Zur Frage des männlichen/weiblichen „Gaze“ in der Geschichte

24 02 2012

Перевод (Ru)

Theorie der Medienanalyse spricht oft und nicht grundlos von einem gewissen Konzept: vom Gaze (Blick). In seinen „Notes on „the Gaze“ bezeichnet Daniel Chandler Gaze als einerseits eine Weise, auf die Zuschauer visuelle Kunst (d.h. Filme, Fotos, Bilder usw.) sehen und, andererseits, wie die in diesen Filmen, auf den Bildern und Fotos dargestellten Menschen zurückblicken. Man redet natürlich auch davon, dass es einen bestimmten „männlichen“, sowie einen „weiblichen“ Blick gibt, wobei das Letze eher eine Erfindung der Frauenemanzipation sei (Frauen haben begonnen, auch Männer als Objekte des Schauens zu betrachten, daher auch männliche Sorgen ums Aussehen und Befreiung der armen Frauen von dem jahrhundertelangen Joch der Objektivierung). In dieser Hinsicht werde ich dem Konzept des männlichen Blicks nicht widersprechen. Es wäre meinerseits recht unwissenschaftlich zu vermuten, dass Frauen auf mehreren klassischen Bildern (sh. unten) als keine Objekte des Schauens dienen. Aber die Vorstellung, dass Männer an sich nie Objekte waren, finde ich recht spekulativ.

Thanks http://hoydensandfirebrands.blogspot.com/2012/01/17th-century-beauty.html

Männliche Person, männlicher Körper, Wohlsein, Gesundheit und ästhetische Wert der Männlichkeit können keinesfalls Erfindungen des 20. Jahrhunderts und dessen gesellschaftlichen Umwältzungen sein. Im Gegenteil sind sie tiefst traditionell und archaisch. Ich traue mir zu vermuten, sie stammen aus unserer vorgeschichtlichen Evolution und können allein deswegen als keine viel zu neuen und „unnatürlichen“, „ungewöhnlichen“ Phänomene betrachtet werden.

Es ist durchaus möglich, dass das Begehren der Weiblichkeit (i.e. Früchtbarkeit) und eines weiblichen Körpers ein bisschen älter seien, da das Matriarchat als gesellschaftliches Modell einfach älter ist. Aber wenn wir von Altersunterschieden reden, ist unsere gesamte sapiens sapiens Zivilisation im Vergleich mit der Evolution der Menschheit so jung (nicht zu erwähnen die so genannte moderne, d.h. post-industrielle Gesellschaft, die überhaupt ca. 150 Jahre alt ist), dass es unsererseits schon recht kleinlich wäre, übers prinzipielle Dominieren des Kultus`der Weiblichkeit über den der Männlichkeit auf dem frühen Evolutionsniveau zu sprechen. Sagen wir mal, die Wandlung vom Matriarchat zum Patriarchat ist zu früh vorgekommen, um uns die Polemik über Genderrepräsentation auf diesem Entwicklungsstadium zuzulassen.

Wo man wie wir es schon oben erwähnt haben weibliche Früchtbarkeit, die Mütterlichkeit begehrte, gab es auch Platz der Verehrung der klassisch männlichen Funktionen und Eigenschaften: man sprach vom einem Mann als Jäger, Kämpfer gegen die feindliche Natur, Sieger über deren Kräfte.

Es war einmal modisch, die Ursprünge der europäischen Zivilisation in der antiken Welt zu finden (ich sage nicht „nach denen zu suchen“, weil sie normalerweise ge- oder erfunden waren). Laut dieser tröstenden, aber bestrittenen Theorie stammte die europäische Einzigartigkeit gerade aus der klassischen, griechisch-römischen Exklusivität. Wie wir es heutzutage wissen, stand die Begehrung des menschlichen (männlichen sowie weiblichen) Körpers im Mittelpunkt der klassischen Kultur. Da auch die Homosexualität den Griechen und Römern nicht fremd blieb, war Männlichkeit genauso wie Weiblichkeit engst mit sexuellem Vergnügen verbunden. Männlicher Körper wurde auch als (passives) Objekt des libidösen Blicks  betrachtet. Das allein beweist schon, dass so genannte Objektivierung der Männer durch weiblichen oder homosexuellen Blick keine Erfindung des modernen Liberalismus ist.

Die die Abstammung der europäischen Zivilisation von ihren klassischen Vorfahren umstreitenden Wissenschaftler plädieren dafür, dass es nach den Spuren des Europäismus so wie wir ihn heute kennen erst im Mittelalter zu suchen ist. Aus dem Mittelalter entwickelten sich unsere späteren gesellschaftlichen, ökonomischen sowie politischen Institutionen. Im Mittelalter (zumindest ab 13. Jahrhundert) war die Sexualität (nicht zu sprechen von gleichgeschlechtlicher Liebe) marginalisiert und strengt tabuiert. Das Begehren der Männlichkeit aber nicht.

Man traute sich natürlich nicht mehr, nackte Männer anzustarren: die Kirche sorgte für viel zu empfindliche Strafen für solche Wonne. Stattdessen entwickelt sich aber eine neue Verehrungstradition, die meiner Meinung nach erst im 19. Jahrhundert ihren Hohepunkt erreicht. Nun verewigen endlose Barden, Troubadours, Minesänger für ausschließlich „männlich“ gehaltene Tugenden: Mut, Stärke, Großzügigkeit usw. ad infinitum. Alle bedeutenden mittelalterlichen Helden verfügten unbedingt über zwei Eigenschaften: sie sollten adeliger Herkunft und (prinzipiell wichtig!) attraktiv sein.

Apropos, wenn man mittelalterliche Sagen und Lieder liest, kommt man auf die Idee, dass diese Superhelden ihrer Epochen nicht nur einander grauslichst umbringen dürften, es war aber auch fast vorausgesetzt, dass sie ab und zu sentimentale Gefühle äußerten. Man machte aus jedem Handtuch jeder schönen Dame eine kleine Tragödie und aus jedem Heldentod richtige Passion Christi. Apotheose dieser männlichen Empfindlichkeit findet man (nicht-)überraschenderweise bei Franzosen: im Rolandslied weint jeder und beim jedem Anlass, es gelingt sogar dem guten alten Karl den Großen, zwei oder dreimal ohnmächtig zu werden.

Mein Leser kann jetzt erwidern, dass es alles nur Wörter sein, die keinen Blick im engen Sinne des Wortes zulassen. Stimmt schon. Man darf aber nicht vergessen,  wie prägend jede Art Kunst auf die alltägliche Kultur wirkt. Die Eigenschaften, die die Kunst als positive bezeichnet, werden unvermeidlich zum wichtigen Punkt der Bestrebungen im Prozess der menschlichen Sozialisierung. Kurz und gut: was gelesen wurde, wurde von mehreren Lesern automatisch als guter Ton ins wirkliche Leben übernommen.

Auch auf den wenigen mittelalterlichen Bildern (klerikalen sowie weltlichen) waren es vor allem Männer, die angeschaut wurden, d.h. Objekte vom Gaze waren. Man könnte schon vermuten, mittelalterliche Männer standen unter permanent höherem Druck der Notwendigkeit, gewissen Vorstellungen über Männlichkeit zu entsprechen (was heutzutage von bösen Feministinnen im Zusammenhang mit Versklavung und Objektivierung der Frauen den Männern vorgeworfen wird). Männlicher Gaze des Mittelalters funktionierte als kodifiziertes Regelungssystem: wenn du das und jenes nicht bist, bist du kein echter Mann.

Auch Renaissance hatte Männlichkeit gerne, diesmal auch mit dem männlichen Körper. Es wurde wieder erlaubt, nicht nur von geistigen Tugenden, aber auch von der reinen Attraktivität, von der körperlichen Vollkommenheit eines Mannes, eines Siegers, eines Kämpfers, eines Kranzes der Schöpfung entzückt zu sein. Es gab David von Michelangelo, es gab den virtuvianischen Mensch von Da Vinci. Die Beide entsprechen den heutigen kulturwissenschaftlichen Ideen über die Darstellung vor allem einer weiblichen Figur mit ihrer statischen Passivität, Offenheit dem fremden Blick (sh. unten).

Vielleicht erst in Reinaissance tritt zum ersten Mal ein neuer Mannestyp auf Licht, nämlich jener aktiver, manchmal fast aggressiv wirkender, dynamischer, den Zuschauer direkt und schamlos zurückblickender Typ, den heute zu einer festen und schon stereotypischen Assoziation mit Männern geworden ist.

Während die Männlichkeit im Bereich Gaze schon bereits in Renaissance einen neuen Entwicklungsvektor entwickelt, bleibt die Darstellung der Weiblichkeit bis ins 20. Jahrhundert fast unverändert, d.h. passiv objektiviert. Es lässt sich also feststellen, dass es erst in 13.-15. Jahrhunderten zum Bruch zwischen einander parallel gehenden Darstellungstraditionen (jene eines Mannes und jene einer Frau) gekommen ist. Nach den Ursprüngen der Stagnation mit Weiblichkeit könnte man theoretisch im mittelalterlichen, von der Kirche erarbeiteten Konzept der weiblichen Sündhaftigkeit suchen. Ich erlaube mir aber dieses Thema nicht tiefer einzugehen: für Genderstreitigkeiten gibt es moderne Feministinnen, zu denen ich mich prinzipiell nicht zähle.

Zum Schluss will ich jetzt nur folgende Fragen fürs weitere Nachdenken stellen:

– Wie betrachtet man mit Rücksicht auf die Gaze-Theorie die europäische Barock, die von der Repräsentation nach außen besessen war?

– In welcher Verbindung stehen die Abneigung der Wichtigkeit des männlichen Aussehens mit Biedermeier, Industrialisierung Europas und viktorianischem England?

Der Suche nach den Antworten auf diese Fragen werde ich meinen Kopf in kommenden Wochen widmen. Ich freue mich auch auf mögliche Kommentare zu diesen kaum lesbaren, aber hoffentlich interessanten Überlegungen.

23. Februar 2012,

Wien-Eggenburg-Wien

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9 responses

3 03 2012
ladidaladida

Du schreibst:
„Es war einmal modisch, die Ursprünge der europäischen Zivilisation in der antiken Welt zu finden (ich sage nicht “nach denen zu suchen”, weil sie normalerweise ge- oder erfunden waren).“
➛ Es würde mich sehr, sehr interessieren, wenn Du das etwas ausführen könntest. Mich nervt es als halbe Geisteswissenschaftlerin immer und immer wieder den Satz zu hören „schon in der Antike!“. Ich habe nichts gegen die Antike, ich bin sehr an der Antike interessiert, aber irgendwie finde ich es merkwürdig die Ursprünge der europäischen Zivilisation immer und immer wieder in der Antike „zu suchen“.

Ich habe leider kaum Ahnung von Kunstgeschichte und von „Gaze“ habe ich gerade eben zum ersten Mal gehört. Verstehe ich richtig, dass es darum geht, wie Männer und Frauen in der bildenden Kunst wahrgenommen werden?

3 03 2012
lucyrenard

Also Gaze war ein Konzept aus meinem Critical Media Analysis Kurs. Ja, einerseits ist es wie abgebildete Menschen von den Zuschauern wahrgenommen werden (und das ist eigentlich das Hauptding). Andererseits soll es auch die Weise sein, auf die die von den Bildern uns anschauen (grob gesagt, von unten, von oben (steht für Arroganz) usw). Im Kurs haben wir leider sehr viel darüber diskutiert, wie ach vernachlässigt arme Frauen sind, wenn man aufm WC-Zeichen Damen-WC als eine Figur im Kleidchen darstellt. Und es wurde unter anderem auch besprochen, dass man traditionelle Konventionen fürs Darstellen von Männern (aktiv, dynamisch, beweglich, dominierend usw) und das der Frauen (passiv, statisch, unbeweglich, unterstellt usw) entwickelt hat. Daher kam ich auf die Idee, dass es ein bisschen zu laut und grundlos gesagt wird 🙂

Ursprünge der „europäischen Identität“ (was auch immer das ist) in der Antike fand man vielleicht bis in unsere postmoderne Epoche. ich checkte ganz schnell im Google, als Erstes kam diese alte Phrase: http://de.wikipedia.org/wiki/Wiege_Europas
Das schaut auch einigermaßen interessant aus: http://www.deutschlandundeuropa.de/52_06/europaeischeidentitaet.pdf, das werde ich auch gerne lesen. Ich glaube, es ist vor allem eine klassische Vorstellung aus dem späten 19. Jhdt., Höhepunkt des Europäismus. Du hast aber wieder ganz recht, ich werde noch welche Quellen finden und hier posten, da ich auch Fakten mag 🙂

Übrigens, danke fürs Lesen: ich denke mir, diese Sachen („non-fiction“) sind überhaupt kaum lesbar 😉

3 03 2012
ladidaladida

Ojjojojoj, da hat jemand wieder Begriffe durcheinander gebracht. Es gibt einen Unterschied zwischen Feminismus und die wissenschaftliche Betrachtung vom Unterschied zwischen Männern und Frauen. Passiert leider immer noch viel zu oft auf dem Kontinent.
Genau so ein Gerede bringt junge Menschen vom Feminismus ab.

Ich lese gerne „sachliches“ auf Blogs, außer Politik.

3 03 2012
lucyrenard

Genau, das denke ich mir auch. Ich habe damals vorgeschlagen, der gleichen Logik zufolge, das Zeichen für Cafes (Besteck) auch als eine Form Diskrimination a) gegen die Leute aus Fernosten, die mit Stäbchen essen; b) gegen die Arbeitsklasse, die beim Essen kein Messer verwendet, – zu betrachten. Blieb aber in der Minderheit))

7 03 2012
lucyrenard

Apropos, zurück zur Frage über Antik und Ursprünge der Zivilisation. Ich habe vor kurzem bei der Vorbereitung zur Prüfung so was gefunden:

/pax Romana/ Mit diesen Worten beschrieb der Berliner Althistoriker Alexander Demandt nach Aelius Aristeides das zweite nachchristliche Jahrhundert, das (NB!) bis heute als Höhepunkt und Glanzzeit des Römerreichs und der antiken Zivilisation, ja sogar der ganzen Menschheitsgeschichte gilt. — Zitat aus einem Standardwerk für Geschichte Österreichs, Band „ÖG 378-907. Grenzen und Räume. Geschichte Österreichs vor seiner Entstehung“. Herwig Wolfram, Ueberreuter Verlag, 2003 (in meiner Version, erste Ausgabe 1995).

7 03 2012
ladidaladida

Laut Wikipedia 😳 ist Alexander Demandt 1937 auf die Welt gekommen. Nach meinem Verstand ist er also noch im Geiste des 19. Jahrhunderts, wo man eben die Antike vergöttert hat.

7 03 2012
lucyrenard

Ist durchaus möglich 🙂 Das würde beweisen, dass diese tröstende Idee für manche Wissenschaftlern immer noch aktuell ist. Na bitte, es ist doch wirklich angenehm zu denken, dass man kulturell betrachtet von Römern und nicht von den von den Römern abgelehnten Barbaren (was auch immer die das Wort bedeutet) geprägt wurde. Es ist übrigens eine interessant Idee zum Nachdenken: teils sprachlich, teils kulturwissenschaftlich, teils historisch: was für Assoziationen eine durchschnittliche Person (also, eine in diesem Bereich nicht professionelle Person) für Begriffe aus dem semantischen Feld „Antike“ und aus dem „Mittelalter“ hat, was meinst?

7 03 2012
ladidaladida

Naja, sowohl an der Uni, wie auch in der Popularwissenschaft (sowohl Dokus in den Öffentlich- Rechtlichen, wie auch Verlage, wie z.B. Beck) gibt es zunehmend eine Mode zu zeigen, dass Mittelalter gar nicht so dunkel (von Dark Ages) war oder, dass die Germanen hochkultivierte Leute waren. Ich finde diese Entwicklung gut, solange sie nichts ins andere Extreme schwankt.

Mich nerven Dozenten (es sind tatsächlich nur Dozenten, vielleicht, weil ich in meinem ganzen Philosophiestudium nur zwei Dozentinnen hatte), die sich einen daran runterholen, dass Theater für die Griechen so war, wie für uns heute Castingsshows. Wie gebildet die Griechen doch waren. Ich denke jedoch, dass es was mit der Überlieferung zu tun hat; wir haben nur Überlieferungen von gebildeten Griechen, Sklaven und Frauen konnten wahrscheinlich nicht einmal schreiben.

Ich versuche immer im Kopf zu behalten, woher unsere verschiedenen Vorstellungen von gewissen Epochen kommen. Das traditionelle Bild des Mittelalters und der Antike stammt aus der Renaissance. Renaissance ist wiederum ein Begriff, der in der Romantik entstanden ist. In der Aufklärung hat man zwar schon antike Philosophen (Philosophinnen waren damals nicht bekannt) herangezogen, aber sie nicht vergöttert.
Auch die Art, wie ich denke, ist ein „Produkt“ unserer Zeit: Kulturrelativismus.

8 03 2012
lucyrenard

Ja, ist auch eine gute Tendenz. Übrigens, hast du diese Filme gesehen: http://www.youtube.com/watch?v=wpJSPL7eWRU ? Gerade zu unserer Diskussion.

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