Am Sonntag kommt er sicher

3 03 2012

Перевод (Ru)

Sie kämmt ihr schönes blondes Haar und schminkt sich. Dann zieht sie ihr feierliches Kleid an. Das Kleid ist himmelblau mit großen weißen Blumen, und sie sieht wunderschön aus. Es ist Sonntag, Ende Juni 1945, ich bin 6, und meine Mutti scheint mir die hübscheste Frau der Welt zu sein. Wenn ich groß werde, will ich genau so hübsch sein, wie sie. Und dieses Kleid – das wird sie mir später schenken.

Am Sonntag hat meine Mutti immer so viel zu tun. Schon seit einem Monat warten wir auf meinen Vati. Der Krieg ist gerade vorbei, aber die Welt, wie man es sagt, ist immer nocso sehr durcheinander. Besonders hier, bei uns.  Mutti sagt, es kann ein bisschen dauern, bis Vati in diesem Getöse den Rückweg nach Hause findet.

Sie wartet nicht allein. Viele Frauen in unserem Haus, auf unserer Straße, warten auf ihre Männer. Und wir, Kinder, warten auch, obwohl wir (ehrlich gesagt) schon allein mit dem Wort selbst, „Vater“, nicht viel anfangen können. Bertie, ich, Hilda, Rosa und Thomas, wir alle fünf haben unsere Väter nur ein- oder zweimal gesehen, und auch dann nur kurz. Sie kamen aus der Ferne, rochen albern, sprachen wenig, blieben für ein paar Wochen und dann mussten sie schon wieder fort. Ich weiß es nicht, wie es bei den Anderen war, aber mein Vati hatte sowieso weder Zeit noch Lust aufs Spielen oder andere wichtigen Sachen. Er wusch sich oft und eifrig, rauchte viel. Gesprochen hat er sehr wenig. Ich fürchte, er und Mutti waren sehr traurig: manchmal wenn ich nachts auswachte, konnte ich sie beide in ihrem Zimmer leise seufzen hören. Aber was will ich von ihnen, der Krieg ist eigentlich keine Spielsache.

Mutti sagt, jetzt, nachdem dieser schreckliche Krieg vorbei ist, wird unser Leben ganz anders sein, es wird wieder gut sein. Ich weiß es nicht genau, was sie dabei meint: ein anderes Leben habe ich nie gesehen. Aber ich denke mir, dieses gute Leben hängt mit dem Heimkehr meines Vatis zusammen.

Und so warten wir jeden Tag, jede Stunde, jede Minute. Aber insbesondere am Sonntag. Jede Woche sagt Mutti, nachdem sie nach der Arbeit wieder zuhause ist und während ich gerade vor dem Schlafengehen meine Zähne putze, „mach dir keinen Kopf, Liebchen! Am Sonntag kommt er sicher!“. Das weiß ich ja selber. Mutti sagt doch immer nur die Wahrheit, ne?

***

Sie kämmt ihr schönes blondes Haar und schminkt sich. Dann zieht sie ein dunkelrotes Kleid an. Aus ihrem himmelblauen Kleid haben wir vor drei Jahren ein nettes Kleidchen für meine Couine Lotte machen sollen. Es war nämlich Lottes Geburtstag, und bei uns war gerade das Geld ganz knapp. Mir standen Tränen in den Augen, so leid es mir tat, dass man sich von dem Kleid verabschieden musste.

Es ist Sonntag, Ende Februar 1953, ich bin 14. Das himmelblaue Kleid war ein wesentlicher Teil meiner Kindheit, ein Teil meines eigenen Wartens auf meinen Vater. Vor einem Jahr hat Mutti sich dann doch ein anderes Kleid gekauft. Es ist genauso dunkelrot, wie Wein, den meine Mutti und Tante Helga manchmal zusammen trinken.  Normalerweise tun sie es montags, am Abend in unserer kleinen Küche. Dabei reden sie über ihre Männer: über meinen Vater, über Tante Helgas ersten und dann jetzigen Ehemann. Tante Helga bekam Ende 1948 eine kurze, in unmöglicher Sprache gefasste Nachricht, dass Onkel Hermann, der Bruder meines Vaters, bei den Russen in Buchenwald ums Leben gekommen ist. Sie redeten die ganze Nacht durch, die Frauen, und, als ich ein paar Mal vom Schlaf aufgewacht war, konnte ich sie in der Küche weinen hören.

Fünf Monate danach heiratete Tante Helga Onkel Rudolf. Er ist ein lustiger Typ und spielt manchmal mit mir Schach. Er war auch im Krieg, sogar in Gefangenschaft. Als er 1946 heimgekehrte, stellte es sich heraus, dass seine Frau und zwei Kinder beim Feuersturm Ende Sommer 1943 spurlos verschwunden waren. Jetzt hat er schon mit Tante Helga eine Tochter, meine Cousine Lotte, die mir das himmelblaue Kleid weggenommen hat.

Ich glaube nicht, dass meine Mutter diese zweite Ehe der Tante Helga unterstützt. Einmal habe ich gehört, wie die Tante ihr gesagt hat: „Du, Elsa, du hast doch noch Glück. Du hast noch Hoffnung, dass Walter zurückkommt. Mir wurde die Hoffnung entzogen“. Mutti erwiderte leise: „Du hast das glückliche Recht, ein neues Leben zu beginnen. Dieses Recht habe ich nicht“.

Jede Woche geht sie arbeiten, kommt abends zurück, fragt mich kurz, wie mein Tag war nur dafür, dass sie in ihrer Müdigkeit nie zuhört, was ich erzähle. Es berührt sie wenig, dass Rosa sich verliebt hat und dass ich zum ersten Mal jemanden geküsst habe. Dass es Bertie war und dass Thomas jetzt aus dem heiteren Himmel auf uns beide böse zu sein scheint. Das interessiert meine Mutter nicht. Egal was ich erzähle, fasst sie es immer auf die gleiche Weise zusammen: „Mach dir keinen Kopf, Liebchen. Bald kommt Vati zurück. Am Sonntag kommt er sicher“.

***

Sie kämmt ihr Haar, schminkt sich und sieht es im Spiegel nicht, dass ich hinter ihrem Rücken stehe und sie anstarre. Sie ist voll beschäftigt, ihre Gedanken sind weit, so weit, dass es in ihnen keinen Platz für mich gibt. Ihr rotes Kleid reizt mich heute wie kommunistische Fahnen die Amerikaner.

Es ist Sonntag, 1957, Januar. Ich bin 18. Ich bin 18 und keine Jungfrau mehr. Ich blieb heute Nacht bei Thomas. Er hatte neue Musikplatten. Dann küssten wir uns wie Scarlet und Rhett in Vom Winde verweht.  Und dann waren wir schon im Bett. Wir waren beide so aufgeregt, dass es uns mühsam, erst zwei Stunden und drei erfolglose Versuche später gelang, im strengen Sinne des Wortes mit einander intim zu sein. Nach Hause kam ich gegen 8 in der Früh. Mutti war schon auf und in der Dusche. Jetzt stehe ich hinter ihrem Rücken, sie schmückt und schminkt sich und scheint nicht einmal bemerkt zu haben, dass ihre einzige Tochter nicht zuhause übernachtet hatte. Weder meine Präsenz, noch meine Abwesenheit bemerkt sie.

–          Ich habe mit Thomas geschlafen. – sage ich laut und kalt.

Ich Hände stoppen, sie blickt in meine Augen in der Spiegelreflexion.

–          Warum nicht mit… – Sie macht eine Pause. – Wie hieß doch dein anderer Freund?

–          Adolf. – Sage ich ironisch.

–          Achja, klar. – Sie lächelt beschämt. – Warum nicht mit Adolf?

Mir wird übel. Die Tränen von Wut stehen in Augen und im Hals.

–          Es gibt keinen Adolf, Mutter! – gegen meinen Willen schreie ich sie an. – Es gibt doch keinen Adolf!

–          Du hast es doch vor einer Minute gesagt, er heiße Adolf! – wundert sie sich.

–          Ja, das habe ich gesagt.

–          Na und? Ist es so ein Problem, dass ich nicht alle deinen Freunde kenne? Es gibt so viele.

–          Es gibt zwei! Und es hat immer nur die zwei gegeben!  Wir leben auf der gleichen Straße, wir haben immer neben einander gewohnt! Wir sind doch zusammen aufgewachsen!

–          Na, dann ist alles in Ordnung. – Sie lächelt mich wieder an, diesmal beruhigend. – Mach dir keinen Kopf, Liebchen! Ich habe gehört, die Gefangenen kehren aus Russland zurück. Du weißt, was das bedeutet, ne? Bald kommt Vati zurück! Am Sonntag kommt er sicher.

Es fühlt sich innerlich wie ein Dammbruch in meiner Seele. Wut, Entsetzen, Mitleid, Verzweiflung, Einsamkeit, Hoffnungslosigkeit, Hilfslosigkeit mischen sich zusammen und strömen aus mir heraus, weg; es gibt keine Kraft mehr, die mich zum Schweigen bringen könnte. Als ich den Mund öffne, kommt nur hysterisches, zitterndes, hohes Schreien heraus:

–  Er kommt nie! Er kommt nie! Nie! Nie! Nie! Er ist tot, verstehst? Kannst du es nicht akzeptieren?! Wie lange muss es noch dauern, bis du es mitkriegst, dass er nie zurückkommt? Er ist tot! Tot, tot, tot!

Ich bin von meinem Geschrei selbst entsetzt, von meiner Mutter ganz zu schweigen. Zuerst springt sie auf ihrem Stuhl überrascht und erschrocken auf, sinkt wieder nieder. Mit jedem meinen „nie“ scheint sie kleiner und älter zu werden, sie bedeckt ihren Kopf mit den Händen, als ob sie sich gegen meinen hysterischen Ausbruch physisch wehren wollte. Ihr Körper in diesem roten Kleid beginnt vom Heulen zu schaudern. Erschüttert verstumme ich genau so plötzlich, wie meine Wut ausgebrochen hat.

Erst jetzt sehe ich vor mir eine altwerdende, unglückliche, hoffnungslose Frau. Ihr schönes blondes Haar glänzt nicht mehr, hier und da sieht man schon graue Fäden. Ihre Haut ist nicht mehr jung und frisch wie meine. Aber es geht nicht ums Aussehen. Sie ist da innen ganz alt, von endloser und sinnloser Hoffnung weggenagt, durchs Warten verhungert, es ist eine ganz alte Frau, die in diesem Körper lebt. Und sie weint und weint und weint.

Ich fühle mich jetzt wie eine Kriegsverbrecherin, schlimmer als je in meinem sinnlosen Leben. Was habe ich doch getan?

Ich falle vor ihr auf die Knien und umarme sie. Zuerst wehrt sie sich, hört aber bald auf. Wir weinen beide, zwei einsame nichtige Lebewesen auf dieser albernen Welt. Ich flüstere ihr meine Entschuldigungen und diese magische Phrase, die allein sie beruhigen kann: „Mach dir keinen Kopf, Mutter! Am nächsten Sonntag kommt er sicher!“.

***

Ich sitze in der Wohnung meiner Mutter. Auf ihrem Stuhl, vor ihrem Spiegel. Nachdenklich kämme ich mein langsam grauwerdendes Haar. Es ist Sonntag, 1995. Meine Mutter ist seit drei Monaten tot. Bald werde ich diese Wohnung verkaufen. Die Möbel ist schon fast alle weg. Einen Teil nahmen Tante Helga und Onkel Rudolf, noch etwas habe ich an Charité geschickt. Noch ein paar Sachen haben wir, ich und Thomas, zu uns nach Hause genommen.

Ich kam heute vorbei, um ihre Blumen zu gießen und Post zu checken. Den Postamt habe ich kurz nach ihrem Tod verständigt, dass sie keine Werbung mehr braucht, aber manchmal schickt man doch noch etwas.

Diesmal fand ich in ihrem Postkasten eine kurze amtliche Auskunft aus irgendeinem ostdeutsch anmutenden Archiv. Sie liegt jetzt vor mir, die Notiz, und ich traue mir nach dem Lesen nicht, es wieder zu berühren.

Es ist eine Kopie von jenen Benachrichtigungen, die man im Krieg den Verwandten der gefallenen Soldaten schickte. Am Ende liest man einen kurzen, in dieser unmöglichen Beamtensprache gefassten Satz, wir bitten Sie um Verständnis, so und so, wegen dem Kriegschaos konnten Sie nicht rechtzeitig benachrichtigt werden.

Mein Vater ist im Januar 1945 im Schlacht um Budapest gefallen. Heldentod, schreibt man. Heldentod und noch welcher Blödsinn. Januar 1945.

Komischerweise kann ich nicht weinen. Es tut mir innerlich weh, so weh. Die Tränen kommen aber nicht mehr. Ich denke an das ganze Leben meiner Mutter nach dem Ende des Krieges. Ihr ganzes Leben…

Gut, dass sie gestorben ist. Ich bin gar nicht religiös, aber es kann doch sein… es ist doch nicht ausgeschlossen, hoffen darf man immer! – dass sie endlich mal beide dorthin gekommen sind, wo sie einfach zusammen sein können, ohne auf Sonntage zu warten.

2.-3. März, 2012

Wien-Eggenburg-Wien

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6 responses

3 03 2012
jcodelamadera

Anastassiya Pankeyeva….. ich denke das bist DU!? sehr schön geschrieben

3 03 2012
lucyrenard

das bin ich, kurz gesagt Ani (da der Name ein bisschen länglich ist und bei Menschen normalerweise Verwirrung verursacht :).

Danke sehr!

3 03 2012
jcodelamadera

с удовольствием

3 03 2012
lucyrenard

Sprichst Russisch? 🙂

3 03 2012
jcodelamadera

6 Jahre Schule (Pflichtfach) DDR ;0[

3 03 2012
lucyrenard

echt! Russisch als Pflichtfach. Hoffentlich hat man dir keinen Hass zu dieser Sprache beigebracht, was oft wegen diesen Muss-Modalitäten vorkommt. Ich muss zugeben, die Übersetzung scheint mir sehr wackelig zu sein, aber man muss mit dem Publikum rechnen 🙂

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