatmen. Nun gut, wenn Helga sowieso nicht da ist, hatte er etwas Zeit zum Runterkommen nach einem unruhigen Flug. Das ganze Zentraleuropa verschwand seit mehr als einer Woche unter dem endlosen Schneesturm, schon beim Wegfliegen war es bis zum letzten Moment nicht klar, ob man überhaupt Flugerlaubnis kriegt und dann wo geplant landet. Auch jetzt, beim Rückflug gab es nichts Neues, außer dass man schon in Wien zweimal durchstarten musste, bevor es dem Piloten gelang, die Maschine zu landen. Eine Zigarre wäre jetzt eigentlich gar nicht schlecht…

„…Also, wir sehen uns sowieso im Institut, aber ruf mich vielleicht an, wenn du da bist, oder?“ – ein langer Ton, danach eine weibliche Stimme: „Um die Nachrichten zu löschen..“. Wie erwartet, nichts neues: ein Anruf von der Institutssekretärin, ein von Martin, ein von Anton. Alles wie immer. Na ja, keine Anrufe von Erich, der ist aber seit sechs Monaten in den USA, kein Wunder, dass er nicht checkt, ob Walther schon zuhause angekommen ist oder nicht.

Mayer holte sich eine Zigarre, zündete sie an und setzte sich an seinen Schreibtisch direkt gegenüber dem Schreibtisch von Helga. Ihre Bücher, auf dem Umschlag des Oben-liegenden stand es „Frauen im Leben von Sigmund Freud“. Was schreibt man alles! Wahnsinn. Sein Blick glitt entspannt auf den Papieren und Büchern auf seinem eigenen Tisch: einige nicht geöffnete Couverts, eine noch verpackte Ausgabe „Zeit“, ein ärztlicher Befund, ein paar Rechnungen, eine Stapel studentische Seminararbeiten „zur Pflichtlektüre“ – er hat sie beim Wegfliegen eben hier vergessen, das hieß, ein paar bevorstehende Abende könnte man aus dem Kalender wegstreichen. Was für ein Befund übrigens?

„Frau Helga Maria Mayer, geboren 13.3. 1954… Schwangerschaft positiv… 13 Wochen… Unauffällige Darstellung v. Fötus…“

Wie? Was? Eine deutliche Pause im Herzrhythmus. Hat sie sich doch anders überlegt? Wann? Wie? Endlich mal… Gott… Mensch! Ist das wirklich wahr?

Ist es im Zimmer so heiß geworden oder ist es bloß dass er fiebrig geworden ist? Oh Gott… Helga, du süße… Ein Kind zu haben…

Mayer zwang sich doch tief ein- und langsam auszuatmen. Dann griff er an das Papier noch fester und las genauer, was da stand. Das Zimmer walzte um ihn herum, irgendeine komische Art kicherndes Lachen kitzelte die Kehle. Er wird Vater sein. Mensch, so was gibt es nicht… Es war so ein Gefühl, als ob er wieder 16 wäre und zum ersten Mal jemanden geküsst hätte. Oder als ob es ihm heimlich mitgeteilt wäre, er kriege nun einen weiteren Doktortitel. Einfach so, für Fleiß, Mühe und Geduld, so zu sagen… Ein Kind zu haben…

Dreizehn Wochen… Automatisch dachte er an die Zeit vor drei Monaten zurück. Es war gerade als er bei Erich in den USA war – offiziell auf einer mehrtägigen Konferenz, aber nicht zuletzt um den alten Freund kurz nach dessen Übersiedlung auf die andere Seite der Welt zu besuchen und zu unterstützen. Eigentlich war es ursprünglich geplant, dass auch Martin und Anton mit ihm nach New York fliegen würden, der Erste flog dann aber schon nach zwei Tagen wieder nach Hause, da seine Mutter einen Herzanschlag erlitt. Der Zweite konnte überhaupt nicht weg aus Wien und rief daher ständig an… Walther selbst blieb gute drei Wochen dort, Helga hatte anscheinend nichts dagegen, sie meinte, sie habe gerade so viel in der Arbeit zu tun gehabt….

Warte mal… Er war doch drei Wochen lang weg… Nein… Was für Blödsinn fällt einem ein! Aber er war doch wirklich drei Wochen lang weg… Es können also keine 13 Wochen sein, es ist wahrscheinlich ein ärztlicher Fehler. Ob Helga das auch bemerkt hat? Musste sie wohl! Es können ja sicherlich keine 13 Wochen sein, außer dass es natürlich… Nein, was für Wahnsinn… Oder?

Das weiße winterliche Zwielicht hinter dem Fenster verwandelte sich langsam in blaue Abenddämmerung. Die Zigarre brannte unberührt im Aschenbecher auf. Als die Wohnungstür aufkam, berührte sich der am Schreibtisch sitzende Mann nicht. Ganz in unruhige Gedanken vertieft, reagierte er nicht, als die weibliche Stimme seinen Namen rief. Erst als Helga an ihm zu ihrem Tisch vorbeiging, sich ihm gegenüber hingesetzt hat und eine schmale, nach Kirschen riechende Zigarette angezündet hat, zuckte Walther gewaltig zusammen und schien aufgewacht.

– Du hast offensichtlich den Befund schon gefunden. – Sagte seine Ehefrau, es war eher eine Aussage, als eine Frage.

Mayer blieb still und nickte schwach. Ihm fielen keine Worte ein.

– Na ja, das war eine Überraschung, muss ich dir ehrlich zugeben. – Grinste Helga und atmete den Rauch ein. – Ich glaube, wir müssen unsren Thermentermin in Oberlaa absagen oder du fährst allein hin, während ich zum Arzt gehe. Ich schließe mich dir dann später ein, m?

– Wie meinst du das? – Fragte er leise.

– Na ja, ich werde doch das Kind sicher nicht behalten, oder? Du weißt es doch selber, ich bin kein Mütterchentyp.

– Du willst abtreiben?

– Natürlich. Besonders jetzt, wo ich vermute, die Professur wäre ja gar nicht so weit entfernt, wie es mir vorher schien. Ein Kind würde mir nun den gesamten Spaß verderben.

So ein grotesker Abend! Ob er nicht träumt? Ob er bei seinem freudlosen Nachdenken nicht lediglich eingeschlafen sei und nun von all diesem Unsinn bloß träume? Dass Helga, die Helga, die er, sowie auch Anton, Martin und Erich, seit der Volksschule kennt, die Helga, seine erste, damals noch ganz unschuldige Verliebtheit, später von seinen Eltern einstimmig gefeierte „allerbeste Wahl“ von ihm, seine Verlobte und Ehefrau schon zu den wilden studentischen Zeiten, seine Partnerin im langen und mühsamen Sozialaufstieg, ob das alles wohl diese vor ihm sitzende Frau war? Es kam ihm vor, als ob er zwar all ihre Gesichtszüge auswendig kannte, all ihre Bewegungen und Intonationen, aber die Person selbst erschien ihm nun zum ersten Mal total unbekannt. War das alles im Ernst gemeint?

– Es ist doch ein Witz, oder? – Walthers Gesicht entspannte sich in einem nervösen Lächeln. – Gut gespielt, ich hab es schon wirklich geglaubt, weißt…

Sie blickte ihn verständnislos an.

– Aber das Ding mit dem Zeugendatum ist trotzdem etwas zu grauslich. Du weißt doch, ich war bei Erich. Ich glaube, ich brauche ein bisschen Wein, willst du auch?

Er stand auf und ging zur Tür.

– Walther, meinst du, ich scherze? – In ihrer Stimme konnte man sogar etwas Empörung heraushören.

– Sicher.

– Sei doch nicht so blöd, wer scherzt mit so was?

Er blieb stehen.

– Aber der Befund… Und das Datum…

Sie durchbohrte ihn mit einem schweren, aber todernsten Blick. Wie ihm Traum kam er wieder zu seinem Tisch, der ganze Körper fühlte sich leblos und mechanisch an, als ob er eine große Puppe wäre, in den jemand kleiner trotz aller Vorstellungen von form- und größenmäßigen Raumnutzung hineingesteckt wäre.

– Wer ist dann der Vater des Kindes? – fragte er schwach.

– Berger. – Sagte sie einfach.

Walther sank langsam in seinen Sessel zurück. Anton. Anton? Anton und Helga? Der war doch gerade nicht in den USA…

Nein, das kann wohl nicht stimmen! Sie sind ja alle gemeinsam aufgewachsen, Anton, Martin, Erich und er. Mayer konnte sich doch noch an die Zeit erinnern, wo Anton (und die anderen Drei auch) seine Milchzähne unter den Kissen versteckte und auf die Zahnfee wartete. Er habe doch mit Anton alles geteilt, von den ersten erotischen Fantasien bis zu großen Problemen der modernen Sprachwissenschaft. Und auch seine Frau?

Anton war der einzige von den Vier, wer nie heiratete. Er lernte Frauen leicht kennen und verabschiedete sich von ihnen genauso leicht. Der letzte Mohikaner, wie Erich ihn nannte (Erich war der vorletzte, bevor ihn seine amerikanische Freundin wegschnappte). „Man lebt das Leben am besten unkompliziert, und ich ziehe vor, unkomplizierte Verbindungen zu haben“ – heißt das nun etwa, dass auch Helga zu diesen „unkomplizierten Verbindungen“ gehörte? Aber wie ist es möglich? Das kann ja gar nicht wahr sein…

– Du schaust doch so aus, als ob es so monströs wäre. – Helga zuckte die Achseln und zündete eine neue Zigarette an. – Was ändert das überhaupt?

– Wie… – Ein starkes Husten wegen dem allzu trockenen Hals. – Wie meinst du das: was ändert das?

Sie zuckte wieder die Achseln.

– Du meinst, du schläfst mit meinem besten Freund und wirst von ihm schwanger und das ändert nichts?

– Ach, Walther, um Himmels Willen! Das klingt ja alles so dramatisch, wenn du es so sagst! – Sie verzog ihr Gesicht in einem Ausdruck der gereizten Enttäuschung. – Wir sind doch in keinem Frauenroman und wir sind keine Kinder mehr. Was ändert das, wer mit wem schläft, solange wir in einer Mannschaft spielen? – er leistete keine Reaktion. – Wieso schweigst du? Schau doch nicht so blöd an, du siehst wie ein Hund aus, den man im Regen vor der Haustür verlassen hat. Wir sind erwachsene, gesunde und – ich bitte dich! – ordentlich gebildete Menschen! Was machen dir diese altmodischen Vorurteile aus? Schau, du bist mein Ehemann, das heißt, du bist mehr als jeder blöder Liebhaber, den ich je haben könnte. Du bist ja mein Verbündeter. Schau, wie wunderbar wir es zusammen schaffen. Ich glaube, meine Professur wird gerade zu unsrem Jahrestag ein wunderbarer Geschenk sein, m? Und das versteht sich ja, dass ich dieses Kind nicht behalten kann, ich wollte es nie, wieso soll ich jetzt meine Entscheidung ändern? Und du, glaubst du wirklich, dass du mit deiner männlichen Träumerei von einer Nachfolge neun Monate lang mein schwangeres Herumjammern aushältst? Und Übelkeit, und komische Esswünsche und was sonst? Und unsre Wohnung sollte man neu gestalten, das heißt die Bibliothek gehört wahrscheinlich raus, m? Nein, geh, das tue ich nicht! Auf so was lasse ich mich sicher nicht ein! – Er schwieg noch. – Du wolltest etwas Wein, oder? Soll ich uns den 1990-r Chardonnay schenken? Ich freue mich so sehr, dass du endlich mal wieder zuhause bist.

Sie ging leicht aus dem Zimmer heraus und er konnte bald hören, wie eine Flasche Wein entkorkt wurde und wie zwei Weingläser an einander klirrten. Ihm wurde leicht übel. Die Fieber war wieder zurück. Als er aufstand und im Badezimmer sein Gesicht wusch, fiel es ihm ein, wie alt und krank sein Gesicht im Spiegel aussah.

Dieses Jahr in April werden es 22 Jahre sein seitdem er Helga heiratete. Am 3 April. Es war ein regnerischer Tag und Helga beklagte sich, dass das Wetter ihre Frisur zerstört hat, eigentlich das Einzige, was an ihr dem Anlass entsprechend war. Sie trug ihre dunkelrote Schlaghose und ein buntes gelb-grün-orangenes Halstuch zu ihrer weißen Bluse. Er hatte seine grüne „Akademikerhose“ aus Kordsamt an und dazu ein schwarzes Hemd mit einer weißen Flitze – Helga hat gemeint, oben sah er wie ein Priester, unten wie ein Popper aus. Er konnte sich nicht satt sehen, sie wirkte so lebendig und glücklich und unglaublich frei in ihrer mädchenhaften Schönheit.

Was blieb nun von all Diesem übrig? Eine Frau, die ihre Kirschenzigaretten rauchte und kaltblütig davon sprach, dass sie von seinem besten Freund schwanger war – daran aber kein Problem fand und sich schon auf den bald kommenden Jahrestag freute. Ein Mann, der vor dem Badezimmerspiegel stand, mit der Übelkeit kämpfte und keine Ahnung hatte, wie er sein noch vor einer Stunde so gemütliches und beneidenswertes Leben weiter treiben sollte. Sollte er nun gehen? Oder anders gefragt: konnte er nun bleiben?

Irgendeine Kraft drang ihn zurück ins Arbeitszimmer, wo Helga gerade die Gläser vom Tablett auf seinen Tisch stellte.

– Sag mal bitte, und wie lange… – Walther suchte nach einem passenden Wort. – Wie lange dauert´s schon zwischen dir und Anton?

Helga blieb kurz bewegungslos, nachdenkend, bevor sie antwortete:

– Wann warst du damals in Prag?

– 1992.

– Na ja, also 3 Jahre wohl. Ich weiß es nimmer, wie es dazu kam, es war wahrscheinlich ein reiner Zufall, weißt. Aber so ist das Leben. – Und sie bot ihm das Glas.

Drei Jahre lang schläft sein bester Freund mit seiner Ehefrau. Und niemand von den Beiden hält es für wichtig, – solange sie beide das offensichtlich für normal halten – ihn, Mayer, zu informieren. Drei Jahre lang war er so blind, dass er nichts bemerkt hat. Hat er nicht gut geschaut? Ob es Zeichen gegeben hat, die er – bewusst oder unbewusst ignoriert hat? Ob er nicht gut genug, nicht aufmerksam genug war? Ob er für Helga nicht ausreichend präsent war? Aber sie wollte nicht mehr als was es gab, sie meinte, er werde mit der Zeit zu süßlich und romantisch, sie meinte, er wirke fast aufdringlich mit seinen Anrufen und Zärtlichkeiten. Was hat er falsch gemacht? Warum? Warum?

– Walther? Bist du immer noch da? – Sie winkte vor seinem Gesicht und lachte dabei etwas nervös und vielleicht ein bisschen zu künstlich.

– Ja. – Antwortete er langsam. Plötzlich war die Entscheidung da. – Aber verzeih mir, nicht für lange.

Das Lächeln blieb für einige Sekunden auf ihrem Gesicht hängen und verschwand dann langsam. Mayer war schon im Vorzimmer und zog wieder den Mantel an. Helga lief aus dem Arbeitszimmer und blieb stehen, sie wirkte nun verstört.

– Walther, was machst du? Wohin willst du nun? Was ist los?

– Ich muss weg. – Er blickte sie kurz an und fügte höflich hinzu: – Entschuldige mich, ich bin anscheinend nicht wirklich gut an dem Zusammensein für Fortgeschrittene.

– Bleib doch… Walther! Sei doch nicht kindisch, wir können das alles besprechen! Wir sind doch beide vernünftige Menschen. Und das Kind treibe ich sowieso ab, das weißt du schon…

– Treibst du auch Anton ab? Wir sind doch gar nicht zu zweit, aber zumindest zu dritt, nicht?

– Aber wohin gehst du jetzt? Es ist schon dunkel und du bist nach dem Flug müde. – Sie trat zu ihm und streichelte leicht seine Haare, wie sie es schon tausendmal gemacht hat. Diese Geste voll süße Wärme. Seine Frau. Mayer zuckte zusammen und drehte sich zur Tür.

– Mach dir keine Sorgen, Helga, alles wird gut. Er griff an den Koffer und schritt aus der Wohnung, machte die Tür leise zu und ging schnell die Treppe herunter. Mit jedem Schritt etwas schneller, dann schon laufend. Auf der Straße fiel ihm ein, der Schlüsselbund sei oben geblieben. Es war ihm egal. Walther fand ein Taxi – ein freundlicher Türke half ihm, den Koffer in den Kofferraum zu stecken, als ob es so schwer wäre… Aber vielleicht wirkte er gar nicht gut… Zitternd am ganzen Körper setzte sich Walther ins Auto und gab nach kurzem Nachdenken die Adresse von Martin an. Ein blitzender Gedanke, ein Zweifel, ob er nun Martin vertrauen konnte, ob auch dieser mit Helga… Aber nein, das wäre schon etwas zu viel. Während der Fahrt starrte er blind die Stadt an. Es gab keine Gedanken, nicht einmal Schmerz, es fühlte sich so an, als ob man bei ihm da innen im Brustkorb das Licht ausgeschaltet hätte. Oder ist es ein Stromausfall? Das wusste Mayer nicht. Nichts mehr war klar. Er war allein, sich selbst unbekannt und von einer fremden Welt umgeben. Wie in einem blöden Witz…

– Haben Sie schon diesen Witz gehört? – Tratschte der Taxifahrer. – Ein Mann kommt nach Hause und findet seine Frau im Bett…

Das ganze Leben ist ein Witz, nicht? Ein Mann kommt nach Hause…

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Ein Sketch aus Rom

7 03 2013

Ob ich das Bild schon gezeigt habe? Kann wohl sein.

Bis Rom habe ich die Natur: Bäume, Pflanzen, Himmel usw. so gut wie fast nie gezeichnet (außer im Kunstunterricht in der Schule, aber Zwangskunst ist keine Kunst). Merkwürdig, dass mich dann urplötzlich italienische Bäume begeistert haben. Ich glaube, ich gehöre psychoanalysiert 🙂

Jedenfalls hier ist ein meiner Meinung nach wie immer sehr unvollkommener, jedoch tapferer Versuch von carpe diem:

 

Villa Borghese





Dresscode in Vatikan

5 03 2013

Ich konnte es nicht helfen, hier ist ein Sketch zur gestrigen Meldung auf orf.at: http://orf.at/stories/2169883/2169884/

Für die, die es nicht mögen, hin und her zu klicken, es geht darum, das ein Typ sich als Bischof verkleidet hat – bald erwischt wurde (die Länge des Gewands passte nicht und sonst was) und von der Schweizer Garde „rausgeworfen“ (orf ist bezüglich solcher Phrasen nicht weniger sensationsgierig, als Heute oder Österreich). Nun ja, ein Sketch.

Dresscode in Vatikan





Papst oder nicht Papst, das ist hier die Frage

2 03 2013

Ah, spannend, spannend, wieso interessiert es mich diesmal so sehr, wer das neue Kirchenoberhaupt wird? Ich bin doch nicht einmal katholisch!

Zeitlich betrachtet habe ich bis jetzt zweimal miterlebt, wie ein Teil des Christentums einen neuen Vorsteher wählt (wenn man das Wort „Wahl“ hier wirklich verwenden darf, aber darüber diskutieren wir heute lieber nicht). 2005 starb Johannes Paul, die Folgenummer scheint mir aufgrund der dramatischen Kürze des Pontifikats Albino Lucianis fast überflüssig). Er mag wohl ein Katholik gewesen sein, d.h. formell betrachtet ein Oberhaupt einer anderen christlichen Konfession, aber man darf es natürlich nicht verleugnen, Herr Wojtyła war eine außerordentliche Persönlichkeit in der Geschichte der Kirche. Er war sogar in Kasachstan. Ja, ja, stellen Sie sich vor. In einem Land, dessen Bevölkerung formell zu 70% muslimisch und zu etwas 26% christlich (überwiegend russisch orthodox) ist. Es war doch kein Problem für den Papst. 2005 hat man Herrn Ratzinger gewählt.

Die Entscheidung, ihn nun als Papst emeritus zu bezeichnen, finde ich übrigens ziemlich unfair. Es entspricht dem europäischen Rationalismus nicht. So eine Entscheidung könnte ich wohl von den Orthodoxen erwarten, von den Menschen, die es größtenteils ruhig, wenn nicht gleichgültig verschluckt haben, dass der Herr Putin schon wieder Präsident geworden ist und sich vielleicht für so gescheit hält. Diese Entscheidung entspricht dem Geist des Nicht-Wählens, dem Geist der stagnierenden Stabilität und der Ausrede „es ist zwar anders vorgesehen, aber für so eine nette Person wie Sie machen wir eine Ausnahme“. Aber echt. Nichts persönliches, aber wenn man sagt, man geht, soll man doch wirklich gehen und vor allem erlaubt werden, zu gehen. Ohne jegliche Emeritierung, die einer nach dem eigenen Wunsch entlassenen Person und deren Schülern ein ungerechtes Gewicht im Vatikanischen Machtspiel gibt.

Eine zweite Kirchenoberhauptwahl meines bescheidenen Lebens hat 2009 stattgefunden. Es geht hier um die Wahl des neuen Patriarchen. Interessanterweise hat sich Kyrill II. zum Rücktritt Benedikts erst gestern, also am 1. März 2013 geäußert. Warum hat es doch so lange gedauert? Kyrill wird einerseits als ein starker Unterstützer der Ökumene (ja, ja, es sind nicht allein die Protestanten und die Katholiken, die heutzutage an die Zusammenarbeit und Näherung denken, auch die Orthodoxen denken mit, wie man das Große Schisma 1054 überwinden kann), andererseits als ein allzu regierungstreuer Spieler angesehen. Für beides natürlich auch heftig kritisiert.

Es war mir übrigens gar nicht bekannt, dass die Bezeichnung „russisch-orthodoxe Kirche“ (Original русская православная церковь) auch umstritten ist: manche unterscheiden die „genuin“ orthodoxe Kirche von der der Moskauer Erzdiözese. Die erste sei angeblich von den Kommunisten verbannt, verboten und erlöscht worden, die zweite soll erst zur Zeit des Zweiten Weltkrieges unter unmittelbaren Führung der Kommunisten als eine Art religiöse Unterstützung der Regierung gegründet worden sein und habe gerade deswegen extrem nahe Verbindung zur weltlichen Macht Russlands. Was man, solange man dieser Theorie glaubt, mit dem im Ausland blühenden und bis vor kurzer Zeit in keiner hierarchischen Verbindung zur Moskauer Orthodoxie gestandenen Emigrantenteil der Kirche tun soll ist dabei unklar. Die Tatsache, dass die russisch-orthodoxe Kirche spätestens seit der Herrschaft Peters des Großen (wahrscheinlich aber seit dem Iwan dem Schrecklichen) nie weder strukturell, noch finanziell von dem Staat unabhängig war, bleibt auch unbeachtet.

Ob ein Flügelschlag eines Schmetterlings in Brasilien Vatikan ein Tornado in Texas Moskau auslösen kann? Einerseits eher nicht: wenn die Parlamentwahl 2011 und die Präsidentenwahl 2012 (zwei extreme und ganz direkte Reize) keine dauerhafte gesellschaftliche Ideenmobilität verursachten, sehe ich persönlich keinen Grund, warum etwas übertrieben gesagt irgendein Papst (d.h. ein Reiz, der mehr als mediat ist) ein eine von vielen ersehnte Kirchenreform bei den Orthodoxen zur Folge haben soll.

Andererseits spricht der Autor jenes Artikels mit der etwas fragwürdigen, jedoch interessanten Idee der Nichtexistenz der orthodoxen Kirche (sh. oben) von Forderungen, auf deren Frechheit ja sogar Robespierre selbst hätte neidisch sein können. Man spricht von Priesterwahl durch die Pfarrgemeinden, wünscht sich die volle ideologische Unabhängigkeit der Kirche von dem Staat. Unter anderem (und das finde ich besonders piquant) fordert man die Restrukturierung und Dezentralisierung der orthodoxen Kirche, d.h. einen Übergang zur konföderativen Struktur mit transparenter Priesterweihe und Konfirmation für alle Gläubigen nach dem Erreichen der Mündigkeit nach dem katholischen Vorbild. Von Frauenweihe oder Einstellung zur Homosexualität geht es hier natürlich keine Rede: der russischsprachige Raum ist an sich vom feministischen Radikalismus ganz verschont, dabei aber aggressiv heterosexuell.

Insgesamt ist es eher unwahrscheinlich, dass die Abdankung Benedikts eine orthodoxe Reform direkt auslöst: was es wohl bewirken wird ist die allgemeine Einstellung zur Kirche in allen christlichen Konfessionen, die das Treffen der wichtigen Entscheidungen innerhalb des Klerus auch auf einer unbewussten Ebene (gesellschaftlicher Druck usw.) beeinflusst. Der Fall Ratzinger möge nun als ein Muster zum weiteren Vergleichen dienen und dadurch ganz un-voraussagbare Auswirkungen auf weitere Kirchengeschichte haben.

P.S. In Zwischenzeit hat man eine spannende Möglichkeit zu wetten, wer von den Kandidaten vom Konklave zum neuen Papst gewählt wird. Lustigerweise wird Schönborn nicht allein von „Heute“, aber sogar von den etwas professioneller ausschauenden italienischen Zeitungen unter Favoriten erwähnt. Das wäre lustig, oder? Olympische Sommerspiele wollen wir haben, ein Wiener Papst wäre auch lieb ;).