Endlich bist du hier

22 02 2012

Es ist der 23. Dezember, halb sieben, und die Gasse liegt schon in Halbfinsternis, die nur durchs kranke gelbliche Licht der zwei Fenster im Mezzanin ein wenig verdünnt wird. Ich stehe geduldig neben dem Haupteingang ins Haus, tief im Schatten, so dass man mich nicht gleich bemerkt, wenn man rausgeht. Ich will nicht so viel Aufmerksamkeit. Ich brauche keine Aufmerksamkeit, bin ich ein Kind oder was, bin ich schwach? Nein, schwach bin ich nicht, nur schwache Menschen brauchen Aufmerksamkeit. Rudolph sagt ich brauche Unterstützung, naja, klar. Das sagt er allein deswegen, weil ich ihm dafür bezahle, dass er mich unterstützt. Weil mein Vater ihm dafür bezahlt.

Wie kann er doch so herzlos, so grausam sein? Wie habe ich es früher nicht bemerkt, was für ein Mensch er ist? Man sagt, Liebe ist blind, und das ist offensichtlich wahr. Nichts wollte ich an ihm sehen, was meine verliebte und dadurch gestörte Vorstellung von ihm enttäuschen konnte. Nichts habe ich bemerkt, bevor… Bevor es gestern nicht zum Bruch gekommen ist, bevor es nicht klar geworden ist, was für ein Mann er ist, dass er eigentlich so wie die Anderen ist. Nein, noch schlechter ist er: den Anderen ist es einfach egal, was dir passiert. Er bringt dich durch seine Ruhe, durch seine Fürsorge auf die Idee, als ob es ihm nicht egal wäre, was du denkst und was du fühlst. Und dann – dann zerbricht er alle deine Hoffnungen. Grauslicher Mensch! Grausliches Leben.

Die Tür geht auf und er kommt raus. Kurz fühle ich mich zurückgezogen und erschrocken davor, was ich vor habe. Ich liebe ihn doch! Ich liebe. Diesen. Verräter. Es tut mir leid, dass er ein Verräter ist, ich kann nichts dafür. Ich muss es tun, sonst tut er noch jemandem weh. Ich tue es nur jemandem zugute. Heute mache ich etwas endlich mal richtig.

–          Rudolph. – Rufe ich.

Er dreht sich um und erst jetzt bemerkt mich im Schatten der Hausmauer. Es schaut so aus, als ob er überrascht wäre.

–          Lisa, was tust du hier? – fragt er in seiner leisen und ruhigen Stimme.

–          Ich bin gekommen, um mich von dir zu verabschieden.

Meine Stimme klingt so lustig kalt und fremd. Ich hole die Pistole meines Vaters aus der Tasche raus, und ziehe den Abzug durch.

***

Fünf-und-zwanzig Stunden davor sitze ich im Warteraum seiner Praxis. Ich bin geschmückt, geschminkt und gut angezogen, ich schau genau so feierlich aus wie ein blöder Christbaum. Es ist ein wichtiger Tag für mich. Heute mache ich eine Erklärung.

Rudolph kenne ich seit sechs Jahren, drei Monaten und fünfzehn Tagen, nachdem meine lieben Eltern eines Tages auf eine glänzende Idee gekommen sind, ihrem Schatzilein geht es nicht so gut. Ist schon wunderlich, dass sie überhaupt bemerkt haben. Ich könnte mich genauso gut aus dem Fenster rauswerfen, aber es war mir zu pathetisch (und pathetisch zu sein wollte ich auch mit 12 Jahren nicht). Was ich gemacht habe, ich habe `ne volle Packung Schlafmittel aufgefressen. In zwanzig Minuten war ich schon weit weg, von den schimmernden Sternen und Farbenpfützen – lustige Bilder waren’s!

Meine Eltern waren wie immer anderswo, ich wurde von meinem Kindermädchen gefunden. Die blöde Kuh hasste ich: sie traute sich wie meine Mutter zu benehmen. Noch dazu vögelte sie mit meinem lieben Vati. Das wurde natürlich nie aufgedeckt, aber ich weiß es ganz genau, dass er sie fickte und dass sie es ihrerseits so gerne hatte. Ich habe es doch gesehen, wie sie einander anschauten.

Also, das doofe alte Luder hat mich gefunden und die Rettung angerufen. Ich wurde dann gewaltsam reanimiert. Die depperten Kerle aus dem Notdienst waren sicher sehr stolz auf sich und dachten, ich bin eine von diesen minderjährigen Idiotinnen, die sich ohne Gründe Leben nehmen. Als ob sie es wissen konnten, was ich da innen hatte.

Nach meinem erfolglosen Suizidversuch hat mein lieber Vati mir einen Spezialisten rausgesucht, um mich möglichst schnell zu „reparieren“, d.h. zurück zur unauffälligen Norm zu bringen, damit ich ihm keine Sorgen mehr zufüge und dadurch von seinem ah so wichtigem Leben nicht ablehne. Er wollte natürlich einen ganz respektablen und teuren Spezialisten haben, und so kam ich zu Rudolph.

Rudolph war anders als alle Männer, alle Menschen, die ich je gesehen habe. Er verstand mich. Er hörte zu. Er verlangte nichts, nicht mal dass ich ordentlich sitze oder den Rücken gerade halte oder dass ich die Ärmel nicht über die Finger ziehe. Ich hatte wirklich das Gefühl, mit ihm konnte ich reden.

Seit jenem Tag waren wir zusammen. Jede Woche, eine Stunde lang war er für mich da. Zuerst war ich natürlich recht zickig, aber mit der Zeit gelang’s ihm mich zu öffnen, das heißt zum Sprechen zu bringen. Ich erzählte ihm über die Eltern, über meine doofe Superschule für Superkinder von den Supergeldtaschen und wie ich dazu nicht passte. Ich erzählte ihm, wie meine Mitschüler mich nicht mochten und was sie mir deswegen gemacht haben und wie sie mich verfolgt haben. Die waren wirklich aufdringlich. Sie machten sich lustig über mich, aber noch schlimmer war, sie lassen mich nie allein. Sie zeichneten Skeletten und tote Menschen auf meinem Tisch. Die Toten. Von denen habe ich ihm auch erzählt, von denen aus meinen Träumen und die ich manchmal sah.

Jetzt ganz ernst, so dass man sich keine Gedanken macht. Ich bin nicht verrückt oder was. Aber manchmal sehe ich das, dass jemand bald stirbt. Das sieht man wirklich. Erst von ein paar Tagen habe ich eine Frau in der U-Bahn gesehen. Sie schlief und hinter ihr stand ein schwarzer Engel mit ganz großen Flügeln und einem sehr bösen Gesicht. Ich wusste, warum er böse war. Die Frau war eine Nutte. Nein, sie tat’s nicht fürs Geld, aber weil sie es einfach möchte. Ich wusste sofort, dass sie bald stirbt, die kleine Schlampe. Und ich wusste, dass der schwarze Engel es bemerkt hat, dass ich ihn sehe, und dass es ihm auch klar war, ich verstehe, warum er der Frau das Leben nehmen wird. Er hatte es gern, dass ich’s verstanden habe. Er hat mich angelächelt.

Rudolph hörte immer genau zu und stellte manchmal Fragen. Ein paar Mal hat er auch gefragt, ob ich es selber glauben kann, dass es in der Wirklichkeit so was wie Engel geben konnte. Ich lachte, es war irgendwie berührend, dass er Zweifel hatte. Ich hätte sie auch, hätte ich die Engel selber nicht gesehen.

Gerade für dieses Verständnis liebe ich ihn. Das habe ich vor kurzer Zeit verstanden. Lustig, dass es so lange dauerte, bis ich es endlich kapiert habe, er sei ein richtiger für mich. Er weiß Bescheid, mit ihm kann ich einfach so sein wie ich bin. Er kennt mich. Ich werde ihn nicht enttäuschen, und er mich nicht.

Letzte Woche sah ich dort in seinem Warteraum, geschmückt und geschminkt um eine Liebeserklärung zu machen. Er hat sich komisch benommen. Er schaute eher besorgt als glücklich aus. Ich meine, man muss doch froh sein, wenn man von jemandem geliebt wird, oder? Er war aber nicht froh. Nein sagte er auch nicht, aber er sprach eine Zeitweile davon, dass er das freilich versteht, wie es mir geht und warum es mir scheint, ich liebe ihn. Er hat es auch erzählt, warum wir im Rahmen unseres gemeinsamen Arbeiten nicht zusammen sein können, und dass er für mich immer als Freund und Betreuer zur Verfügung steht. Und dass er sein eigenes Leben hat, genauso wie ich mein eigenes habe.

Ich wurde so recht böse auf ihn. Aber nein, zuerst wurde ich einfach traurig. Ich habe mir gedacht, er traut sich nicht, es mir zu sagen, was er fühlt. Dafür bin ich, nachdem die Stunde zu Ende war, nicht nach Hause gefahren (das heißt: nicht den Fahrer angerufen, weil ein Auto zu fahren darf so was wie ich natürlich nicht. Zumindest glaubt so mein Vater). Ich stand dort, im Schatten der Hausmauer und wartete, was weiter passiert. Er hat noch zwei Stunden beim Arbeiten verbracht. Dann fuhr ein Auto in den Hof hinein. Aus dem Auto kam eine Frau mittleren Alters. Bald erschien Rudolph. Die Frau kam ihn nah, küsste ihn, umarmte ihn, dann setzten sie sich ins Auto und fuhren weg.

Ich glaube ich hatte Fieber. Mein Rudolph hat mich verraten. Er liebte mich nie! Er verstand mich nie, er tat es einfach so als ob er mich verstand und liebte, als ob ich ihm – anders als den Anderen – nicht scheißegal wäre! Was er wollte? Na, ist doch ganz klar! Er war von meinem Vater bezahlt. Alles von meinem Vater bezahlt! Er hat über meinen jeden Atemzug Kontrolle! Er hat mein ganzes Leben unter seiner Kontrolle. Er hat mein ganzes Leben zerstört, er ist schuld, dass ich kein Mensch bin!

Ich schlief nicht und vergas diese Tabletten zu nehmen, die ich immer für Rudolph und im Namen Rudolph angenommen habe. Jetzt war es alles Wurscht. Nichts hatte mehr Sinn.

Erst im Morgengrauen ist mir eingefallen was ich tun sollte. Dieses Mal wird es anders sein! Ich werde dieses Mal kein Opfer sein! Ich werde sie alle bestrafen. Ich werde den Verräter, Rudolph, umbringen.

***
–          Ich bin gekommen, um mich von dir zu verabschieden.

Meine Stimme klingt so lustig kalt und fremd. Ich hole die Pistole meines Vaters aus der Tasche raus. Das ist ein Moment des Willens, das ist ein Hauptpunkt meines Lebens! Ich bin kein ich mehr, ich bin keine behinderte verrückte Tochter, die am besten von der Welt isoliert werden muss, damit man es nicht weiß, dass dem Herrn Minister so ein Missgeschick passieren könnte. Ich bin jetzt eine verratene Frau, die für den Verrat Rache nimmt. Ich nehme Rache nicht allein dafür, dass Rudolph eine Nutte, eine andere Frau hat. Ich räche mich dafür, dass kein Mensch mich jemals ernst genommen hat, dass keiner mich verstanden hat, dass ich immer allein und der Welt entgegengestellt war. Für all dies muss jemand bezahlen.

Ich ziele den Rudolphs Kopf an und es fällt mir plötzlich ein, dass jemand hinter meinem Rücken steht. Ich drehe mich ängstlich um, da ich es schon von vorne herein weiß, wen ich da sehen werde.

Er steht hinter meinem Rücken, der schwarze Engel. Er schaut mich streng und traurig an. Er allein versteht mich so gut. Er allein.

Der schwarze Engel lächelt mich ermutigend an und öffnet seine Arme für mich. Jetzt kapiere ich langsam… Ich bringe die Pistole zu meinem Kopf und lächele zurück.

–          Endlich bist du hier. – Sage ich und ziehe den Abzug voll durch.

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