Ob die Leute fliegen können?

17 02 2013
Weitere Fotos: http://www.tumblr.com/tagged/francesc%20catala%20roca?language=de_DE

Francesc Català Roca.

Seit Monaten wie es scheint, habe ich keinen gescheiten Text hier geschrieben, auch wenn der Blog ursprünglich vor allem als ein schriftlicher Abdruck meiner Gedanken gemeint war. Ob ich meine Stimme (sh. Filmzitat oben auf der Seite) verloren habe?

Ob es die Leute auf dieser Welt gibt, die sich in den technischen Aspekten eines Faches auskennen und durch dieses Wissen nicht darauf kommen, dass das Eigentliche durch keine technischen Tricks vermittelt werden kann? Ob ein Klaviervirtuose glaubt, er könne den im Hintergrund stehenden Sinn (wie auch immer man diesen Sinn persönlich interpretiert) durchs Tastendrücken freilassen? Ob man dabei kein Gefühl hat, dass etwas Wesentliches bei Ausdrücken doch durch die Finger rennt?

Sprachstudium hat mir beigebracht, dass die Sprache an sich (dabei meine ich nun die klassische Vorstellung von einer Sprache: Substantiv-Adjektiv-Satz) ein sehr eingeschränktes Mittel der Gedankenübertragung ist. Ich kann jeden Text zerlegen und mir seine Teile anschauen, ich weiß theoretisch, warum dies und jenes beim Lesen auf uns so und nicht anders wirkt: dass man durch das Fehlen an Verbindungswörtern einen Effekt der Hetze und Aufregung erreicht. Ich weiß, wie man mit poetischen Formen umgeht und warum Sonetten üblicherweise elegant und fein, und Vers libres aufrichtig und „ungekämmt“ wirken. Beim Schreiben hilft es lustigerweise kaum. Kein Sprachmittel wird mir helfen, wenn ich die im Titel gestellte Frage beantworten will.

Das Foto von Català Roca hat mich überrascht, ich habe zunächst gedacht, ich sehe das falsch. Es gibt doch eine Menge ähnliche Fußballfotos, jedenfalls mit „traditionellen“ Spielern drauf. Ich weiß es nicht, was mich so berührt und aufregt hier. Nicht etwa, dass Klerus offensichtlich doch menschlich ist? Dass man auch spielen kann und will, nicht allen beten und beichten und was sonst? Dass man diese Spannung des Fliegens, die schwindelnde Leidenschaft des Sprunges, der Bewegung, des Lebens auch als ein Priester erleben kann?

Ach, wie menschlich der Klerus sein kann haben wir gerade erfahren. Der Papst geht. Das Titelblatt meiner noch nicht gelesenen Ausgabe von „die Zeit“ ist völlig Ratzinger gewidmet (was natürlich kein Wunder ist). Sehr warmherzig geschrieben. Wesentlich warmherziger, als „normale“ Zeitungsartikel, d.h. die vor dem Abdanken. Man habe doch schon 2005 gesagt, nach Johannes Paul wird es jedem Papst sehr schwer fallen, einen auf sich aufmerksam zu machen. Ratzinger hat es aber doch gelungen.

Ich kann es auch nicht genau erklären, warum dies mich berührt hat: ich bin letztendlich nicht katholisch. Und nicht wirklich christlich im Sinne von Angehörigkeit zu den bestimmten Institutionen: der Gott ist ja ein viel zu privates Konzept, um es nach Außen zu tragen. Ich glaube, es ist ein gewisses Gefühl der leichten Enttäuschung an einer fest traditionellen Rolle, die man allzu modern zu Ende gebracht hat. Sienkiewicz beschreibt es so schön in seinem Quo Vadis, wie Petrus aus Rom flieht und auf dem Weg Jesum trifft, der seinerseits auferstanden nun nach Rom geht, um da noch einmal gekreuzigt zu werden. Weil nämlich der Petrus aufgegeben hat. Verschämt kehrt Petrus nach Rom zurück und wird wie wir alle wissen mit dem Kopf nach unten gekreuzigt.

Es ist natürlich ein schönes und etwas albernes Märchen vom frühchristlichen Märtyrertum: es scheint mir manchmal, dass der Klerus sich eventuell wenig wünscht, außer ein Opfer der Steinigung oder der Kreuzigung, metaphorisch oder direkt, zu werden. Aber auch wenn man den Symbolismus weglässt und die Situation kritisch anschaut, ist Papstum immer mehr als lediglich eine Beamteneinstellung gewesen. Der Papst ist in gewisser Hinsicht wirklich ein Vater seiner Pfarre, er übernimmt durch seine Position eine archaische Funktion. Und nun geht der Vater, weil er zu müde ist. Oder weil er sich eigentlich nie fit genug fühlte, ein Vater zu werden. Er habe sich dies gar nicht gewünscht, oder? Man sagt nun, Ratzinger wird sich dem widmet, was ihm im Laufe seines Dienstes entzogen wurde und wofür er eigentlich am passendsten ist: dem Beten, dem Schreiben, dem Meditieren.

Ah, wie oft hört man so was auf einer persönlichen Ebene im privaten Leben! Mein eigener Vater war übrigens auch nicht fit genug, seine Elternfunktionen entsprechend auszuüben, da seine eigenen Bestrebungen (Selbstverwirklichung im Beruf und vor allem Sexualität) offensichtlich wichtiger waren. Wahrscheinlich ist das gerade der Grund, warum der Ratzinger, den ich immer etwas blass gefunden habe, mich doch etwas enttäuscht hat. So eine Stellung, so eine gesellschaftliche Verantwortung darf man einfach so nicht aufgeben.

Andererseits muss man zugeben, das Abdanken kann eine positive Wirkung haben. Der Papst hat sich bloß wie ein Angestellter benommen, nun was? Es sagt meiner Meinung nach ziemlich viel über den Wandel des Konzepts des Amtes aus. Anscheinend wird nun auch so eine stark konservative, unbewegliche und traditionell geprägte Institution wie die Kirche von dem aufklärerischen Geist der Rationalisierung und Leistungsoptimierung nachgeholt. Sobald ein Beamte nicht mehr imstande ist, seine Funktionen dem von ihm erwarteten Niveau entsprechend auszuüben, gehört er gewechselt. Wie ein Rennpferd etwa. Nun, wenn ein Papst hier in seiner Funktionalität einem Rennpferd immer ähnlicher wird, ist es auch gerechtfertigt zu erwarten, dass man bald über solche für die Kirche schmerzhaften Momente vernünftig reden kann, wie Verhütung, Homosexualität und Abtreibung. Man wird doch rationalisiert, und zur Rationalisierung gehört es nicht zu glauben, wie ein vierjähriges Kind, dass Verstecken spielt, seine Augen zumacht und sicher ist, die Welt sei verschwunden und sehe es nicht. Wenn das Papstum nun in Richtung Amtsausübung wandelt, soll es auch reif genug sein, seinem Feind ins Gesicht zu schauen.





Funny Linguistics – 5

14 02 2013

Zurück aus dem kurzen Urlaub bei den Eltern, juhu. Es war alles sehr lieb, außer vielleicht der Tatsache, dass mein Großvater schon wieder versucht hat, mir über den armen missverstandenen Gaddafi zu erzählen (ich sage hier nicht, dass ich dir NATO-Politik der „Sicherung der strategischen Resourcen“ durch Gewalt und erzwungene Liberalisierung gut finde, aber wollen wir keine Kinder sein, das Gegenteilige ist gleichfalls nichts außer Blödsinn). Trotz meiner Befürchtungen und Erwartungen war das Wetter mehr als großzügig: rund um 0 beim klaren Himmel und Frühlingssonne.

Beim Zurückfliegen hab ich gestern die „Ehre“ gehabt mitzuerleben, wie man nach einem erfolglosen ersten Landungsversuch durchstartet und eine zweite Runde macht – 20 Minuten Steigen und Sinken, ein bisschen Turbulenzen und eine Mutter mit zwei Kindern neben mir: während das ältere Mädchen (ca. 4-5 Jahre) einigermaßen ruhig für ihr Alter blieb, ging es dem Kleineren (etwa 2) gar nicht gut, und die Arme hat ab dem Beginn des ersten Landungsversuches bis zum Ende des Zweiten wegen den Ohrenschmerzen durchgeheult.  Wenn man bedenkt, dass Kasachstan neulich einen echten Flugabsturz (den ersten Absturz eines Passagierflugzeuges seit je) entsprechend geschockt und schmerzhaft erlebt hat – der Absturz hat gerade beim Schneesturm und Nebel während des zweiten Landungsversuches  stattgefunden – habe ich mich sowieso nicht ganz wohl gefühlt. Aber die arme Kleine hat so geweint, dass ich meine Angst gegen ihre Schmerzen tauschen.

Nun gut, ich bin wieder auf dem festen Boden, in meinem lieben kuscheligen Wien, und es geht hier nicht ums Klagen und Jammern. Hier kommt ein Funny Linguistics Sketch. Enjoy!

Police helped the dog bite victim