Musik ohne Grenzen?

9 10 2012

Neulich bin ich auf ein Buch gekommen, dass ich natürlich schon allein wegen des Autoren auf keinen Fall im Buchgeschäft hätte liegen lassen können. Edward Said habe ich vor einigen Semestern im Kurs Postcolonial Studies, Images of Africa „kennen gelernt“. Sein dem Orientalismus gewidmetes Buch war für mich eine jener wenigen kleinen, aber prinzipiell wichtigen Weltoffenbarungen, die zunächst fast unauffällig vorbeigehen um deinen Verstand ungeschützt von hinten anzugreifen und dort für immer stecken zu bleiben.

Said schrieb über die synthetische und daher künstliche Natur unsrer Vorstellungen vom Orient, über die Ursprünge des Kulturmythos` Orient im öffentlichen Diskurs und über die Wichtigkeit, dies alles zu überwinden, um eventuell ein klares Bild vom Orient schaffen zu können. In manchen Bereichen dachte ich mir verwundert, um Gottes Willen, das ist doch wie ich es auch immer empfunden habe – jeder kennt ja dieses Gefühl, wenn man das Gedachte aber nie Ausgedruckte im Buch liest – „verdammt, ich hab doch „recht“ gehabt!“. Kurz und gut gesagt, der gute Said plädiert für Vernunft im Bereich durch Traditionen und erste Impulse aufgedrängte Meinungen. Bravo.

AP menschlich ausgedruckt: Mythos ist ein sehr vielschichtiger Begriff der Kulturwissenschaft, was natürlich auch eine genaue Erklärung viel zu problematisch macht. Ich gehe von jener Erklärung aus, die von Barthes in seinen Mythologies (1957). Kurze Zusammenfassung der Barthes´schen Ideen findet man unter anderem hier: http://spaces.kisd.de/identitaetundmythos/files/2011/01/Mythen_des_Alltags_excerpt1.pdf

Said sagt, Orient wie wir dieses Wort verstehen samt allen Assoziationen, Vorstellungen, Stereotypen und sogar Erfahrungen (denn sie auch von dem allgemeinen Denken, d.h. auch von der Denktradition, ergo auch von dem bösen bösen kulturellen Diskurs abhängig sind) ist eine künstliche Konstruktion, die von der westlichen Kultur im Laufe deren Entwicklung als ein Bild von dem Anderen, dem Gegenseitigen geformt war. Wo Europa arm war, schien Orient märchenhaft reich zu sein, wo Europa für Demokratie und Liberalismus plädierte und dran oft auch litt, glaubte man den Orient konservativ, statisch und despotisch zu sein, wo westliche Frauen mal spielerisch kalt, „schamlos“ und „willkürlich“ agieren mochten, haben die Orientalischen dagegen schamvoll, unfrei und trotzdem promiskuitiv sein sollen usw ad infinitum. Said dekonstruiert solche Vorstellungen und erklärt, wie sie auf unsre alltägliche Wahrnehmung der orientalischen Welt wirken. 

Das Buch, dass ich unbedingt aus der Buchhandlung „retten“ wollte heißt Musik ohne Grenzen.  Mein Lesen ist erst begonnen, und ich muss zugeben, es sind zwei einander bitter widersprechende Gefühle, die sich in mir kämpfen. Dass der Said zu allem auch ein guter Klavierspieler war ist zweifelsohne beneidenswert. Und so wie er schreibt würde ich die Musik eigentlich ziemlich gerne empfinden können: die bleibt für mich wie für die größte Mehrheit der sterblichen Menschheit ein Rätsel, dass sich weder lösen, noch zähmen lässt.

Manchmal denke ich mir, es hänge alles mit der Technik zusammen: man übt sich, übt die Finger und das Gedächtnis, lernt ein Werk auswendig und hoppla! – Da ist sie schon, die Ekstase, die Nirvana, die von manchen Musikern offensichtlich ohne Sex und Drogen erreicht werden kann. Vielleicht ist die Musik gerade die Droge oder einer Droge und dem Sex ähnlich… – naja, oder der Meditation. Meine Drogen sind Beethoven und Chopin.

Ob die Technik dabei wirklich alles an einem Musiker schaffen kann, was es zu schaffen gibt weiß ich nicht. Soweit ich den Said verstehe, er meint es anders. Auch wenn nicht ausdrücklich. Hätte er das so ganz offen geschrieben, wäre es… Ein Verrat gegen die Vernunft? Gewiss. Gegen das kritische Wahrnehmen und Denken, gegen das Wachsein, dass es den bösen bösen Diskurs gibt, der unsres Denken und unsre Gefühle steuert. Da ich mir denke, jedes seelische Empfinden und jedes Denken ist ein Produkt des Systems, der Gesellschaft, wo man gehört. Als eine sprachlich indoeuropäisch geprägte Person empfinde ich zum Beispiel, dass die Zukunft konzeptuell „vorne“ liegt und die Vergangenheit „hinten“. Es gibt Sprachen und Völker, wo man das Erste oben und das Zweite unten sieht. Schon allein das verursacht eine ganze Reihe konzeptuelle Unterschiede im Denken zwischen mir und der Person aus einem anderen System.

Die Musik kann natürlich sprachlos sein (so Said), es bringt sie aber nicht aus den Rahmen des Kulturdiskurses heraus. Daher ist auch die Subjektivität der Musik durch gewisse Meinungen, die im gegebenen Diskurs verbreitet sind, zu erklären. Ergo, unkritisches Wahrnehmen der Musik, Zuschreiben ihr der magischen und göttlichen Eigenschaften („göttlicher Kontrapunkt“ von Gould) eine süße, aber doch Illusion.

Das macht den Said nicht schlechter, nicht weniger respektvoll in meinen Augen. Und das Buch ist nach allem schön zu lesen. Die Tatsache, dass der gute Said von der Musik besessen und bezaubert ist macht ihn menschlich. Und das Buch – subjektiv. Wie jedes Sekundärschreiben an die Werke, die den „Untauglichen“ hilft, das Geheimnisvolle zu verdauen…

PS. Und dann hab ich plötzlich die Beethovens 14. Sonate, ein der wenigen Werke, die ich nicht nur lauschen, aber auch wirklich hören kann, in der Gould´schen Interpretation angeschaltet – und dann wurde es mir klar, was die romantische Seite des ehrwürdigen Wissenschaftlers so bezaubert hat. Gould spielt ziemlich ähnlich wie mein lieber und verehrter Richter: freizügig und doch zugleich wohltemperiert, er spielt nicht nur das Werk, aber mit dem Werk, sein Adagio erinnerte mich mit dessen schnellen, fieberhaften Übergängen an eine Spieldose oder an einen unglücklich verliebten Teenager, der mit dem Gefühl und eigener Unfähigkeit, es weder zu verstecken, noch zu erleben, verloren und ratlos da steht. Der Said hat doch verdammt recht gehabt: so wie der Gould spielt, hab ich den Beethoven noch nie empfunden. Klasse.

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3 responses

17 10 2012
Magdalena Hohlweg

Danke für diese interessanten Ausführungen! Wie Du die Musik ausmalst in Deinen Worten, das ist wunderschön! Und was Deinen Text auch sehr schön macht, sind manche etwas ungewohnten Redewendungen, die Du vielleicht aus Deiner Heimat oder aus der kulturellen Mischung, die in Dir gewachsen ist, mitbringst. Das klingt sehr schwungvoll und auch neu. Mit Deinem Text hast Du mich neugierig gemacht vor allem über das Denken und seinen kulturellen Hintergrund. So habe ich das noch nie betrachtet.

17 10 2012
lucyrenard

Ich gehe davon aus, dass die Redewendungen („leider Gottes“) aus meinem Kopf kommen, da ich auch in der ursprünglichen Muttersprache endlose Fragen beantworten sollte, was ich gemeint habe. Aber danke, ich kann es kaum glauben, dass jemand das Ding über die Musik ohne Grenzen wirklich bis zum Ende lesen konnte – ich persönlich finde es unlesbar. Das Buch ist wirklich begeisternd, weißt, so begeisternd, dass es mich stört 🙂 Also, wirklich empfehlenswert.

Danke für die Aufmerksamkeit!

17 10 2012
lucyrenard

Das ist doch unglaublich, was ein Kommentar zu einem unlesbar geschriebenen Text alles machen kann. Dein Gedanke über meine Redewendungen hat mich irgendwie so begeistert, dass mir endlich mal nach einigen Monaten eine Idee für ´ne Geschichte eingefallen ist. Also, danke nochmals!!

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